Ausgabe 
21.6.1898
 
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zwingender Notwendigkeit!" sagte er dann zu sich selbst. Der entfesselten Leidenschaft und der Buhle ist nicht zu rathen- Ina erbleichte- sie hatte ihn verstanden. Wie ein greller Blitz ging es durch ihre Seele. Wer sich schuldlos fühlte, der werfe den ersten Stein auf sie.

Gebhardt liebte selbst und der Gegenstand seiner sündigen Neigung war sie, Ina Lentze.

Sie strich mit bebenden Fingern die Haare hinter's Ohr- der aufkommende Wind hatte sie gelöst. Ein Wort zu sprechen, war ihr unmöglich.

Verstehen Sie jetzt, warum ich die Kinder aus meinem Hause entfernen will?" fragte Gebhardt das schweigsame bleiche Mädchen an seiner Seite.

Sie neigte den Kopf zur Bejahung- dann erhob sie sich- die Füße wankten. Es war der Instinkt des Wildes, das alle seine Kräfte zusammenrafft, um den letzten entscheidenden Sprung, den Sprung in die Freiheit zu thun. Und für jetzt bot sich ihr der ersehnte Ausweg. Gebhardts eigene Kinder waren es, die den Papa entdeckend, mit Lauren'der Freude aus den Büschen brachen. Gebhardt schien die Störung minder willkommen als seiner Gefährtin, doch wies er die Kleinen nicht von sich, als sie sich zutraulich an ihn schmiegten. An jeder Hand eins der Kinder, schritten sie dem Hause zu.

* * *

//Sieh doch, Franz, welch ein Bild! Ich möchte sagen, die heilige Familie! Nur vermisse ich den Glorienschein um jedes einzelne Haupt und zähle zwei weibliche Wesen statt eines! Wirklich schade, die Fremde hätte fortblciben sollen- mit ihrem Nippesfigürchen stört sie die ganze Idylle!" es war Teßa, die dem Vetter, boshaft kichernd, diese Worte zuraunte, während sie halb verborgen v.m einer Rhododendron- gruppe, den kleinen Zug an sich vorbeiziehen ließen. Der gute Franz hatte weiße Lippen und eine dito Nasenspitze, die er stets bekam, wenn er sich ärgerte; doch seine Cousine schien das gerade zu freuen.

Nun," höhnte sie weiter,der Glorienschein würde diesem Joseph und seiner Maria auch wahrlich schlecht stehen! Weißt Du, Franz, ich halte die Leutchen noch für viel weniger heilig als uns und speciell mich, die ich doch bei meinemmoralischen" Herrn Schwager so ganz in Acht und Bann gethan bin."

Die Worte thaten ihre Wirkung.

Was soll das heißen!" brauste derheimliche" Bräutigam auf, während die Erregung langsam Wangen und Nase mit einem leichten Roth färbte.Untersteh Dich......"

Sie lachte.Nur gemach, Vetterchen! Du wirst schon sehen, was hinter derScheinheiligkeit" steckt! Halte nur die Augen offen, wenn Du nicht ein ganzer Tropf bist, wirst Du schon......" 1'

Sie konnte nicht vollenden, der Commerzienrath bog just um die Ecke des Weges. Betroffen blickte er auf das Paar hinter dem Rhododendrongebüsch. Die zwei sahen zwar nicht gerade wie ein Liebespaar aus- aber dem alten Herrn wollte es denn doch nicht so recht gefallen, vaß er die Verwandten stets beieinander sah. Teßa hatte sich in­dessen schnell gefaßt.

Sie suchen wohl IhrPußchen", nicht so, Papa Commerzienrath?" rief sie dem ob ihrer Frechheit Verdroffenen, der sie, sie wußte es wohl, ohnehin nicht leiden konnte, höhnisch zu.Wir sahen sie eben mit meinem Schwager, ich begreife, offen gestanden, diese Freundschaft nicht recht, mit den Kindern den Weg nehmen, den Sie soeben gekommen."

So, so!" machte der alte Herr.Nun, dann werden sie wohl im Hause sein," und ohne ein weiteres Wort, offenbar verstimmt, ging er davon.

Teßa aber lächelte ihm höhnisch nach.Na, dem gönne ich's, daß er mit seiner Affenliebe einmal gründlich reinfällt!

SeinPußchen" wird sich schon bald genug als eine saubere Frucht seiner Erziehungsmethode erweisen."

Hätte ihr Vetter diese Worte gehört, er hätte sie viel­leicht zur Rede darüber gestellt- aber der war nach des Commerzienrathes Fortgang gleichfalls von ihrer Seite entwichen.

Noch einmal war es Ina und Gebhardt im Verlauf der nächsten Stunde vergönnt, ein vertraulicheres Wort zu wechseln.

Franz hatte sich besonders still an diesem Abend ver­halten und Ina das unangenehme Gefühl gehabt, daß der Bräutigam sie und Gebhardt beobachtete, sie zog daraus die richtige Schlußfolgerung, daß Teßa ihr Zusammensein mit dem Vetter nicht ungenützt gelassen.

Ein schweres Gewitter hatte sich ausgetobt- jetzt blaute der Himmel in erhabener Reinheit- die Sonne goß ihre gluthrothe Strahlenfülle über die abendliche Landschaft. Noch hing Tropfen neben Tropfen an den Büschen, sickerte vom Laub der alten Bäume herab auf die Erde, und dort, wo auch nur das winzigste Sonnenstäubchen sich verirrte, gab, es ein Blinken, Blitzen und Leuchten auf Busch und Gräsern, als habe eine Fee mit verschwenderischer Hand ein Meer von Diamanten unb. Brillanten auf ihr Schooß- kind, die Erde ausgestreut.

Ina und Gebhardt genoßen die Pracht des Abends mit voller Lust, Ina leuchtenden Auges, hochwogender Brust, der Freund mit einem stillen, schwermüthigen Ausdruck in den ernsten Zügen. Sie waren zusammen auf den kleinen Balkon getreten, der einen Austritt aus dem geräumigen Eßzimmer gestattete. Die köstliche Luft in langen Zügen einsaugend, mit dem Blick die Pracht des Himmels umfassend, sprach Ina:Ach, wäre ick ein gottbegnadeter Künstler, ein Maler! Könnte ich diese Farbentöne festhalten im Bild!" und der Mann, der an ihrer Seite hinausgetreten, bekräftigte ernst:Ja, es ist etwas Erhabenes um die Natur und um die Kunst, und in Beiden, das ist ihre edelste Bestimmung, findet auch der Unglückliche ein Stücklein Trost."

Fast wollten Ina diese Wort fremd berühren. Kunst, Natur? Hatte er, der Geschäftsmann, wirklich sich ein Herz für die Heiligkeit, die in Beiden wohnt, bewahrt?

Sie forschte in seinen reglosen Zügen- da sah sie auf dem Grund seiner Augen einen tiefen Schimmer- durch die Maske sah die Seele.

//Wenn ich den Abendhimmel in all' seiner Pracht, wenn ich im klaren Aether die einzelne Wolken wie Inseln schwimmen sehe, so ist's mir, als erblickte ich eine Fata Morgana, als sei dort das Wunderland, nach dem sich wohl jedes Menschen Herz einmal im Leben sehnt." Ina sprach es traumverlorenen Blicks und Gebhardt wiederholte leise:

»Fata Morgana das Land der unerfüllbaren Wünsche^ Sie haben recht, Ina!" Dann legten sich seine Finger plötzlich auf ihre warme Mädchenhand- in gänzlich ver­änderten Tone sagte er, ohne sie anzublicken:

Hören Sie den Rath eines Freundes, Ina- er ist frei won jedem egoistischen Nebengedanken. Ich habe nur Ihr Glück im Auge. Lösen Sie Ihre Verlobung, noch ehe es zu spät ist, ehe vielleicht eine falsche Schande Sie hindert, der Oeffentlichkeit Stoff zum Klatsch zu geben. Diese Ver­lobung ist Ihrer unwürdig. Noch sind Sie vielleicht zu jung, um einzusehen, daß Sie mit dieser Heirath ein Unrecht an Steffens und an sich selbst begehen würden. In meinen Augen gießt es für eine Frau nichts Unwürdigeres als eine Heirath ohne Liebe. Das Weib giebt zu viel, es giebt sich selbst. So wie ich Sie kenne, Ina, würde die Stunde, da Sie sich selbst verabscheuen, Ihnen nicht erspart bleiben. Befolgen Sie meinen Rath so lange es noch Zeit dazu ist! Lassen Sie sich sagen, daß eine Ehe ohne ein geistiges Band, ohne die Weihe des Verstehens, etwas Gemeines für den, der nach Höherem strebt, an sich hat. Ina versprechen Sie mir, meinen Rath zu befolgen?"

Sie zögerte. Dann reichte sie ihm die Hand.