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mal zu sehen. Wenn Constanze ihm die Hoffnung mit ans den Weg geben könnte, daß sie ihm später einmal, vielleicht in Jahren verzeihen, daß sie es des Kindes wegen vielleicht über sich gewinnen könnte, ihm nachzufolgen, dann würde er leichten Herzens die große Reise über den Ocean antreten.
Er vertraut seiner Mutter an, was sein Herz bedrückt. Frau Köster hat selbst schon daran gedacht, und sie ist schon aus eigenem Antrieb, noch bevor ihr Otto davon gesprochen, bei Constanze und dem Kammergerichtsrath gewesen. Und eines Tages öffnet sich die Thür in der kleinen Wohnung der Rügenerstraße und Constanze, ihren kleinen Sohn an der Hand, erscheint auf der Schwelle.
Otto steht blaß, regungslos da, wie angewurzelt. Er wagt sich nicht ihr entgegen. Aber sie selbst schreitet mit freundlichem Gesicht auf ihn zu und legt ihm den Knaben in die Arme.
„Wir kommen", sagt sie und ihre Augen schimmern in feuchtem Glanz, „wir kommen, um Dich zu bitten, uns mit Dir zu nehmen."
Otto streckt die Arme nach ihr aus. Er ringt nach Worten, um ihr fern heißes Dankgefühl auszudrücken, aber seine Stimme erstickt in dem ungestüm hervorbrechenden Thränenstrom.
Acht Tage später findet die Abreise statt. Die ganze Familie giebt den Scheidenden das Geleit nach dem Bahnhof. Der alte Köster reicht seinem jüngsten Sohn zum ersten Mal wieder die Hand. Auch der Kammergerichtsrath ist auf dem Bahnhof. Tief bewegt umarmt er Tochter und Schwiegersohn.
„Vergessen sei und vergeben", sagt er zu Otto, „was hinter uns liegt! Glückliche Reise und eine frohe Zukunft!"
Frau Köster ist bis zum letzten Augenblick an Ottos Seite. Sie hält ihn an der Hand und läßt ihn keine Secunde aus den Augen. Zu sprechen wagt sie nicht. Sie fühlt, daß sie doch nur ein fassungsloses Schluchzen würde hervorbringen können. Aber ihre Blicke sprechen beredter als es Worte könnten von der unerschöpflichen, nie erlöschenden Mutterliebe.
Für Dittas Brautkleid!
Novelle von E. Reinhold.
(Fortsetzung.)
Marianne hätte den Fünfhunderter gern zinsbar angelegt, denn für sich braucht sie ihn ja nicht, da Moritz ihr überreichlich Geld zurückgelassen, aber sie wußte nicht, wie sie das machen sollte, und Jemanden zu fragen, genirte sie sich. So legte sie ihn vorläufig in ihre Cassette zu dem Uebrigen, und als sie ihn dort liegen sah, verlor der Gedanke, einen unangenehmen Mitbewohner im Hause zu haben, viel von seinem Schrecken.
Auch die Sorge, daß spürende Freunde hinter Mariannens Geheimniß kommen und den Baron nicht als einen schützenden Onkel, sondern als einen ganz gewöhnlich zahlenden Gartzon- miether betrachten und ausposaunen würden, erwies sich als überflüssig. Alle, auch der Hauswirth, glaubten an die Onkelschaft des Barons.
Trotzdem hatte Marianne manchmal ein ungemüthliches Gefühl, zumal, wenn sie an ihren Gatten dachte. Sie hatte nicht gewagt, ihm etwas von ihrer Finanzoperation zu schreiben, sie wollte ihn „überraschen", wenn er zurückkam. Sie wünschte doch sehnlichst, sie hätte diesen Moment der ; Ueberraschung erst glücklich überstanden. Halb ersehnte sie, \ halb fürchtete sie die Rückkunft ihres Moritz.
So war der Juli herangekommen, der letzte Mieths- ! monat des Barons. Da überraschte der Letztere seine > Wirthin an einem der ersten Tage des Monats durch die ' Mittheilung, er habe heute Geburtstag und für den Abend !
\ drei Freunde eingeladen ; Marianne möge für ein gutes Souper und gute Weine sorgen.
Der Abend kam und es erschienen die drei Freunde, wie der Baron, alte, aristokratisch aussehende Herren. | Marianne hatte für ein gutes Abendbrot Sorge getragen, $ und aus dem von ihrem Moritz wohlversorgten Weinkeller die besten Marken heraufgeholt. Barbara, welche beim i Abendbrot die Aufwartung machte, berichtete, die Herren hätten ihre volle Zufriedenheit mit Speisen und Getränken geäußert, namentlich mit den letzteren. Sie hätten sich zu einem regulären Trinkgelage — Barbara gebrauchte allerdings ein drastisches Wort — niedergelassen.
Diese Botschaft machte Marianne besorgt. Eine wüste Kneiperei in ihrer Wohnung? Das wolite sie nicht hoffen. I Aber es dauerte nicht lange, da wurde es ihr offenbar, daß es doch der Fall war. Es wurde lebhaft in des Barons Zimmer, dann laut, schließlich sogar lärmend. Lautes Sprechen, Gejohle, Gelächter, Stühlerücken, Gläserklingen, kurz alle die lieblichen Töne eines wilden Männecgelages wurden laut und schallten durch die Stille der Nacht. Von oben schickten die Hausgenossen zwei Mal herunter und ließen um Ruhe bitten, und von unten erschien nach Mitternacht noch der Hauswirth in eigener Person und machte Frau Marianne eine Scene des „Onkels" wegen, daß sie beinahe einen Weinkrampf bekam. Er verlangte durchaus zu dem „Onkel" geführt zu werden. Doch da verabschiedeten sich gerade die Geburtstagsgäste und trollten polternd und lachend aus dem Hause.
Marianne hatte die feste Absicht gehabt, am nächsten Morgen den Baron zur Rede zu stellen und sich eine Wiederholung derartigen störenden Lärmens ernstlich zu verbitten. Indessen, was man sich am Abend ernstlich vornimmt, führt man nicht immer am Morgen aus. Mariannens Zorn gegen den Baron hatte sich nicht gelegt, aber sie wollte durch eine Auseinandersetzung mit ihm nicht ihren Aerger noch vermehren.
„Es sind ja nicht mehr volle vier Wochen bis zu seiner Abreise", damit tröstete sie sich. „Und in dieser Zeit kann er ja nicht noch einmal Geburtstag haben. Im Uebrigen hat er sich ja immer ganz gesittet betragen."
Nach diesem geräuschvollen Intermezzo kehrte in der That die alte friedliche Stille in Mariannens Heim zurück, ja es wurde sogar noch stiller als zuvor. Der Baron ließ gar nichts mehr von sich hören, kam gar nicht aus seinen Zimmern heraus, und Ditta, deren Ferien begonnen hatten, war zu Verwandten aufs Land geschickt worden.
Da — es fehlten nur noch sechs Tage bis zum ersten August — erhielt Marianne plötzlich früh am Morgen ein Telegramm aus Hamburg:
„Ich komme heute Abend. Moritz."
Die Frau sank vor Schreck beinahe in die Knie. Wenn Moritz kam und fände einen Fremden in seiner Behausung! Die Scene war nicht auszumalen. Das mußte aus alle Fälle verhindert werden, da gabs keine lange Ueber- legung. Der Baron mußte 'raus, sofort. Unendlich sauer wurde Marianne der Bittgang zu dem widerwärtigen Mann.
Aber der Baron zeigte sich als vollkommener Cavalier. Es war ihm sichtlich unangenehm, daß er vor der Zeit hinausmußte, aber er erklärte sich sofort bereit und bat um die Rechnung. Dabei stellte sich heraus, daß er zu den bereits gezahlten fünfhundert Mark noch sechzig zuzahlen mußte. Wieder legte er einen Fünfhundertmarkschein hin und bemerkte dazu:
, „Ich wünsche, daß Sie das Miethsgeld für die letzte Juliwoche, das Sie mir herauszugeben verpflichtet sind, wie Sie einsehen werden, der alten Dienerin zukommen lassen. Weun Ihnen das Wechseln des Scheines Schwierigkeiten machen sollte, so lassen Sie doch das Geld im „Schwarzen Schwan", wohin ich wieder gehe, abholcn."
Aber Marianne machte das Wechseln keine Schwierig-


