U
ullirrni
ei zuin Geben stets bereit, Miß nicht kärglich Deine Gaben, Denk', in Deinem letzten Kleid Wirst Du keine Taschen haben.
Paul Heyse.
Muttersohn.
Roman von Arthur Zapp.
(Fortsetzung.)
IX.
Carl und Helene Zimmermann steigen zusammen die Treppe hinab. Auf ihren Gesichtern glüht noch die Aufregung des eben überstandenen stürmischen Austrittes. Carl hat mit dem Vater verabredet, daß er ihn am Abend vom Geschäft abholen wird und daß sie dann Beide sich zu Herrn Bogel begeben wollen. Carl hat nur rasch ein paar Happen zu sich genommen und eilt nun zur Fabrik, damit er nachher etwas früher Fierabend machen kann. Bevor er gegangen ist, hat er der Mutter heimlich versprechen müssen, unterwegs auf dem Postamt vorzusprechen und eine Rohrpostkarte an Otto zu schreiben, damit der arme Junge nicht länger in der schrecklichen Ungewißheit ist und sich in seiner Verzweiflung nicht etwas anthut.
Helene geht nur schnell auf ein paar Minuten nach Hause, um sich für den Nachmittag und Abend Urlaub zu nehmen, denn Frau Köster fühlt sich so schwach und hinfällig, daß sie sich in's Bett hat legen müssen.
Stumm gehen die beiden jungen Leute eine Weile nebeneinander auf der Straße dahin. In ihrer Seele vibriren noch die Eindrücke und Nachwirkungen des Durchlebten. Carl blickt Helene verstohlen von der Seite an. Ein warmes Gefühl steigt in ihm auf. Es ist, als ob die stürmische Stunde, die sie soeben gemeinsam durchlebt, sie einander noch mehr genähert hat, als ob die intimen Familienvorgänge, deren Zeugin sie gewesen, sie noch inniger mit ihm und den Seinen verbinde. Da fährt ihm plötzlich die Erinneruug an die Ereignisie des letzten Abends durch den Kopf. Im Nu steht die Scene im Circus, die sich tief in sein Ge- dächtniß eingegraben, vor ihm und sein Gesicht verfinstert sich.
„Fräulein Helene," tritt es ihm unwillkürlich auf die Lippen, „wie war es gestern Abend? Haben Sie sich gut amttsirt?"
Sie erröthet tief und mit gesenkten Blicken erwidert sie kleinlaut: „Ich hätte Ihrem Rath folgen, ich « hätte nicht mitgehen sollen." .
Seine Augen funkeln und man sieht, wie WPHn jhgk die Gluth emporschießt. „Hat Sie Jemand beleidigt.?" fragt er heftig.
Sie schüttelt den Kopf.
„Aber ich schäme mich so sehr vor Ihnen," gesteht sie. „Bin ich nicht mit schuld daran, daß Ihr Bruder sich in Ausgaben und Schulden gestürzt hat?"
Er lächelt.
„Aber Fräulein Helene," beruhigt er sie, „die drei Mark für das Circusbillet haben doch wahrhaftig den Kohl nicht fest gemacht. Deshalb brauchen Sie sich auch nicht den geringsten Vorwurf zu machen."
Sie heftet noch immer den Blick auf die Steine.
„Und nachher", beichtet sie weiter, „nachher im Restaurant das Abendbrod und der Wein . . . ."
Carl zuckt leise zusammen, seine Augenbrauen runzeln sich auf's Neue und er athmet schwer und hastig.
„Da sind Sie wohl noch sehr lange vergnügt beisammen gewesen?" fragt er und seine Stimme hat einen eigenthüm- lich heiseren Klang.
Sie bewegt wieder verneinend das Köpfchen.
* „Ick hab's nicht lange ausgehalten," antwortet sie, „kaum eine halbe Stunde. Im Circus, ja, da war's ja himmlisch schön. So etwas Großartiges hatt' ich noch nie gesehen. Und ich habe an nichts gedacht, sondern nur immer gesehen und gesehen. Aber dann nachher im Restaurant, da habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob ich etwas Unrechtes thäte. Und ich habe gar nicht mehr froh sein können. Die anderen jungen Mädchen aber waren so ausgelassen und ihre Reden waren so . . so ungenirt . . da bin ich denn aufgestanden und habe gethan, als wenn mir nicht gut wäre. Und noch ehe Ihr Bruder seinen Ueberzieher vom Nagel genommen, war ich schon hinaus auf die Straße. Ich war froh, als ich erst glücklich in der Pferdebahn saß."
Carl athmet so tief und laut auf, daß Helene erstaunt zu ihm aufsieht. Ueber sein Gesicht geht ein eigenthüm- liches Strahlen und in der Hitze seines Gefühls erfaßt er ihre Hand und umspannt sie kräftig mit der seinen. Ueber seine Lippen drängen sich die freudigen Worte: „Das war recht von Ihnen, Fräulein Helene!" Dabei leuchtet ihr aus seinen Augen ein so inniges, lebhaftes Gefühl entgegen, daß sie rasch wieder, über und über erglühend, ihr Gesicht senkt und ihre Hand hastig zurückzieht.


