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„Wir sehen uns einmal wieder, lieber junger Freund! I Franz, der so schnell Getröstete, vergaß den Gegenstand immer hübsch den Kopf hoch. An dergleichen stirbt man nicht! I seiner ersten tiefen Neigung indessen nicht so schnell, als es Glück auf, mein Lieber! Eine gute Nacht, mein guter I Cousine und Braut gewünscht und Commerzienraths an- Steffens. I nahmen. *
Die gastlichen Pforten des stattlichen Hauses schlossen *
sich hinter Franz von Steffens. Ihm war's, als sei er ein I Der September neigte sich bereits seinem Ende zu. Ausgestoßener, der Diener, der hinter dem späten Gast die I Qt§ ber Commerzienrath Hunold Gebhardt einmal zufällig Pforte abschloß, der Engel Gabriel, und der mächtige Schlüssel I auf ber Straße begegnete.
in des Alten Hand, das Schwert, mit dem er dem Zudring- Der joviale alte Herr redete den Jüngeren sofort an ltchen den Eintritt, die Rückkehr in das Paradies, verwehren I unb feuerte nach der ersten Begrüßung ohne Umschweife wollte. — I auf sein Ziel los.
Am dritten Tage nach diesem verhängnisvollen Abend, na^m Gebhardts Arm und redete nun eifrig auf
brachte der Postbote eine goldgeränderte Karte in's Lentze'sche seinen Begleiter ein:
Haus. Franz von Steffens, Teßa von Steffens, empfehlen I „Thun Sie uns nur den Gefallen und besuchen Sie sich als Verlobte. Das war die Rache des Verschmähten, I un§ rec^t bald. Was machen denn die Kinderchen? Aha, des Durchschnittsmenschen. — I bett jungen Küken behagt es bei der Großmama! Kenn ich,
Thea trocknete heimlich eine Thräne; Papa Lentze I tenn Glückliche Reminiscenzen, die aus der von Großwetterte auf den boshaften Menschen, dem er „so etwas" Mütterchen beschützten Kinderzeit! Ja, ja, meine Thea hat doch nicht zugetraut. Ina, die Nächstbetheiligte, aber hob I ^re Großeltern noch gekannt, mein armes, kleines Pußchen gleichmüthig die Schultern. I nicht mehr. Sie waren schon tobt; Gott habe sie selig,"
„Es ist gut so!" äußerte sie, ohne Erregung oder I schmatzte der redselige alte Herr neben Gebhardt einher- Empfindlichkeit. „Weiß ich doch jetzt ganz gewiß, daß ich trippelnd und dann: „Nun ja, was ich also sagen wollte--?
recht gethan!"--- richtig! Sie machen un» doch die Freude? Ja? Sehen
Hunold Gebhardt hatte seit Wochen nicht mehr das I mir haben Sie Alle recht lieb gewonnen. Daß Ihre Lentze'sche Haus betreten; es war nur natürlich, daß unter Damen fern bleiben, ist nur selbstverständlich--aber Sie
den obwaltenden Verhältnissen eine Familie die andere mied, j der Teufel, mein lieber Gebhardt, ich denke, wir daß die gegenseitigen Einladungen und Besuche eingestellt I pnb Beide nicht so kleinlich, uns durch Weiberkram auseinanderworden waren. bringen zu lassen. Ich gestehe Ihnen offen, wir entbehren
Bei Lentzes sprach man wie auf Verabredung nie mehr I c^re Gesellschaft, auch meine Töchter und besonders die Kleine, die Namen Steffens und Gebhardt aus, und Ina dankte toenn sie auch nie ein Wort darüber verliert, sie hat einen den Ihrigen diese Rücksicht. Es war überhaupt still in der barten von mir hat sie ihn nicht, na, und ich weiß Villa geworden. Der alte Herr schien bedrückt, Thea leidender I mie sehr sie Ihre Gegenwart vermißt. Das arme denn sonst, Ina ernst und in sich gekehrt, sonst aber die alte, Ding ist ganz kopfhängerig geworden. Daß aber daran und die Dienerschaft wunderte sich darüber kaum. Man I nj^t nur dumme Geschichte mit dem Franz Schuld ist, hatte es ja nicht anders erwartet, und da Franz von Steffens I (ege jch h^e Hand ruhig in's Feuer!" nicht der Mann war, sich die besondere Beachtung seiner I Das gab den Ausschlag. —
Mitmenschen, sei es nun durch hervorstechende gute oder ^un kommen Sie?"
schlechte Eigenschaften zu sichern, so war er bald abgethan. Gebhardt schlug kräftig in die ihm dargebotene Hand.
Seine Verlobung mit der Cousine brachte zwar seine Person I $$ fomme i"
und seinen Namen wieder in's Gedächtniß der Leute, aber I „Bravo! Sie sind ein nobler Kerl, ich wußte es!"
nicht zu Ehren. Diese überstürzte Verlobung mit der nichts I Sie schüttelten sich die Hände und trennten sich mit
weniger als beliebten Teßa, brachte ihn um den letzten Rest elnettt: „Aus baldiges Wiedersehen!"
der ihm entgegengebrachten Sympathieen. Heimlich beglück- I Zwei Tage darauf standen sich Ina und Gebhardt wünschte man Fräulein Ina zu dieser Wendung im Leben; I wieder zum ersten Mal gegenüber, er ernst und doch sichtlich
nur ließ es Ina selbst völlig gleichgültig, wie man sie und | übcr ihren Anblick erfreut, sie ein wenig befangen mit
ihre Handlungsweise beurtheilte. I hochklopfendem Herzen. —
Anders, so ganz anders Alles im Gebhardt'schen Hause. | Thea war zugegen. Sie betrachtete das Paar nicht
Da gab es eine strahlende Braut, die Jedem eine kleine 0^ne Unruhe mit dem heimlichen Wunsche, daß dies Wieder-
Comödie vorspielte, den Fremden und Freunden, den Ver- ^hen nicht stattgefunden hätte.
wandten und dem Bräutigam, nur nicht sich selbst. Es I Der Commerzienrath, der sich etwas später zu den konnte keine liebenswürdigere und zärtlichere Braut geben, Uebrigen gesellte, zeigte die rosigste Laune, die sich zum Theil als die schöne Teßa. Frau Lore wunderte sich geradezu I bat!) aui^ auf feine Jüngste zu übertragen schien.
und auch Gebhardt setzte die Ausdauer, mit der seine I <><na ieiqte sich heiter und angeregt, wie seit langem Schwägerin ihrer Tactik treu blieb, in„Erstaunen. . Franz n.^t < und der Vater sah dies mit inniger Freude und von Steffens hätte eigentlich der glücklichste Bräutigam ^nuathuung, sich wegen seines gutes Einfalles, den Abunter der Sonne sein sollen; daß er es mcht war, daran | trünnigen wieder in sein Haus gezogen zu haben, beglück- trug nur er allein bte Schuld. wünkcdend
Hierüber waren sich die Schwestern vollkommen einig, I ' * * *
that man doch Alles, um ihm den Unterschied zwischen einer . *
Teßa und einer Ina täglich bewußter zu machen. - Sie waren allem. Ina hatte für den Abend eine Ern-
Daß dies den Verbündeten nicht in dem Maße gelang, ladung von einer ehemaligen Schulfreundin erhalten, Geb- wie sie es gewünscht, war Beiden ein Tropfen Wermuth in Hardt ihr seine Begleitung angeboten.
den Becher ihres Glücks; denn ein Glück bedeutete für beide Seite an Seite schritten sie durch die stillen Straßen Frauen schon das Triumphgefühl, das sie in dem Bewußtsein des Villenviertels.
fanden, die verhaßte „Zigeunerin" gedemüthigt zu haben, in Hunold hatte seiner Begleiterin den Arm geboten, nur dem sie ihr schwarz auf weiß bewiesen, daß ein Franz dann und wann eine Bemerkung hmwerftnd, legten sie
von Steffens den Verlust einer Ina Lentze gar bald zu ver- schweigsam die Hälfre des Weges zuruck. Der Abend war
schmerzen gewußt. Frau Lore haßte jenes Mädchen eben klar und etwas frisch; eine leichte Brise wehte vom nahen
auch; ohne logischen Grund nur dem rohen Jnstinct, der sie See herüber und umwehte kühlend die heiße «tirn des
die persönliche Feindin wittern ließ, folgend. Vielleicht hatte Mannes. Schwüle Beklommenheit lag auf Beider Herzen,
ihre Schwester auch hier ihre Hand mit im Spiel gehabt? I So nah und doch so fern durchzog es Inas Seele. Sie


