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„Hat Doctor Frederich doch Deine Kräfte überschätzt? Habe ich Dir Schaden gethan?"
„Du hast mir unsäglich wohl gethan," entgegnete er sich aufrichtend und mit der Hand nach Kopf, Stirn und Wangen tastend.
„Dulde, daß ich mich überzeuge, daß Du in Wirklichkeit bei mir bist, daß Du keine Ausgeburt meiner Fieberträume warst und mit diesen verschwindest."
Sie drückte ihre Lippen auf seine Stirn. „Ich bin es selbst, wie ich es immer gewesen bin. Du hast mich nie im Traum gesehen." ,
„Und warum verschwandest Du immer wieder?" fragte er mit zärtlichem Vorwurf.
„Weil der Arzt befürchtete, die Aufregung könne Dein Leben in Gefahr bringen."
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Wie schlecht kennt mich der gute Frederich, Deine Nähe kann nur heilsam auf mich wirken. Und jetzt?
„Jetzt hält er Dich für so weit genesen, daß er den Bann, in den er Dich bis dahin gethan, aufgehoben hat. Glaubst Du wirklich, man habe Dich so ganz vergessen gehabt, daß Niemand kam, nach Dir zu fragen?"
„Ich fand es nur zu natürlich, daß man den Selbstmörder, den Sohn des —"
„Still!" gebot sie und drückte ihm die kleine feste Hand auf den Mund. „Kein Wort weiter. Kannst Du das Vergangene auch nicht aus Deinem Gedächtniß tilgen, so wollen wir seiner doch so wenig wie möglich erwähnen."
„Wir!" wiederholte er. „Carola, Du wolltest, Du könntest?"
„Wäre ich sonst zu Dir gekommen?"
„Du kannst verzeihen?"
„Ach, Du fehltest ja aus Liebe yi mir!" entgegnete sie erröthend und mit abgewandtem Gesichte. „Was verziehe nicht ein liebendes Weib, das sich geliebt weiß!"
Er war noch nicht beruhigt. „Aber Deine Mutter, Dein Onkel?" .
„Sie haben mich Beide herbegleitet und mögen Deine Frage selbst beantworten," erwiderte sie und schlüpfte aus dem Zimmer.
Nach wenigen Minuten kehrte sie in Begleitung des Amtsraths und ihrer Mutter zurück, und später fand sich auch die hoch überraschte Frau Büttner ein, die, nachdem sie den Zweck ihres Besuches erfahren, Carola in die Arme schloß, Frau Münter die Hand küßte und Beiden, wie dem Amtsrath unter Thränen sagte:
„Gott segne Sie, denn Sie haben Großes an uns gethan, nicht nur an meinem Bruder, sondern an uns Allen, Sie geben uns das Vertrauen zu uns selbst und zu der Menschheit wieder."
Es waren nach vielen Monaten wieder die ersten glücklichen Stunden, die Adolf und seine Schwester und auch Carola verlebten.
Sie kam jetzt täglich in Begleitung ihrer Mutter und ihre Nähe wirkte so wohlthätig auf den Genesenden, daß der Arzt schon nach kurzer Zeit seme Uebersiedelung nach Waldhof gestattete, denn der Amtsrath behauptete, die Luft daselbst sei für ihn weit heilsamer als die in Rapshagen.
In Waldhof traf Adolf auch mit Doctor Holten zusammen, der zwar schon seinen Aufenthalt in Berlin genommen hatte, aber fast jede Woche auf einen Tag zum Besuch seiner Braut kam. Die Begegnung war für Beide schwer und peinlich, jedoch Carola und Meta hatten es so eingerichtet, daß sie in ihrer Gegenwart stattfand. Unter dem besänftigenden Einfluß der liebenswürdigen jungen Mädchen überwand Doctor Holten sein Widerstreben und reichte Adolf Göbener versöhnlich die Hand.
Beide Männer fühlten indeß, daß ein wirklicher Ausgleich zwischen ihnen sich nie oder doch erst nach langer Zeit vollziehen könne- zwischen ihnen stand der Schatten der armen Anna.
Es war indeß auch keine Aussicht vorhanden, daß ihre Wege sich so bald wieder kreuzen würden, denn schon Ende October sollte Adolf Göbener dem Vaterlande für eine Reihe von Jahren, wenn nicht für immer, Lebewohl sagen.
Carola, die im lebhaften Verkehr mit der russischen Fürstenfamilie, in der sie seit Jahren gelebt hatte, geblieben war, hatte ihm einen ausgedehnten Wirkungskreis verschafft.
Eine der jungen Prinzessinen, die sie erzogen, hatte sich wiederum an einen Fürsten verhcirathet, der auf seiner großen Herrschaft in der Krim ein Schloß und andere bedeutende Bauten ausführen lassen wollte, die eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen mußten. Die Leitung dieses großartigen Unternehmens war Göbener übertragen worden.
Nach einer stillen Hochzeit reiste der Genesene, der in dem milden Klima Livadias und noch mehr im Sonnenschein seines jungen Liebes- und Eheglückes völlige Wiederherstellung erwarten durste, mit Carola dahin ab.
Schon vorher hatten seine Schwestern mit ihren Familien Deutschland verlassen. Den im Provinzialzuchthause befindlichen ehemaligen Amtmann Göbener hatte keins von seinen Kindern wiedergesehen. Er blieb hartnäckig bei seine« Vorsatze, keinen von seinen Angehörigen wieder zu sich zu lassen.
„Sie möchten hingehen, wohin sie wollten, er sei so gut tobt für sie wie die auf dem Reppenhagener Kirchhof ruhende Mutter," ließ er ihnen sagen.
Sie erfuhren indeß, daß er sich gut führe und sein körperliches Befinden nichts zu wünschen übrig lasse.
Er hatte in den Verkauf von Rapshagen gewilligt, das auch bald von den neuen Besitzern, die eine Kinderschaar mitbrachten, bezogen und bald gänzlich umgewandelt wurde.
Die Gräber der Frau Göbener und Annas, die sich nebeneinander auf dem Kirchhof befinden und mit einfachen Gedenksteinen versehen worden sind, haben Frau Münter und ihre Schwester in Obhut genommen. Beide waren bei dem Amtsrath in Waldhof geblieben, nachdem Meta ihren Gatten zu Anfang des neuen Jahres nach Berlin gefolgt war.
Der Amtsrath hatte allerdings bei der Wahl und Einrichtung der neuen Wohnung, wobei er eine gewichtige Stimme hatte, darauf Bedacht genommen, daß immer ein paar Zimmer für ihn in Bereitschaft ständen, sodaß er, ohne das junge Paar in seinen Bewegungen zu beschränken, sich so oft bei seinen Kindern aushalten konnte, als ihn seine Sehnsucht zu ihnen trieb.
Anna Haltens Andenken wurde außer durch den stets sorgfältig geschmückten Hügel auf dem Kirchhof zu Reppen- hagen noch in anderer erkennbarer Weise in Ehren gehalten.
Die ziemlich verwickelte Rechtsfrage, ob die Versicherungsgesellschaft „Vorsicht" zur Zahlung der Hunderttausend Mark verpflichtet sei und an wen dieselbe gezahlt werden muffe, war durch einen Vergleich gelöst worden. Die Gesellschaft hatte eine nahmhafte Summe hergegeben und aus dieser war eine „Anna Holten - Stiftung" zu Gunsten bedürftiger Frauen und Jungfrauen errichtet worden.
Aus der Seinestadt.
Plaudereien von Dr. M. Evers.
__(Nachdruck verboten.)
I.
Das Quartier Montmartre.
KO. Wenn es nicht Talleyrand war, so war es Jemand nach oder vor ihm, aber immerhin muß es ein Franzose gewesen sein, der den Ausspruch that: „Der Deutsche baut seine Schlösser in die Lust, der Engländer aufs Wasser und der Franzose auf die Erde." Es ist in der That so. Die Stadt an der Seine ist ein kleines Paradies auf Erden und macht auf den Fremden, der sie zum ersten Male zu sehen bekommt, einen unauslöschlichen Eindruck. Es ist nicht die


