Ausgabe 
23.4.1898
 
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wie gestochen vorher auf das Papier geschrieben hatte warten Sie mal:Josef Victor d'Arabin Refille."

Ja," sagte der junge Arzt kurz und ungeduldig. >

Na, noch was," fiel die Wirthin rasch ein,der alte , Herr nannte sie doch immer Line so heißt sie aber gar nicht, ich habe das bei ihrer Unterschrift gesehen, warten i Sie mal!" \

Frau Kubaitz, wissen Sie etwas von den Verhalt- j nissen da?" -

Ach so," machte die Gefragte verständnißvoll,Sie ; meinen, wegen Nu ja, jeder Mensch muß mal anfangen j und aller Anfang is schwer, bei den Herren Doctors auch, Z das kann man sich ja denken, So, darum also! Ja, was ; soll ich sagen Schmalhans is ja wohl Küchenmeister da, wie man bei uns in Cottbus und auch hier zu Lande sagt denn, denken Sie mal, Leute mit 'nem ausländ'schen Namen und dann vier Treppen Hinterwohnung möbllrt! Na, meine Miethe habe ich natürlich im Voraus genommen, sicher is sicher. Unds Begräbniß is anständig gewesen i und die nehmens ja im Voraus, denn nich mal der Tod is ' umsonst und Aerzte und Apotheker sie stockte, zupfte die Schürze glatt, und nickte dann wieder zuversichtlich. Und noch an demselben Abend nach dem Tode is das Fräulein ausgegangen, Hundewetter wars und sie dauerte mich, und ich wollte ihr den Gang abnehmen. Aber, es ginge nich, meinte sie und hielt ihr Handtäschchen so fest vor sich _ sxhn Sie, da drin wird sie wohl was aus besseren Zeiten gehabt haben, Schmuck oder so was, das hebt man sich immer bts zuletzt auf. Und wegen dem Gelde für die Be­handlung,' zu dem kommen Sie gewiß. Geschäft is mal Geschäft, sagte mein seliger Kubaitz!"

Fragen Sie das Fräulein, ob sie mich sprechen will!"

I, warum denn nich, die wird sich doch freuen, wenn eine Menschenseele nach ihr sieht", und Frau Kubaitz machte eine einladende Bewegung nach der Thür.

Ich möchte, daß Sie erst fragten!"

Die Frau schüttelte den Kopf.Na, wenn Sie es nich anders wollen."

Bruno Hallsberg legte den Hut auf das Seitentischchen und stellte den Schirm in eine Ecke, er erinnerte sich dabei, daß er's genau so eine Woche lang gemacht hatte, an jedem Tage war er zwei Mal gekommen, nach dem schwerkranken Manne zu sehen, dem keine ärztliche Kunst mehr helfen konnte. Und gleich in dem ersten Zimmer war dann sein Blick auf das Lager gefallen, wo der grauhaarige characteristische Kopf auf den Kissen lag und auf die schlanke Mädchengestalt daneben, und dann hatten sich die dunklen großen Augen kummervoll zu ihm gewendet.

Herr Doctor, scheint es nicht ein wenig besser zu

gehen?"

Und sonderbar, so oft er sich mühte, ihr in milder Täuschung zuzugestehen, daß dem so wäre, hatte er die Empfindung, als könne sie den Worten nicht glauben, als blicke sie tiefer in seine Seele mit diesen wunderbaren Augen

und lese da die Wahrheit.

Das habe ich doch gewußt," erklang die Stimme der Wirthin,Sie sollten man rein kommen. Alles proper und ordentlich, denn so Eine, die erst die Sachen von den Stühlen nehmen muß, wenn man kommt, die is sie nicht."

Als der Doctor über die Schwelle des Zimmers ge­

treten war, das nur vom Zwielicht erfüllt wurde, stand die schlanke Gestalt vor ihm.

Ah, Herr Doctor"

Er ließ sie nicht aussprechen.

Ich habe in der Nähe zu thun, im Nebenhaus nämlich, und da wollte ich nachsehen"

Sie nickte und deutete an die Wand drüben, wo an der Stelle, an welcher das Bett des Kranken gestanden, nun ein Sopha sichtbar war.

Es hat überstanden werden müssen," sagte sie zwischen den Zähnen hin, wie in einer Art von Trotz.

Er nahm den Stuhl, welchen sie ihm bezeichnete.

Ich komme, Ihnen nicht mit dem billigen Trost, daß Ihr Herr Vater durch den schnellen Tod einem leidvollen Alter entging er war eine zu kräftige Natur. Sie wissen das selber."

Ja," sagte sie,die Arabins find alle sehr alt ge­worden, zäh unverwüstlich, schwer zu beugen. Er war

Während sie sprach, schimmerten die weißen Zähne zwischen den stolz geschwungenen Lippen. Dann legte sie plötzlich die schlanken Hände fest gegen einander.Er hat's überstanden, das Scheiden vom Leben, das ihm so unsäglich lieb war von dem er mit seiner fröhlich hoffenden Natur noch immer Bestes erwartete und ich sage, es ist gut für ihn dennoch!"

Fräulein von Arabin"

Ich weiß genau, was ich geäußert!" stieß sie hervor und wandte das Haupt wie mit einer unwilligen Bewegung zur Seite. Des Doctors Auge hing an der feinen Profil- linie die kleine, gerade Nase, mit den ovalen Flügeln, die leise zitterten, das energische Kinn, der schöngeschwungene Halsansatz entzückten ihn. Sie trug dasselbe schwarze, ein­fache Kleid, in welchem er sie zuerst gesehen, kein Versuch war gemacht, äußerlich in größerer Trauer zu erscheinen. Die Büste, knapp umspannt, trat in voller Schönheit hervor, die sanft geschwungenen Linien über den Hüften verriethen einen klassisch geformten Körper. Gerade jetzt, in dem scheidenden Licht,' wo sie gegen das Fenster gewendet saß, trat das Alles scharf umgrenzt und plastisch hervor.

Ja, es war gut für ihn- das Leben hatte ihm nichts mehr zu bieten."

(Fortsetzung folgt.)

Ein bürgerlicher Fisch.

Von Dr. Fritz Bernhard.

Wenn die Fische eines Gewässers einen Staat bildeten, würde man das Geschlecht der Bleie oder Brassen für den behäbigen Bürgerstand erklären müssen. Die Hechte und Barsche würden im Wasserstaat als Agrarier bezeichnet werden, die Plötze als Proletarier schon deswegen, weil sie eine sehr zahlreicherothe" Spielart aufweisen.

Der Vergleich, der natürlich ebenso hinkt wie jeder andere, ließe sich noch nach einer' anderen Richtung fort­spinnen. Wir meinen damit die geringe Werthschätzung, die dem Brassen als Speisefisch zu Theil wird. In Berlin z. B. ist es geradezu auffallend, wie gering die Hausfrauen den Blei im Vergleich zum Karpfen schätzen, und doch ist das Fleich des Blei feiner, zarter und wohlschmeckender als das des Karpfens.

Dem Berliner Geschmack haben wir schon eine Con- cession dadurch gemacht, daß wir den Brassen mit dem aus dem Slavifchen stammenden AusdruckBlei" bezeichnen. Die reichshauptstädtische Geringschätzung des Brassen scheint uns jedoch mehr auf einer Verwechselung dieses mit seinem minderwerthigen Halbbruder, dem Gieben, Ginster, oder Halbfisch, zu beruhen, andernfalls man dem Berliner Geschmack nicht gerade ein günstiges Zeugniß ausstellen könnte.

Die äußere Form des Blei kann wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Er hat eine flachgedrückte Gestalt, die seitlich angeschaut wie ein langgezogenes Viereck erscheint. Genau so, mit derselben Anordnung der Flossen, sieht der Gieben aus., dessen grätenreiches, zähes Fleisch wir gern der allgemeinen Verachtung preisgeben wollen. Unfehlbar jedoch kann man aus der Farbe der Flossen die beiden Vettern unterscheiden: Der Blei hat stets blau graue, der Gieben röthliche Floffen.