Ausgabe 
22.3.1898
 
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Geschlecht zarter und körperlich empfindsamer, d. h. körperlich verfeinerter gehalten. Das Weib vermag sonach weniger den herantretenden Gefahren des Lebens zu trotzen, als der Mann.

Wenn die Knaben in der stürmischen Bewegung ihrer wilden Spiele, im Ringen und Stoßen, im Klettern und Jagen ihre Kräfte üben, werden die Mädchen von der Sitte zu ruhigerem Verhalten veranlaßt, zu einer künstlichen Be­schränkung ihrer jugendlichen Beweglichkeit erzogen. Während der Knabe seine ganze freie Zeit zumeist der freien Körper­ausbildung widmen kann, sitzt das Mädchen am Clavier, am Strickstrumpf, am Stickrahmen. Und endlich ist auch die weibliche Kleidung an und für sich kräftiger Bewegung hinderlich. Es fehlt die freie Bewegung. Anstand, Sitte, gute Erziehung uns andere an und für sich hochzuschätzende Güter haben auf dem Gebiete der leiblichen Leibespflege ge- wisie Vorurtheile erzeugt, die schon dem kleinen Mädchen, das noch Kind ist, freies Umhertummeln verbieten, die es in enge Kleider einschuüren und leider so oft verkümmern und verwelken lassen. Auch das sociale Leben der Gegen­wart hat die Frau in eine ungünstige Lage gebracht, ja ge­drängt und es ist dringend zu wünschen, daß sie aus der­selben befreit werde, daß ihr das Recht zutheil werde, sich gesund und kräftig zu entwickeln.

Einsichtige Pädagogen haben das längst erkannt und im Frauen- und Mädchenturnen ein Mittel gegen diese Ver­nachlässigung gefunden und dieses warm empfohlen. Die Aerzte schließen sich ihnen rückhaltlos an, sofern dieses Turnen, diese Leibesübungen nicht eine bloße Nachahmung des Turnens der Männer bildet, sondern dem Wesen der Frau angepaßt wird. Leider sind auf diesem Gebiete immer noch Vorurtheile zu bekämpfen, die in den meisten Kreisen gegen das Turnen der Weiblichkeit herrschen, sowie die Gleichgültigkeit der Massen, welche jeder noch so guten Neuerung abhold sind. Auch das Schulturnen gewinnt in Mädchenschulen nur langsam Boden! Wenn es doch ein­mal Mode bei den Frauen würbe so möchte ich aus­rufen einen kraftvollen Körper zu besitzen, dann wäre den Leibesübungen für die Frauenwelt jeder Hauch von Emancipation genommen, dec für uniere Töchter noch immer darüber zu lagern scheint! Wenn sich das weibliche Geschlecht nur erst einmal recht bewußt würde, daß ein starker, kräftiger, gesunder Körper auchSchönheit" ist, das würde den hygienischen Leibesübungen eine große Nummer bei ihnen sichern!

Ein genügendes Maß von Bewegung ist ein vortreff ltches Mittel zur Entwickelung des Körpers, zur Erzeugung und Eihaltung von Kraft und Gesundheit, zur Vorbeugung von Krankheiten, während der Mangel an Bewegung fast immer Krankheiten zur Folge hat. Die gesteigerten An­forderungen an den Geist der Menschen, der tägliche harte Existenzkampf, wirken schädigend auf den Gesammtorganis- mus, sie haben naturgemäß eine Reihe von Leiden zur Folge- abgeschwächte Herzthätigkeit, mangelhafte Blutbildung, Athmungsbeschwerden, Verdauungsstörungen, nervöse Schwäche, Reizbarkeit des Gemüths und andere Uebel, die heute zu den alltäglichen Krankheitserscheinungen der Frauenw-lt vor­nehmlich in den Großstädten gehören. Man braucht nur die Schaaren blasser Schulkinder, welche die Straßen des Morgens beleben, die gebrechlichen, schmalhüftigen Frauen und Mädchen anzublicken, um ein Bild von der Unzuläng­lichkeit solcher Verhältnisse zu haben.

Schwerlich wird durch gewöhnliches Spazierengehen dem naturgemäßen Erforderniß an Körperbewegung genügend entsprochen, das namentlich bei reichlicher und gehaltvo er Nahrung umfassende Bewegungsthätigkeit erheischt. Ja, wenn man nur üderhaupt an regelmäßiger Bewegung an Gehen, an vieles Gehen, in frischer, freier Gottesnatur dächte! Die Men chen verbringen eben ihr Erdenleben

meistens in geschlossenen Räumen. Um einen gesunden, rüstigen Körper zu erhalten, oder sich zu erhalten, ist jedoch das Spazierengehen noch kein ausreichendes Mittel, hier müssen körperliche, regelmäßig vo-genommene Hebungen, das heißt systematische Leibesübungen vorgcuommen werden, die ausgleichend wirken.

Nur Gesundheit ist Sckiönhftt, Anmuth und Grazie- Kraft herbeiführen heißt Gesundheit erzeugen. Welche Vec- kehriheir, wenn man z. B. meint, ein Mädchen dürfte nicht viel essen, das sei nicht chic und kräftiges Wangcnroth sei nicht fashionable oder dergleichen. Jeder vernünftig Denkende wird dem gesundheitlich erzogenen Mädchen vor den sensiblen Treibhauspflanzen unserer heutigen Großstadrsalvns den Vorzug geben.

Das Turnen bildet das beste Gegenmittel gegen die Anforderungen der Schule und der häuslichen Erziehung des weiblichen Geschlechts. Unsere Muskeln sind die Erzeuger der Körperwärme und haben unersetzlichen Einfluß auf die Blutbewegung des Körpers und auf unsere Athmung- sie sind die eigentlichen Blutbildner und Blutreiniger unseres Organis­mus. Was daher die Muscalatur festigt und stärkt, was überhaupt sie erst bildet, muß einen hauptsächlich gesundheit­lichen Factor darstellen. Dieser wichtigen Aufgabe wird das Turnen gerecht.

Leicht könnte man hier annehmen, daß es nun nur nöthig und nützlich wäre, den weiblichen Tnrnunterreicht bis zum Abschluß der körperlichen Entwickelung auszudehnen. Gewiß sind die Jahre der Kindheit ganz besonders geeignet, die Lebenskraft des Mädchens zu mehren und za stärken und diese Zeit Pflegt auch die höchsten Anforderungen an sie zu richten, da schon vom zweiten Jahre an das rasche Waehsthum des weiblichen Körpers beginnt. Hier heißt es vor Allem den Verbiegungen der Wirbelsäule dem Sch ef- werden entgegenzuarbeiten. Doch auch nach Verlassen der Schule darf die körperliche Ausbildung des Weibes nicht vernachlässigt werden; das Sitzen bei Handarbeitenc. erfordern eine doppelte Rücksichtnahme auf die Pflege dcS ganzen Körpers und es ist hier die Aufgabe der Erziehung, durch systematische Körperübnngen, durch Turnen, das Gleich­gewicht wieder herzustellen. Lonst ist große Gefahr vor­handen, daß später der ersehnte Hafen des häusliche» Glückes für den widerstandslosen Körper eine Stätte von Leiden, ja auch Siechthum wird.

Wenn ich noch ein Wort der Bekleidung beim Turnen reden soll, so will ich nicht verfehlen, darauf hinznweisen, kein einschnürendes Kleidungsstück zu tragen. Ein solches' Gewand würde der Ausdehnung des Brustkorbes und der vermehrten Thätigkeit der Rumpfmusculatur hinderlich sein, ja dieselbe aufheben.

Fragt man mich schließlich, ja, wo sollen wir Frauen und Mädchen nun eigentlich turnen, nun so will ich Euch bie Antwort nicht schuldig bleiben. Laßt die Mädchen in den Schulen turnen und im Freien viel spielen. Im Spielen liegt Turnen! Ihr Jungfrauen und Frauen aber schließt Euch den jetzt überall erstehenden Frauenabtheilungen an oder treibt wenigstens Hausgymnastik, allein für Euch, oder unter fachlicher Leitung einer competenten Person. Die Hausghmnastik ist für die Jungfrauen und Frauen schon aus dem einen Grunde wichtig, weil sie selbst die über­triebensten Ansprüche des conventionellen Anstandes, ich möchte sagen: der Prüderie, vollkommen wahrt. Es kann doch kein noch so peinliches Gefühl verletzt werden, wenn z. B. die Tochter des Hanfes unter Aussicht einer Lehrerin, oder gar der Mutter, im eigenen Hause turnt!?

Humoristisches.

Verfänglich. Fremder (an der Kasse der Menagerie) r Ist auch ein Kamcel in der Bude zu sehen?" Besitzer: Natürlich . . .«"treten Sie nur näher!"

Sebactitn I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbii dm-i (Pietsch & Scheyda) in Gießen.