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Größe und Ausbreitung des Häusermeeres allein, die den Beschauer gefangen nimmt, auch nicht die Masse von ge­schichtlichen Erinnerungen, die auf den Gebildeten einstürmt, ja, selbst nicht die Herrlichkeit der baulichen Anlagen, die Len ästhetischen Sinn entzückt, es ist ein unbeschreibliches Etwas ein ein Paris! Es giebt eben nur ein Paris und dieses Paris ist eben das einzige, an der Seine gelegene Paris! Das ists! Das sagt Alles.Veni, vidi, vici ruft Cäsar, woraus wir entnehmen können, daß der Römer me Paris gesehen hat, denn sonst hätte er rufen müssen: .Veni, vidi, victus sum!" Siehe Neapel und stirb I" ruft Ler Italiener. Er kennt eben Paris nicht, denn sonst würde er sagen müssen:Siehe Paris und lebe!"

Doch zur Sache! Man darf nicht gelangweilt an die Betrachtung von Paris gehen und lange Vorreden langweilen. Also Paris!

Was wollen wir herausgreifen? Paris ist dasvolle Menschenleben" und muß, wo wirspacken",interessant" sein. Also packen wir hinein ins volle Menschenleben und reden wir ein wenig über das nun das Quartier Montmartre!

H ny a quun Montmartre! ruft der Pariser stolz und in der That ist das hochgelegene Viertel der Seinestadt -einzig in seiner Art und in dem Trio der Pariser Quartiere die beiden andern sind das Quartier der großen Boulevards und das Quartier latin ganz sicher das interessanteste. Interessant ist es für uns nicht wegen der vielen Socialisten und Anarchisten, die es beherbergt, sondern weil sich das lustige Völkchen der Künstler, der Maler und Poeten, zusammengefunden hat und in den sogen.Cabarets oder Kneiplocalen sein harmloses, ungemein frohes, Humor- und Zeistsprühendes Wesen treibt.

Im Allgemeinen ist es nicht leicht, in diese Stätten zu gelangen und der Duchschnittsbesucher des Seinebabel hat Meist gar keine Ahnung von ihrer Existenz. Wer aber einen Begleiter hat, der dieses Viertel genau kennt (und das Glück war mir Sterblichen in der Person eines früheren Studien­genossen zu Theil geworden), der wird in alle Geheimnisse dieses Montmartre eingeweiht; er weiß garnicht, wie.

Mit der Omnibuslinie OdeonBatignollesClichy tritt man die Fahrt in dieses Viertel an und findet sich überreichlich belohnt für den Einblick in das interessante Leben, das sich da oben entwickelt.

Haufenweise schlendern in jenen Straßen die Maler und Poeten umher und kaum eine Dachstube giebt es hier, wo nicht so ein junges Dichterblut seinen Pegasus reitet oder -ein jungerRaphael" vas ganze Jahr hindurch die Leinewand Meterweise mit Farben beklext. Sie alle träumten von Reichthum und Ruhm und groß sind die Hoffnungen all dieser Künstler, wenn es auch noch so bescheiden mit ihren Finanzen aussieht.

Wie schon erwähnt, giebt es hier in großer Anzahl sogen,cabarets artistiques, wo die junge Künstlerschaar allabendlich zusammenkommt. Das Interieur dieser Kneipen sieht immer äußerst originell aus. Wir treten in eine solche, die von Cloquet an der Place blanche, ein und be­fanden uns in einem engen, finstern, Personen und Gegen­stände in graue Nebel von Tabaksqualm hüllenden Raum. Zwischen dem Buffet und einem Wirthstische war ein Clavier eingeklemmt, woran ein talentvoller, aber unendlich ver­hungert aussehender Spieler auf einem wackeligen Sessel thronte. Zwischen den anwesenden Künstlern und Schrift­stellern herrschte der ungezwungenste Verkehr. Als ich durch meinen Begleiter legitimirt worden war, konnte ich mir das Leben da drinnen ruhig mit ansehen. Man ist nämlich sehr eifersüchtig auf Alle, die dort sich heimisch machen wollen. Irgendwie muß man den Nachweis erbringen, daß man auch entweder den Thon geknetet, die Leinewand gefärbt oder den Hippographen geritten hat, ehe man als vollberechtigt ange­sehen wird. Dann freilich gehört man auch sofort zu der Gesell­schaft und darf sich als Genosse der Tafelrunde geriren, wie

die Uebrigen. Man darf mit der Faust auf den Tisch schlagen, wenn der Kellner nicht auf unser Rufen wie ein geölter Blitz" anschwirrt, man darf die am anderen Ende der Tafel Sitzenden mit Brotkügelchen oder sonstigen harm­losen Geschossen bombardiren, ohne gegen denguten Ton" zu verstoßen.

Der Wirth in diesenCabarets ist gewöhnlich eins von den zahlreichenverkannten Genies." Vielleicht war er ein alter Schauspieler, ein aus der Mode gekommener Poet, ein Maler oder ein verpfuschter Bildhauer. Kurz er ist der Wirth und hält es für seine Pflicht, zwischen den Gästen umherzugehen und sie zum Trinken zu ermuntern. Auf ein­mal stellte er sich auf einen Stuhl, kündigte mit lauter Stimme das Auftreten eines Dichters an und todtenstill wurde es im Local.

Der junge Poet erhebt sich dann von seinem Sitze, legt die Pfeife auf den Tisch, schüttelt seine Mähne und trägt in würdevoller Haltung seine neuesten Schöpfungen vor. Allgemeines Bravorufen folgt. Man trinkt auf die Gesund­heit des Zukünftigen und gratulirt ihm zu seinen ferneren Erfolgen. Ach! Für Viele ist der Beifall in solch einer Kneipe das Einzige gewesen was sie erreicht, sie blieben die Poeten des Montmartre" und die Welt, geschweige denn Paris, hat ihnen nie Lorbeeren geflochten. Uebrigens sind auch schon gefeierte literarische Größen in diesen Kneipen entdeckt und viele der berühmtesten Pariser Schriftsteller von heute trugen einst ihre Verse in solchenCabarets auf dem Montmartre vor.

An den Wänden derCabarets und an den Decken prangen Malereien von allen Dimensionen, farbenreiche Land­schaften, reizende Studienköpfe von hübschen Montmartraisen und oft befinden sich Schöpfungen darunter, die imSalon" bewundert werden würden, wenn wenn der arme Maler nicht damit seine Zeche dem Wirthe bezahlt hätte. Die Hausbesitzer, die ihre Dachstuben an Künstler ausmiethen, werden ebenfalls auf keine andere Weise bezahlt. Nach dem ersten Quartal werden die Gesichtszüge des Vermiethers auf die Leinewand gebracht, drei Monate später, wenn der Kunstjünger noch kein Geld hat, kommt die Hausfrau an die Reihe, dann die Kinder, die Tanten, kurz die ganze Familie. Dasselbe thun die Poeten mit ihren Gelegenheits­gedichten und so kommt es, daß viele Hausbesitzer auf dem Montmirtre ganze Bildergallerien besitzen und in ihren Schubladen ganze Pakete von Gelegenheitsgedichten auf­bewahren. Erst wenn die ganze Familie bis auf das Schooß- hündchen gemalt ist und wenn im Hause keine Geburtstage, Hochzeiten, Taufen und sonstige Festlichkeiten mehr in Aussicht stehen, wird dem Künstler gekündigt. Froh und unbesorgt packt er seine Siebensachen (oftmals sind es nicht einmal so viel), zieht aus und findet gar bald ein neues Heim, wo er seine Miethe auf dieselbe Weise bezahlen kann. Der Pariser kennt eben nur zwei Tempora, ein bischen Vergangenheit und dann die Gegenwart,- die Zukunft? Nun ja! Zukunft! Zukunft ist eben die kommende Gegenwart! Ein leicht­lebiges Völkchen, nicht wahr?

Bei einer meiner Abendwanderungen war ich Augenzeuge desUmzuges" eines solchen wandernden Kunstjünglings. Keinen Dienstmann, keinen Möbelwagen, nicht einmal einen der hier gebräuchlichen zweirädrigen Handkarren konnte ich in der Dunkelheit entdecken. Voran marschirte sein etwa zwanzigjährigesModell", vorsichtig die brennende Lampe tragend, dann kam der Maler selbst, in der einen Hand die Staffelei, in der andern (er hatte leider nur zwei) die Palette, die Pinsel und den Malkastey. Hinter ihm folgten vier seiner besten Freunde, welche majestätisch im Gleichschritt das eiserne Bett auf den Achseln trugen, auf dem noch ein durchlöcherter Stuhl die Beine flehentlich stumm gen Himmel streckte. So zog man mit feierlich ernster Miene aus einer Dachstube in die andere oder vielmehr ins neuelogis. Wäre das in einem anderen Stadtviertel passirt, so hätte die Polizei den Anfang jedenfalls inhibirt