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Jahrzehnte» heimgesucht worden sind. Neuerdings hat sogar die großbritannische Regierung in richtiger Würdigung der dem ganzen Volke aus dieser Nationalkrankheir drohenden Gefahr eine Sanitätscommisston eingesetzt, welche die Ursachen des Nebels erforschen und womöglich Abwehrmittel suchen soll. — Die Hauptursache liegt auch bei den Engländern in dem übermäßigen Genuß eiweißreicher Nahrung. Morgens, Mittags und Abends genießen sie stets überreichlich viel Fleisch Die großen Mengen der in den Körper eingeführten Eiweiß .,e können nicht genügend verarbeitet werden, es tritt eine nur unvollständige Zerlegung und Verbrennung derselben ein, und bald bildet sich im Uebermaße Fett und Harnsäure. Während nun das sich ansetzende Fett den Gichtikern meist mehr oder weniger eine Falstaff-Natur verleiht, lagert sich die Harnsäure in denjenigen Geweben des Körpers ab, wo die Circulation der Säfte am geringsten ist, also auch die Weiterbeförderung und Wegspülung dieser Stoffe am langsamsten vor sich geht, nämlich in den Gelenken. Dort sammeln sich dann immer mehr Harnsäure- Irystalle an, das Gelenk schwillt, die Haut über demselben wird roth, fühlt sich heiß an, und die inneren Knorpelflächen find ost ganz mit weißen, kreideähnlichen Crystallmassen überzogen. Der erste Sitz solcher „Gichtknoten" bildet sich meist in den Gelenken der großen Zehe. Dies ist ganz natürlich, denn dieses Gelenk liegt am weitesten vom Herzen entfernt, bietet also für Stauungen einen sehr günstigen Boden, ferner ist es stets einer mechanischen Reizung ausgesetzt, da es die Hauptlast des Körpers zu tragen hat, und schließlich ist die Blutcirculation gerade in diesen Körper- theilen bei vielen Personen noch besonders dadurch verlangsamt, daß sie beständig an kalten Füßen leiden. — Da Nun eine solche Ausscheidung und Ansammlung von Harnsäure in den Gelenken nicht plötzlich stattfinden kann, sondern erst im Laufe der Jahre durch Häufung zur Entzündung führt, ist es auch ganz erklärlich, daß die Gicht in der Regel erst das spätere Lebensalter, ungefähr jenseits des dreißigsten Jahres, heimsucht. Freilich kann auch eine Vererbung eintreten. Es ist aber nicht richtig, von einer Vererbung der Gicht selbst zu reden, sondern nur von einer Vererbung der Anlage zur Gicht. Neugeborene haben nie Gichtknoten. Wohl aber können die Kinder von gichtischen Eltern oder Großeltern so krankhaft afficirt und veranlagt sein, daß bei ihnen sich früh und leicht Gichtknoten bilden, wenn sie die ungesunde Lebensweise ihrer Vorfahren fortsetzen. Jedoch kann solch eine ungünstige Veranlagung gemildert, ja sogar unschädlich gemacht werden durch eine vernünftige, naturgemäße Lebensweise. Wenn man die Kinder und jungen Leute nicht zu Schlemmern erzieht, sondern mit einfacher, kräftiger Hausmannskost, namentlich genügend mit Gemüsen und Früchten nährt, so wird, bei viel körperlicher Bewegung in freier Luft, bald eine Auflösung der angesammclten Harnsäure stattfinden} durch den stets reichlich eingeathmeten Sauerstoff tritt eine Verbrennung der Zsrsetzungsproducte ein, und der kräftig eireulirende Säftestrom spült alle Abfallstoffe hinweg. Auf diese Thatsachen muß deshalb besonders Gewicht gelegt werden, weil die meisten Eltern von solchen krankhaft veranlagten Kindern geneigt sind, denselben viel Fleisch und andere eiweißreiche Speisen zu geben, um, wie sie meinen, die Kleinen zu kräftigen und zu stärken. 8S wird hier ein ähnlicher Fehler begangen, wie bei den phthisisch veranlagten Kindern von schwindsüchtigen Eitern. Start man düs- anhält, möglichst viel draußen in frischer Luft zu verweilen und dort ihr Lebenselement in tiefen Zügen einzuathmen, hütet man sie vor jedem frischen Lüftchen und hält sie in der dumpfigen, dunstigen Stubenatmosphäre gefangen, wo sie dann auch in der Regel allmählig dahinsiechen.
Bemerkt sei noch, daß die ärztlichen Forscher geteilter Meinung darüber sind, in welcher Weise wohl die Harnsäure im Organismus ihre Schädlichkeiten ausübt. Gerade in den
beiden letzten Jahren ist diese Frage wiederholt vor dem Forum der medicinischen Wiffenschaft verhandelt worden. Manche Aerze nehmen sogar an, daß ein specieller „Gichtstoff" vorhanden sei, auf den man ein gut Theil von den Sünden der Harnsäure wälzen müsse. Vielleicht ergeht es der Gicht noch über kurz oder lang wie dem Rheumatismus, für den man besondere Jnfectionserreger verantwortlich macht. Wie dem aber auch sein mag, für die Entstehung der Gicht steht jedenfalls die Thatsache fest, daß die falsche Ernährungsweise mit sehr eiwrißreicher Nahrung bei mangelhafter körperlicher Bewegung die Hauptrolle spielt.
Was die Behandlung und Heilung der Gicht betrifft, so ist es einleuchtend, daß zunächst alles Dasjenige vermieden werden muß, was zu ihrer Entstehung beiträgt. Also ist nicht nur eine allgemeine Beschränkung der Nahrungsmenge nothwendig, sondern man muß sich besonders vor dem Genuß von viel Fleisch und eiweißreichen Speisen hüten. Dafür genieße man mehr Gemüse, Salate, Früchte u. dergl. Die Zubereitung der Speisen geschehe einfach, ohne schwer verdauliche Zuthaten und ohne viel Gewürze, welche Magen und Nieren reizen. Der Genuß von alkoholischen Getränken ist möglichst einzuschränken. Sehr wichtig ist die Sorge für eine rationelle Lebensweise. Statt der von Vielen einge- haltenen sitzenden, theils unthätigen, theils in gleichmäßiger geistiger Anstrengung verlaufenden Beschäftigung ist eine abwechselnde, viel in freier Luft sich bewegende, mit Körper- thätigkeit verbundene Lebensweise anzustreben, deren günstige Wirkung auf Verdauung, Stoffwechsel und Circulation der Harnsäureausscheidung wohlthätig entgegen wirkt. Reiten, Radfahren, Bergsteigen, Gartenarbeit oder methodische Gymnastik müssen das ruhigere Tagewerk unterbrechen. Die Einführung größerer Mengen alkalischer Mineralwässer, von denen das Fachinger Wasser das wirksamste ist, wird durch eine energische Durchspülung der Gewebe die abgelagerten Crystalle bald lösen und ihre Ausscheidung erleichtern. Jedoch ist jedem Patienten zu rathen, die Cur genau vom Arzte regeln zu lassen. Der Erfolg wird dann um so sicherer sein.
Im Vorhergehenden haben wir den Einfluß der Ernährung auf die Entstehung und Heilung der Gicht dargelegt, ohne auf den Gelenkrheumatismus einzugehen.*) Dies hat seinen Grund darin, daß alles Gesagte in etwas abgeschwächter Form auch für den Gelenkrheumatismus gilt. Dieser ist nämlich als eine Art von Vorläufer der Gicht anzusehen. Während bei ihm die im Blute ausgefüllte Harnsäure nur vorübergehend in den Gelenken sich absetzt, aber bei wiederhergestelltem Blutkreisläufe nach kürzerer oder längerer Zeit noch zur Lösung gelangt, bevor sie anatomische Zerstörungen hervorgebracht hat, ist bei der gichtischen Gelenkentzündung dieses nicht der Fall. Eine große Rolle spielt beim Gelenkrheumatismus auch noch die „Erkältung" durch Zugluft, weil in dem abgekühlten Blut- und Gewebswasser die Harnsäure leichter crhstallisirt. Auch diese Krankheit ist unter den nämlichen Gesellschaftsklassen und bei denselben Völkern verbreitet wie die Gicht. Professor August Hirsch, der geographische Forscher auf medicinischem Gebiete, sagt: „In Englaud, wo Gelenkrheumatismus überhaupt so sehr herrscht, daß frühere Beobachter ihn zu den endemischen Krankheiten des Landes gezählt haben, wird die Krankheitsfrequenz im Mittel auf 5 pCt der Gesammterkranknngen geschätzt."
*) Nicht zu verwechseln hiermit ist der Muskelrheumatismus, welcher eine ganz anders Krankheit darstellt.
Huiirovistisches.
Verblümt. „Glauben Sie, daß der Herr Rath trinkt?" — „Ich glaube nicht — aber wissen Sie, wenn ich eine Flasche Cognac wär, möchte ich nicht allein mit ihm im Zimmer sein!"
Kedactian: Ä. Echehda. — Druck und Berlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Birßm.


