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Plättend gestanden,- heute lag sie unweit davon auf einer auf dem Fußboden ausgebreiteten Decke, mit einem weißen Tuche zugedeckt.
Es herrschte bereits eine leichte Dämmernng in dem Gemache, vor dessen Fenster ein Baum stand. Das junge Laub war aber doch noch nicht dicht genug, um die letzten Strahlen der sinkenden Sonne ganz auszuschließen und so fiel ein solcher, als Adolf mit bebenden Händen die Hülle entfernte, auf das wachsbleiche Gesicht der Todten und verlieh ihm einen täuschenden Schimmer des Lebens.
Doch nein, nicht des Lebens, sondern der Verklärung, der Vergeisterung. Nicht in den Tagen, wo er Anna über Alles zu lieben, ohne ihren Besitz nicht leben zu können geglaubt, war sie ihm so schön, so Lieblich vorgekommen wie jetzt, wo er sich über diese arme entseelte Hülle beugte, über diesen kleinen Kopf, dessen aufgelöstes hellbraunes Haar wie von einer Strahlenglorie umwoben schien.
Die Augen sahen aus, als wären sie im friedlichen Schlummer geschlossen, aber auf der Stirn und ganz besonders um den ganz leicht geöffneten Mund lagen Linien, welche Adolf noch nie darauf bemerkt hatte und welche doch nicht von dem kurzen Todcskampfe eingegraben sein konnten. Während er an der Leiche stand, ging ihm eine furchtbare, ihn tief erschütternde Offenbarung auf: er war weit schuldiger gegen Anna als er selbst gewähnt hatte.
Sie hatte um seine Treulosigkeit gewußt, hatte schwer und schweigend darunter gelitten.
Was er jetzt vor sich sah, das war ihr wahres Gesicht, das sie unter einem freundlichen Lächeln, einer sanften, hingebenden Miene verborgen hatte, so oft er in ihrer Nähe gewesen war. Und hatte er sich dann da immer die Zeit und die Mühe genommen, sie genau anzusehen? War nicht sein Hirn mit ganz anderen Gedanken beschäftigt gewesen, hatte seinem Auge nicht ein ganz anderes Bild vorgeschwebt?
„Anna, vergieb, vergieb!" rief er schluchzend und sank neben ihr nieder, ergriff eine ihrer kalten, starren Hände und faltete die seinigen darüber.
Die Liebe, welche er einst für das einfache junge Mädchen empfunden und welche Carolas leuchtende Erscheinung in den Hintergrund gedrängt hatte, brach wieder hervor, stärker, inniger, heißer- es war ihm, als erwache er aus einem Traum zum vollen Bewußtsein dessen was er besessen hatte — und verloren!
„Anna vergieb, vergieb!" wiederholte er, ihre bleiche, kalte Stirn mit seinen Lippen berührend, „ich habe Dir sehr, sehr wehe gethan, ich weiß jetzt, daß Du gelitten hast um meinetwillen. Ich habe eine schwere Schuld gegen Dich auf mich geladen und keine Reue vermag sie zu sühnen!"
Plötzlich fuhr er zusammen, ein Schauer schüttelte seine Glieder. War die Schuld vielleicht noch viel größer und schwerer? Hatte er ihren Tod auf dem Gewissen? War sie freiwillig aus dem Leben geschieden, das ihr werthlos geworden, seit sie sich nicht mehr von ihm geliebt wußte?
Was ihm sein Vater über das Ereigniß, das ihren Tod herbeigeführt haben fo'lte, mitgerheilt hatte, klang doch nicht ganz glanbwürdig. Sollte das ruhige, besonnene Mädchen wirklich in blinder Hast dem Papagei nachgesprungen sein? Galt ihr das Leben des Thieres so viel, daß sie, um es zu retten, das eigene auf das Spiel setzte?
Der Papagei war freilich sein Geschenk. Die süßesten Erinnerungen ihrer jungen Liebe waren damit verknüpft. Ihn verlieren hatte vielleicht für sie das Zerrreißen eines letzten Bandes bedeutet? Wer konnte sagen, was in der herb verschlossenen Seele eines leidenden, gänzlich auf sich selbst angewiesenen jungen Mädchens vorging?
War sie in den Tod gegangen und hatte den Gefährten ihrer einsamen Stunden, den Einzigen, dem sie ihren schweren Hcrzenskummer anvertraut, mit sich genommen?
Eine Vorstellung war immer quälender als die andere, und welche war die richtige?
„Wahrheit! Klarheit!" stöhnte er und hielt sich den brennenden Kopf. „Wer giebt sie mir? Und was frommt sie mir?"
„Ob mein Vater die Wahrheit ahnt und sie mir barmherzig vorenthalten will?" sann er weiter. „Er kommt mir so anders vor, behandelt mich mit einer Rücksicht, die ihn mir ganz fremd erscheinen läßt."
„Anna, Anna!" schrie er auf, „bin ich wirklich Dein Mörder? Jst's mein Wankelmuth, der Dich in den Tod getrieben hat?"
Da war es ihm, als ob die Todte sich rühre. Entsetzt sprang er empor. Hinter ihm hatte sich die Thür geöffnet, ein Luftzug bewegte das zurückgeschlagene Tuch.
Erst jetzt bemerkte Adolf, daß er sehr lange an der Leiche der Unglücklichen verweilt haben mußte, denn das Tageslicht war verglommen, Schatten der Dämmerung erfüllten das Zimmer und zogen ihren grauen Flor auch über das bleiche, stille Gesicht der Todten.
Schritte ertönten hinter ihm. Er wandte sich um und stand Stephan Hotten gegenüber, dessen Auge finster, drohend auf ihn gerichtet war. —
(Fortsetzung folgt.)
Ein Wort zu Gunsten des Frauen- und Mädchen-Turnens, Von Rudolf Müller, Turnlehrer.
Die Leibesübungen sind wohl so alt, wie das Menschengeschlecht und so innig und unzertrennlich mit unserem Leben verbunden, daß sie selbst einen Hauptfactor desselben ausmachen. Wersen wir einen Blick auf die Urzustände der Menschheit, so wird uns dies um so klarer. Der noma- disirende Jäger in den Wäldern, an den Ufern der großen Flüsse und Seen, der Schiffer auf den Meeren und der seine Heerden schützende Hirte, — überall und zu jederzeit beutegieriger Kampf. Alle diese Lebensarten setzten ein bewegtes Dasein voraus und mußte bei der großen Unzuläng- j lichkeit an geeigneten Handgeräthen und Waffen ungemein viel Kraft zur Vollbringung des Angestrebten verwendet werden. Der Mensch jener grauen Vorzeit mußte des Speeres kundig sein im Wurf und Stoß, denn weithin galt es, sicher den wuchtigen Schaft zu schleudern, den Bogen straff zu spannen, sicher zu treffen. Handfest die Keule und Axt, rasch und behende im Lauf und Sprung. Um diese Kraft und Gewandtheit zu erlangen, war von früher Jugend ein häufiges Neben unerläßlich. Bei den alten Griechen wurden die Leibesübungen ganz besonders gepflegt und bei Festen dann die Tüchtigsten im vollen Glanze körperlicher Tüchtigkeit mit Preisen, Kränzen aus heiligem Haine belohnt. Diese Leibesübungen waren bei allen Völkern im Alterthum und Mittelalter ganz natürliche, den Verhältnissen und der Lebensweise entsprungene, wie sie alle Völker durch- machtcn, bis sie durch die Cultur dem Urwüchsigen entrückt in die Bahnen des Fortschritts und der verfeinerten Lebensweise einlenkten.
Bis in unser Jahrhundert haben die Leibesübungen glücklicherweise durchgegriffen und die ganze gebildete Welt icbeint zu der Einsicht gekommen zu sein, daß mit den immer vorwärts schreitenden Anforderungen an unser geistiges Vermögen auch die Uebung, Ausbildung und Vervollkommnung unseres Körpers Hand in Hand gehen muß. Die Gefahren für die Gesundheit, welche das heutige Leben mit sich bringt, treffen nichr alle Schichten der Bevölkerung in gleichem Maße. Auch zwischen den Geschlechtern besteht nach dieser Richtung hin ein wesentlicher Unterschied. Der Manu tritt gegen die Gefahren der Gesundheit weit besser ausgerüstet in das Leben ein, als das Weib. Während das männliche Geschlecht, von Natur aus mit den Vortheilen eines starken, i widerstandsfähigen Körpers ausgestattet ist, ist das weibliche


