Ausgabe 
22.2.1898
 
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der Schmach überliefern wird. Er wird, er muß ja schweigen. Und dann, wie wird sich dann die Zukunft gestalten? Zeit­lebens wird er dem Kammergerichtsrath mit Zittern und Zagen gcgenübertreten, mit niedergeschlagenen Augen, voll Scham und Reue. Jedes wärmere Wort, jeder innere Verkehr ist zwischen ihnen für alle Zeit zur Unmöglichkeit geworden. Das Geheimniß des ungesühnten Verbrechens wird immer zwischen ihnen stehen. Und wie wird ihm Constanze begegnen? Muß sie ihn nicht verachten, verab­scheuen, verfluchen? Wird ihn nicht das Bewußtsein seiner Schuld in ihrer Nähe zu Boden drücken?

Entsetzt springt der Einsame auf. Nein, nein! Eine solche Zukunft wird ja noch viel martervoller sein als je eine Stunde seiner Vergangenheit es gewesen. Wie, wie sich Ruhe, wie sich Frieden, wie sich Verzeihen und Vergessen verschassen?

Verzweifelt brütet der Unglückliche über die schier un­lösbare Frage, verzweifelt läuft er im Zimmer auf und ab, seine Hände ringend, sein Hirn zermarternd.

Da geht es plötzlich wie ein Blitz der Erkenntniß in seiner Seele auf. Sühnen muß er, was er verschuldet, ehrlich sühnen, sich das schwere Geheimniß seiner Schuld von der Seele wälzen! Längst hätte er cs thun müssen, längst! Wie eine Offenbarung kommt es über ihn. Nie, nie wird er Friede mit sich und den Anderen finden, wenn er nicht offen bekannt hat, wenn er nicht die Strafe, die das Gesetz bestimmt, auf sich genommen hat. Verblendeter Thor, der er gewesen, wenn er geglaubt hat, mit dem Bewußtsein seiner ungesühnten Schuld je wieder froh und glücklich werden zu können!

Und nun nicht länger gezaudert! Er setzt sich an den Schreibtisch und schreibt einen langen Brief an Constanze, sich häufig unterbrechend, indem er seinen Kops in die Hände stützt und" schwere Seufzer aus beklommener Brust ausstößt.

Endlich hat er den Brief zu Ende gebracht. Entschlossen springt er auf. Es muß sein, es giebt keinen anderen Ausweg. Er geht auf die Straße hinaus, äußerlich ruhig, gefaßt, und die erste Droschke, die ihm begegnet, ruft er an, um sich nach dem Criminalgericht in Moabit zu begeben.

* *

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Der Prozeß Köster . nimmt einen schnellen Verlauf. Da der Arrestant sich freiwillig gestellt hat und ein offenes Geständniß ablegt, finden nur wenige Vernehmungen statt. Die Einzige, die den Angeklagten im Untersuchungsgefängniß besucht, ist seine Mutier. Otto erschrickt bei diesem Anblick aus's Tiefste. Ein brennender, fast unerträglicher Schmerz durchfährt seine Brust. Das ist nun sein Werk. Wenige Wochen haben die sonst so rüstige, lebhafte Frau zur Greisin gemacht. Ihr dunkles, bisher nur mit wenigen Silberfäden durchzogenes Haar ist schneeweiß geworden. Ihre Haltung ist gebeugt und nur mühsam bewegt sie sich vorwärts. So sehr sie sich auch Mühe giebt, es zu verbergen: auf den ersten Blick sieht er, der Erschütterte, daß sie zur siechen, hinsälligen Greisin geworden. Nie hat er so bitter bereut, was er gethan, als in diesem Augenblick. Stöhnend schlägt er die Hände vor sein Gesicht und bricht in ein heftiges Weinen aus.

Aber Otto Ottocken!" ruft die alte Frau und umfaßt ihn und streichelt ihn.So fasse Dich , doch, so weine doch nicht so, mein guter, mein lieber, mein armer Otto! Es wird ja nicht so schlimm werden. Ich habe ja schon mit dem Untersuchungsrichter gesprochen. Daß Du Dich selbst gestellt hast, das rechnen sie Dir sehr zu Deinen Gunsten an. Ich hab's ihm ja auch gesagt, dem Herrn Richter, daß Du gar nicht so sehr schuld bist. Mein Gott, was hättest Du denn damals thun sollen? Gutwillig hätte Dir ja Vater das Geld doch nicht gegeben. Vater und ich, wir find ja viel mehr schuld als Du. Wenn ich's nur von Dir nehmen könnte, Ottochen! Wenn ich nur wüßte, was ich thun soll, Ottochen! Sie streichelt ihm die Wangen

und küßt ihn. Und er drückt sie ergriffen an sich und das Bewußtsein, daß es noch ein Herz giebt, das trotz alledem treu an ihm hängt, erhebt ihn vor sich selbst. Wenn ihn auch alle Anderen schmähen und verachten müssen, die Liebe der Mutter kann ihm nichts in der Welt rauben. Für sie bleibt er immer der Schuldlose, Bedauernswerthe. In ihren Augen hat jeder Andere mehr Schuld an der That als er selbst.

Schon vier Wochen später findet die Verhandlung gegen Otto Köster statt. Der Urtheilsspruch lautet milde genug, auf ein Jahr Gefängniß. Während Otto in dem abstumpfenden ewigen Einerlei des Gefängnißlebens seine Tage in einem Zustand dumpfer Ergebung hinspinnt, ist die Mutter für ihn unermüdlich thätig. Sie rennt von Pontius zu Pilatus und mit ihren Bitten und Gnadengesuchen weiß sie es richtig dahin zu bringen, daß ihm die letzte Hälfte der Strafe im Gnadenwege erlassen wird. Sie ist es auch, die ihn in Begleitung Carls vom Gefängniß abholt, als die schwere Zeit der Haft endlich überstanden ist. Sie geleitet ihn in ihre Wohnung in der Rügenerstraße. Mit großer Mühe hat sie dem Vater, der von seinem Jüngsten nichts mehr wissen will, die Erlaubniß abgerungen, daß Otto einstweilen bei ihnen eine Zuflucht findet. Mit einem kalten, starren Kopf­nicken begrüßt der alte Köster den Heimkehrenden. Er reicht ihm nicht die Hand, er richtet nicht ein einziges Wort an ihn zu bitter hat es ihn getroffen, daß der Leicht­sinnige alle Opfer, die man ihn gebracht, so Übel vergolten hat. Sein strenger, ehrlicher Sinn kann es noch immer nicht überwinden, daß sein Sohn, sein eigen Fletsch und Blut zum Dieb geworden ist.

Auch Constanze und ihr Vater verharren noch immer in Groll gegen den Schuldbeladenen, der ihnen, der der ganzen Familie so große Schmach zugesügt hat. Kammer­gerichtsrath Göring hat sich pensioniren lassen und führt mit seiner Tochter ein zurückgezogenes Leben. Otto befindet sich während der ersten Tage wie im Taumel. Ihm ist zu Muthe wie dem Blindgewesenen, dem plötzlich das Augen­licht wieder geschenkt ist. Er weiß nicht, wie er sich der wiedererlangten Freiheit bedienen, was er beginnen soll, was nun werden wird. Endlich zwei Wochen sind in­zwischen vergangen findet er den lösenden Gedanken. Daß er jemals wieder in der Heimath eine seiner Bildung angemessene Stellung erlangen könnte, scheint ihm ausge­schlossen. Ueberall würde ihm die Vergangenheit hindernd im Wege stehen.

Ein neues Leben muß er beginnen an einem Ort, wo Niemand ihn kennt, wohin kaum je die Kunde von dem, was er einst im Leichtsinn der Jugend verbrochen hat, dringen wird.

Der Gedanke belebt ihn, richtet den Verdüsterten, Verschüchterten, der in der Gegenwart Anderer kaum zu sprechen, kaum den Blick zu erheben wagt, förmlich wieder auf und flößt ihm neue Hoffnung, neuen Lebensmuth ein.

Als er seiner Mutter zum ersten Mal von seinem Entschluß spricht, auszuwandern, sieht sie ihn ungläubig, bestürzt an. '

Na nach Amerika willst Du, nach Amerika?" stammelt sie entsetzt und hebt die ineinandergeschlungenen Hände flehend zu ihm empor.

Nein, nein, das wirst Du mir, das wirst Du Deiner alten Mutter nicht anthun, Ottochen!" Amerika! Das ist für die alte Frau so gut wie aus der Welt. Aber als er ihr nun seine Gründe auseinandersetzt, als er ihr erklärt hat, daß er in der Heimath doch nie mehr froh werden könne, da beugt sie ergeben ihr Haupt.Du hast recht, mein Sohn", sagt sie.Ich dachte nur an mich und nicht an Dich und Dein Glück. Du hast recht. Wenn ich Dich auch nicht Wiedersehen werde und auch sonst nichts werde ! sür Dich thun können, beten kann ich doch für Dich. Und in Gedanken werde ich immer bei Dir sein." Otto hat nur 1 noch den einen Wunsch: sein Kind und seine Frau noch ein-