Ausgabe 
22.1.1898
 
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Wieder gehen die beiden jungen Leute schweigend neben­einander. Auch Carl richtet seine Blicke auf das Trottoir; eine ^bemerkbare Unruhe beginnt wieder von ihm Besitz zu nehmen: seine Hände öffnen und schließen sich, er rückt an seinem Hut. Mit einem ungewissen, zaghaften Ausdruck sieht er plötzlich seine Begleiterin verstohlen von der Seite an, es hat den Anschein, als ringe er mit einem Entschluß und könne sich doch nicht aufraffen, das, was er augenschein­lich auf dem Herzen hat, in laute Worte zu kleiden. Endlich aber beginnt er doch schüchtern:Fräulein Helene, ich möchte Sie gern um etwas bitten, aber Sie müssens mir nicht übel nehmen und müssen mich nicht für dreist und zudring­lich halten . . ."

Sie hebt rasch den Blick zu ihm auf.Wie werd' ich denn," unterbricht sie ihn, und ein leises Lächeln zuckt um ihren Mund, während sie hinzusügt:Dreist, das sind Sie nun schon gar nicht, Herr Köster, eher . . ."

Sagen Sie's schon, Fräulein," fällt er ein, als sie plötzlich stockt,ein blöder, ungeschickter Mensch bin ich. Das habe ich mir ja auch schon gesagt, als mir Otto er­zählte, daß . . . da sagt ich mir, warum hast Du nicht auch einmal Fräulein Helene angeboten, sie . . ." Er bricht jäh ab und sieht ihr ängstlich ins Gesicht.Aber ich hab's mir nicht getraut," fährt er fort,ich wußte ja nicht, wie Sie's aufnehmen würden und....." Wieder stockt er,

und in seiner Verlegenheit und Aufregung lüftet er den Hut und fährt sich mit der Hand über die Stirn.

Fräulein Helene" platzt er nach einer Pause mit krampfhafter Entschlossenheit heraus,waren Sie schon einmal im Opernhaus?"

Sie schüttelt den Kopf.

Nicht? Und im Königlichen Schauspielhaus?"

Auch nicht."

Aber das müssen Sie doch sehen," sprudelt sein Eifer über,"jeder Mensch in Berlin ist doch im Schauspielhaus und im Opernhaus gewesen. Das ist doch das Erste, wenn man nach Berlin kommt. Ich, wenn ich mir mal was Gutes anthun will, dann besuch' ich eine klassische Vorstellung im Schauspielhaus. Maria Stuart oder Wilhelm Tell oder die Jungfrau von Orleans. Das kann man immer wieder sehen. Gehen Sie denn nicht gern in's Theater, Fräulein Helene?"

Er blickt ihr erwartungsvoll ins Gesicht. Sie sieht ihn nicht an, sie lächelt auch nicht, sie will ihm nicht den Muth nehmen, das, was sie seit fünf Minuten erwartet, endlich herauszubringen.

Gewiß, sehr gern," antwortet sie schlicht,für mein Leben gern geh' ich ins Theater. Was Schöneres kann ich mir überhaupt nicht denken, aber" sie seufzt, und jetzt schlägt sie die Augen zu ihm aufallein kann ich doch nicht gehen."

Ein Ruck geht durch seinen Körper und eine siedende Hitze schlägt in ihm auf. Ob er's sagt oder ob er's doch lieber nicht sagt?

Seine Fäuste ballten sich im krampfhaften Entschluß. Heraus!

Und wie ein kleines Kind stammelt der große, schüchterne Mensch:Fräulein Helene, wenn Sie's mir nicht übel nehmen nächsten Sonntag wirdLohengrin" gegeben. Ich will . . ich will uns zwei Billets besorgen, wenn Sie's mir erlauben."

Helene Zimmermann kann nicht gleich eine Antwort finden. Sie ist innig gerührt. Wie schwer es ihm geworden ist, dem guten, schüchternen Menschen.

Carls bemächtigte sich ein lebhafter Schreck. Sie ant­wortet nicht! Bestürzt blickt er sie an.

Sie haben wohl kein Vertrauen zu mir, Fräulein Helene?" fragt er mit angehaltenem Athem und wird ganz blaß.

Aber", nun lächelt sie ihn an und ein warmes Gefühl wallt in ihr auf und strömt über ihre Lippen,das größte

Vertrauen habe ich zu Ihnen. Keinem Menschen in der ganzen Welt könnt' ich so vertrauen wie gerade Ihnen. Ja, Herr Köster, ich muß es Ihnen sagen, was Sie da vorhin sie deutete mit dem Daumen ihrer Rechten über ihre Schulter gethan haben, zu Hause, das war schön von Ihnen, das war edel. Wie Sie da Ihrer armen, guten Mutter beistanden und Ihrem Vater so muthig und so herzlich ins Gewissen redeten und so für Ihren Bruder eintraten, und Ihr ganzes Erspartes für ihn opfern wollten, gerade Sie .... ich hab's wohl gemerkt, daß er Sie manchmal über die Achsel ansah ... das war wirklich schön von Ihnen! Wer ein so guter Sohn ist und ein so guter Bruder, der ist auch ein guter Mensch. Und darum, Herr Köster, darum achte ich Sie hoch, denn Sie sind ein . . . ein Character. Und wenn Sie wirklich so freundlich sind und mich am Sonntag in's Opernhaus führen wollen, so kann ich mich nur geehrt fühlen und mit Dank nehme ich's an."

Fräulein Helene!" ruft er laut und greift stürmisch nach ihrer Hand. Und eine ganze Weile gehen die beiden jungen Leute hier am hellen, lichten Tage Hand in Hand. Die Vorübergehenden lächeln, aber die beiden Glücklichen merken nichts davon. Die Außenwelt existirt für sie in dieser Minute nicht. Sie leben und weben ganz in den Gefühlen, die sich still von Herzen zu Herzen spinnen....

Die Wechselsache war glücklich erledigt. Herr Vogel hatte sich zwar unerbittlich gezeigt und seine Forderung auch nicht um einen Groschen ermäßigt, aber Herr von Markwald hatte noch im letzten Augenblick fünfzehnhundert Mark, die ein reicher Onkel hergegeben hatte, zur Einlösung der Wechsel beigesteuert. So war Vater Köster ebenfalls mit einem Verlust von fünfzehnhundert Mark davongekommen, der allerdings bei der bescheidenen Höhe seiner Ersparnisse empfindlich genug für ihn war. Seine Auseinandersetzung mit Otto war dem­gemäß auch eine ziemlich stürmische und sie hätte sich wohl noch wesentlich heftiger gestaltet, wenn nicht Frau Köster und Carl eingegriffen und seinen Zorn beschwichtigt hätten. Darin freilich mußte dem Entrüsteten nachgegeben werden, daß Otto sein Zimmer in der Stadt aufgab und wieder nach der Rügenerstraße übersiedelte.

Otto selbst war so zerknirscht und reumüthig, daß er gar nicht widersprach. Er wollte nun wirklich mit dem Leichtsinn brechen und ein anderer Mensch werden. Mein Gott, wie unvernünftig er darauf losgewirthschaftet hatte! Wenn er jetzt in seiner darniedergedrückten, elegischen Ge- müthsstimmung darüber nachdachte, mußte er über sich selbst den Kopf schütteln. War er denn ganz und gar verrückt geworden?j! Er wußte doch, daß er nicht die Mittel besaß, Austern zu essen und Wein zu trinken und die theuersten Plätze im Theater zu bezahlen. Aber da war dieser Mark­wald und ebenso dieser Wattenfeld daran schuld gewesen, die Versuchung ja, die mußte er in Zukunft vor Allem fliehen.

Und er that es, so schwer es ihm auch wurde, zu kneifen", wenn College von Markwald etwas proponirte: einen Abend in derSoeieta italiana", einer italienischen Weinkneipe, oder eine Nacht in denBlumensälen", einem der bekanntesten und prächtigsten öffentlichen Balllocale Berlins.

Abend für Abend saß er zu Hause, entweder lesend und studirend oder mit seinen Eltern plaudernd. Freilich, die Unterhaltung Pflegte nie besonders lebhaft und anregend zu werden und von Tag zu Tag zeigte es sich mehr und mehr, daß er dem Jdeenkreise der Familie längst entwachsen war. Das, was ihn geistig interessirte, ging über der Eltern Horizont, und über die sonstigen Themata, die er mit seinen Collegen beim Schoppen durchgehechelt hatte und die sich in der Regel ... mit gewissen interessanten Seiten des socialen Berliner Lebens beschäftigten, konnte er ebenso wenig mit den in veralteten engen Anschauungen befangenen alten Leuten sprechen.

Er war schon im Laufe der Zeit so bescheiden geworden, daß er es als eine angenehme Abwechselung'begrüßte, wenn ihn