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Lectüre allein von einem genannten, namhaften Autor gefallen und dann dürfte sie noch kaum etwas kosten."
„Sie verstanden also das Handwerk wenig?"
„Wie sollte ich auch! Den Kreis, in dem ich lebe, übersehen Sie jetzt schon. Verkehr mit Berufsgenossen — wie sollte ich den finden? Man ist als Mädchen eben an seine Scholle gebunden, was meine Art noch unterstützt.
Zudem denkt man mit vierundzwanzig Jahren anders, als mit achtzehn - mir ist die Oeffentlichkeit gleichgiltig geworden. Die Leute, von denen sie das Gepräge hat, gelten mir wenig, und die Stillen sind genau wie ich unterdrückt oder kaum beachtet. Kurz, während des gequälten Suchens nach Besserem fielen mir meine Zeichnungen in die Hände. Gestrichelte Dinger, die allesammt irgend einen Fehler und einen Knick aufwiesen.
Statt mir zu sagen, die Ungereimtheit kam jedesmal hinein, sobald Du selbstständig sein mußtest, schob ich sie auf Lehrer oder Unterricht und begann in dieser Weise Apoll zu kränken.
„Nun wissen Sie Alles!"
„Ist das solches Geheimniß?"
„Ja, weshalb sollte ich davon sprechen! Die Bekannten wissen, ich trage mich persönlich nicht zu Markte. Papa und Irmgard verrathen es mitunter, wenn sie meine Art vor den Leuten entschuldigen wollen oder wenn sie sich ängstigen, man könnte mich für so einfach halten, wie ich nun leider aussehe.
Nun müssen Sie mir aber gleichfalls etwas Vertrauen schenken. Ich weiß von Tante Wulffen, wie sicher und folgerichtig Ihre schöne Begabung sich entwickelte.
„Werden Sie uns bald etwas von Ihrer Kunst hören lassen, ja?" fragte sie.
„Nein, thu ich nicht," wehrte er, in ihren Anblick verloren.
„Sie sind garstig —"
Dabei lachte sie ihn mit den Augen an, deren Ernst ganz wunderbar versank, um allerlei zagen Lichtlein Platz zu machen, die zitternd und schimmernd von einem goldenen Feuer kündeten.
„Ich werde Sie sehr höflich bitten, die Anderen werden einfallen und Sie nachgeben, nicht wahr?"
Nun lächelte der kleine, stolze Mund auch noch so verloren zu ihm hin, es war nicht zum Aushalten, er mußte wegsehen.
„Ich darf doch nicht, Fräulein Hilde."
„Warum?" fragte sie bang und sanft.
„Weil ich die unumstößliche Neigung habe, immer der Dame zu huldigen, der gehorsam ich spiele. Wie soll ich das bei Ihnen anstellen? Ihre häuslichen Pflichten machen die Anderen schlecht, Ihre geistigen Sie selbst noch schlechter."
„Spielen Sie immer, was Andere denken?" rief sie in einem jähen Auffahren, wobei sie den Kopf zurückwarf.
„Ach, Sie wollen hören, was ich denke?"
„Wie Sie denken, wie Sie fühlen!" entschied sie schnell versöhnt.
„Bekomme ich dann auch etwas zu sehen oder zu lesen?" fragte Heinrich dringlich) seine Stimme klang ganz anders als sonst.
„Ach!" versetzte Hilde leichthin.
„Dann bitte ich Ihren Papa oder Ihre Schwester darum."
„O, das möchte aussehen! So einen Herrgottskäfer mache ich nun doch nicht aus mir. Spielen Sie uns heute Abend etwas, schicke ich Ihnen eine Mappe auf Ihr Zimmer."
„Von Ihnen Gearbeitetes?"
„Von mir?"
„Gemaltes oder Geschriebenes?"
„Abwarten."
In dieser Weise in ihr Sichwehren und Nachgeben vertieft, Einer dem Anderen gehörig und glückselig in diesem Gefühl, übersahen sie Irmgard, die in die Glasthüre treten,
sich ihnen nähern konnte, ohne bemerkt zu werden, bis sie von der Höhe ihrer sittlichen Entrüstung herab Hilde anfuhr: „Na, sage mal, es ist vier Uhr, wir wollten doch den Kaffee bei Euch nehmen und gemeinsam zur Landeskcone gehen. Denkst Du, wir sind Deine Narren? Papa schläft noch, Dein Mädchen hat keine Ahnung — „Kaffee ist schon getrunken," grinst sie — Du bist noch nicht in Toilette und hältst Herrn Wulffen hier auf wie ein Backfisch!"
Hilde wurde unter diesen Tactlosigkeiten ganz befangen, erst ein Blick auf Heinrich, der ruhig die strafende Rede anhörte, ihr jedoch nicht so viel Gewicht beilegte, wenigstens einige Schuld auf sich zu nehmen, machte sie wieder froh.
„Laß doch Papa schlafen) Euer Streifzug am Vormittag ermüdete ihn. Und Kaffee? Herr Wulffen ist gewöhnt, ihn gleich nach Tisch zu haben, dabei leisten wir ihm dann Gesellschaft," sagte sie einfach.
„Bequem," antwortete die Schwester, wobei sie nun den Ton bes Duldens annahm.
„Nein, Ihr sollt gleich haben, was Ihr entbehren mußtet, so war es nicht gemeint!" rief Hilde. „Herr Wulffen leistet vielleicht Dir nun Gesellschaft."
Hiernach eilte sie fort. Jedenfalls nahm sie allen Aerger Irmgards mit sich, denn die hübsche Blondine wandte sich mit einer Liebenswürdigkeit zu Heinrich, daß ihm ganz wirr davor wurde.
Was wollte sie von ihm? Die Schwester ihm verleiden, weil sie andere Pläne mit ihr hatte? Selbst glänzen oder in feinerer Weise kokertiren?
Wirklich verdrossen hörte er ihre ästhetische Abhandlung über verschiedene Bauwerke in G. an, die er noch sehen müffe. Frührenaissance, Altgothik, romanischer oder byzantinischer Stil bildeten die Schlagworte ihrer Sätze, zu denen er nur Ja oder Hm, oder Erlauben Sie zu sprechen brauchte, um den Redefluß weiterströmen zu hören. Dabei sah sie Alles mit nie sich wandelnden Blicken an: ihn, den Garten und die Kinder, die einmal bis zu den Näschen über die Scheiben der Glasthür guckten, von ihrer Mama jedoch heftig fortgewinkt wurden: „Bleibt da! Hat man denn gar keine Ruhe?^
In diesem Augenblick faßte Hilde die Kleinen ab und führte sie ins Haus zurück, von wo ihr frohes, von ihm noch nicht gehörtes Lachen ihn grüßte. Wie mochte sie aussehen, wenn sie so lachte?
„Wie meinen Sie, gnädige Frau?"
Irmgard mußte ihren letzten Satz wiederholen, darüber kamen Tauchlitz und Hollmann hinzu, Wulffen war seiner Galanterie enthoben..
Die Angekommenen befanden sich im lebhaftesten Gespräch.
„Ich rathe, die Sache nicht anzunehmen," rief Tauchlitz. „Als Vorstandsmitglied eines solchen Unternehmens hast Du mehr Aerger als sonst im ganzen Jahre."
Irmgard lachte nicht gerade freundlich) Hollmann schien unentschlossen, thellte Wulffen indeß mit, daß er bei einem vorjährigen Mustkfeste in der Kassenverwaltung wie bei den Verhandlungen mit den Künstlern und Künstlerinnen von Nutzen gewesen wäre, weswegen man ihn dies Jahr durchaus für ein großes Concert zum Vorstandsmitglied presfen wolle.
Inzwischen waren sie im Eßzimmer angelangt, wo Hilde die Kinder bereits versorgte, damit sie nicht störten, wenn die Großen kämen.
Umgezogen hatte sie sich auch, wenigstens flatterte da etwas von Schleifen und Spitzen um ein hellgeblümtes Kleid, worin sie wie ein Meißener Porzellanfigürchen aussah, wieder zu Irmgards Aerger, welche sich noch mehr erregte, als Hollmann der Schwägerin w sprach, ja, sie halb und halb bef
„Wenn es Dir Spaß macht,
„Was sie aber nun schon wieder n wollen, begreife ich nicht. ______ ___ ___
können sie nicht bieten, dagegen werden die Bestrebungen


