Ausgabe 
22.5.1898
 
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Moderne und praktische Wadfahrkkeidung,

bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmannfactur, Dresden.

Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmusterbnch für 50 Pfg. daselbst erhältlich.

Rabeners Wort:Kleider machen Leute" trifft vielfach zu. Kleider müssen oft Tugenden und Verdienste ersetzen und zu Ansehen ver­helfen; deswegen begegnet Rabener wenig Personen mit mehr Ehrfurcht als dem Schneider. Verdienste, Verstand sieht er unter seinen Fingern hervorwachsen. Kleider muffen oft den Rang characterifiren, den eine Person einnimmt, sie zeigen, wie tapfer, wie reich, wie vornehm Jemand ist. Die Kleidung ist auch ein wichtiges Erkennungszeichen, sie läßt erkennen, welcher Nation der Mensch angehört, welcher Gegend, welchem Thal er entstammt, wir brauchen nur an die Trachten der Zillerthaler, Pusterthaler u. a. zu erinnern. Auch welchem Sport der Einzelne huldigt, ob Jagdfport, ob Fahr- und Reitsport, Segel- und Rudersport, Touristen-, Lawn-tennis- oder Radfahr­sport u. a. Gerade für die verschiedenen Sportarten ist die Kleidung durch sinn­reiches Eingehen auf praktische Zweck­mäßigkeit und Gefälligkeit eine so präg­nante, daß sie den Zweck ihres Gebrauchs auf den ersten Blick erkennen läßt.

Eine practische Radfahrkleidung muß z. B auf Wind und Regen, Staub und Schweiß eingerichtet sein; sie muß also eine Staub- und Wetterfarbe haben und von Wolle sein. Anstatt des Hemdes ist es zweckmäßig, einen leichten Sweater auf dem bloßen Leibe zu tragen und erst Abends denselben mit dem Hemde zu vertauschen. Es sind Uebelstände un­angenehmster Art, wenn der Radfahrer nach langer Fahrt am Orte seiner Be­stimmung ankommt und Leinenkragen und Oberhemd infolge des Schweißes und der Einwirkung des Straßenstaubes

fast unbrauchbar geworden sind. Bei der Unbequemlichkeit, die dem Tourenfahrer durch größeres mitzuführendes Gepäck erwächst, begrüßte man es mit Freuden, als der Sweater aus der Bildfläche erschien, weil er mit Bezug auf feine Machart alle Vorzüge in sich vereinigt und sich den Wünschen des radfahrenden Publikums aufs Beste anpaßt. So ist es gekommen, daß der Sweater ein unentbehrliches Kleidungsstück für den Radfahrer geworden ist, das sich auf der Tour und selbst auch auf der Rennbahn aufä Trefflichste bewährt.

Ein sehr wichtiger Punkt ist die Fußbekleidung. Der Renn­fahrer mag Schuhe mit leicht biegsamen Sohlen tragen, der Tourenfahrer braucht festere Soh­len, die man auch zum Gehen brauchen kann. Der enge Schuh ist schon beim Gehen unbequem, aus dem Rade wird er zur Tortur. Ein genaupassender, bequem sitzen­der Schuh ist von größter Wichtig­keit. Ob hohe Stiefel oder Nieder­schuhe ist schließlich Geschmacks­sache. Die Stiefelfchäfte müssen dann aber von ganz weichem, sehr geschmeidigem Leder fein. Leichter und bequemer sind jedenfalls Halbschuhe, doch dürfen sie auch nicht zu niedrig sein. Ganz un- practisch sind jedenfalls Sandalen; sowie man auf einem einiger­maßenstaubigen Weg nur wenige Schritte in ihnen geht, sind sie mit Sand gefüllt, und wie un­angenehm das ist, weiß Jeder, der es, wenn auch nur in seiner gewöhnlichen Fußbekleidung, durchgemacht hat. Ebenso un- practisch sind die Schuhe aus

durchbrochenem geknüpften Gewebe. Auch sie gestatten dem Sande den Zutritt zum Strumpf, vom Schmutz Bei nassem Wetter ganz zu schweigen.

Den Strumpf wählt man natürlich der Saison gemäß stärker oder leichter. Die Farbe ist rein Geschmackssache. Die lebhaften Farben in schottischen Dessins sind zu manchen Anzügen recht passend, indessen nimmt sich der schwarze Strumpf am besten und vornehmsten aus. Bei Regenwetter sind Gamaschen empfehlenswerth, die natürlich wasserdicht sein müssen.

Tourenfahrens gehört der Wettermantel oder

dem sind zwei­reihige Fatzon- westen sehr be­liebt. Die ein­fache Gurtweste von gleichem Stoff des An­zuges ist nicht mehr modern, an deren Stelle sind, wo keine Westen getra­gen werden, Gürtel verschie­dener Formen und Qualitäten in Gebrauch, um den Hosen- Bund zu ver­decken; theiis Schärpengürtel von schwarzer Seide, theils von Gummi- oderGurtBand.

Zu den un­entbehrlichsten Kleidungsstücken des

das Beste Material dazu.

Bezüglich der Kopfbedeckung giebt jeder seinem Geschmacke Raum. Eine Mütze sieht schneidiger aus, und ein weicher leichter Filzhut ist practischer. Für Fahrten in großer Hitze ist die Jdealkopfbedeckung eine Art Tropenhelm.

eigentlich Wetterkragen. Es ist eine Wohlthat, Beim Absteigen im Winde, im Schatten oder gar erst im Regen den Oberkörper mit diesem Kleidungsstück wirkungsvoll schützen zu können. Der Radsahrmantel besteht aus einer einfachen Pelerine mit Umlegekragen und Kapuze. Er muß so lang und weit sein, daß er die Lenkstange mit deckt und gleich­zeitig die Kniee des Fahrers schützt. Feine imprägnirte Lodenstoffe sind

Der Reithosenfchnitt ist für Sportbeinkleider heute eine überlebte Sache; die Pumphose, nicht zu Bauschig und besonders bequem in der Kniegegend, ist am zweckmäßigsten. Wer in Städten nicht immer als Radfahrer Herumlaufen will oder hier und da Besuche zu machen hat, benützt das moderne lange Beinkleid und legt Beim Fahren kurze Stulpen mit Gummi-Einsatz an.

OBerkleider für Radfahrer sind Saccos und Blousen. Saccos sind vorwiegend einreihig und dürfen nicht zu lang fein; Bevorzugt ist die dreiknöpfige Faqon mit flottem Abstich. Beiderfeits aufgesteppte, mit einem Knops zu schließende Seiten- nnd Brust­taschen entsprechen am meisten dem sportlichen Character. Zweireihige Saccos, soweit dieselben zum Radfahren Verwendung finden, sind mit spitzen Klappen, gerader Fronte, auf drei Knöpfe fchließend und mit eingeschnittenen Seitentaschen, die mit Schiebepatten versehen sind. Der Sitz des Saccos ist zwar lose, bringt aber durch eine ge­fällige Taillenschweifung die Körperform der yigur in bester Weise zur Geltung.

Blousen sind nicht allein wegm ihrer Bequem­lichkeit und kleidsamen Form allgemein beliebt, sie bieten auch der Sportkleidung eine endlose Ab­wechselung. Das geeignetste Material dazu sind Lodenstoffe, die selbst bei billigen Preislagen weniger an Ansehen verlieren, auch wenn sie im verstärkten Maße der Abnutzung ausgesetzt sind. Auch sorgt die Fabrikation in Anbetracht der collosalen Nach­frage immer mehr für schöne und gefällige Melangen und Muster, wodurch die Grenze ihrer Beliebtheit und Verwendbarkeit nur noch mehr erweitert wird. Mit und ohne Koller und mit den verschiedensten Faltenstellungen bieten sie die reichhaltigsten Variationen. Bei einer Kollerblouse

laufen etwaige Falten im Kolleransatz aus, andernfalls im Halsloch oder in der Achselnaht. Die Breite der Falten ist sehr verfchieden und richtet sich in der Hauptsache danach, ob eine oder mehrere Falten gelegt sind. Der Gurt ist gewöhnlich gleich breit mit den Falten. Die Taschen können sowohl aufgesteppt wie eingeschnitten sein, meist sind sie zum Zuknöpfen gemacht.

Westen für Radfahrer sind am zweckmäßigsten einreihig ohne Kragen, außer-

2001)

Redaction: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei tPietsch Erbens in Gießen.