Ausgabe 
20.3.1898
 
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keinen Bescheid zu geben. Erst nach einigen Minuten brachte der Knecht die nicht sehr durchdachte Bemerkung hervor:

Am Ende ist sie doch wohl ins Haus gegangen."

Da steht auch der Korb mit der Stickerei, mit der sie immer so viel Zeit unnütz verthan hat."

Aber wir können ja mal zusehen, wer kann wissen, was solch ein Mävchenkopf für Einfälle kriegt!" fügte er gelassener hinzu und ging, begleitet von den Dienstboten, ins Haus und zunächst ins Annas Stube, wo die ihr eigene Ordnung und Sauberkeit herrschte. Das Zimmer war leer, sah jedoch aus, als habe es eine Person verlassen, die in der nächsten Minute wiederzukehren gedenke.

Unter dem Rufe:Anna! Anna!" ging es nun treppauf, treppab, durch das ganze Haus, auf den Boden, in den Keller, in die Milchkammer, sogar nach dem Hühner­stall und zum Taubenhaus kletterte der Knecht hinauf, so wenig Wahrscheinlichkeit auch vorhanden war, daß die sonn­täglich gekleidete Anna sich dorthin begeben haben sollce.

Vielleicht ist ein Bote von Fuchsberg gekommen und hat sie geholt?" muthmaßte die Kleinmagd, als Herr und Gesinde, zu dem sich nun auch noch der zweite Knecht und die alte Suse gesellt hatten, wieder auf dem Hofe standen und einander rathlos anschauten.

Unsinn!" schnob sie der Amtmann an,meine Frau weiß doch, daß Anna hier nicht abkommen kann."

Nein," sagte Suse, welche ausnahmsweise die Be­merkung gemacht hatte,es war Niemand hier."

Und Fräulein Annechen wär' auch nicht fort gegangen, ohne der Suse Bescheid zu sagen!" stimmte die Großmagd bei.

Ich hab' mich in ihrer Stube umgesehen- ihr Hut, ihr Umhang, Alles ist da. Sie kann nicht vom Hof gegangen sein. Ich hab' es gleich gedacht, es ist ihr ein Unglück ge­schehen!" Sie fing an zu schluchzen und ihre Gefährtin leistete ihr sogleich Gesellschaft.

Der Amtmann schalt zwar über den verdammten Weiber­unsinn und verbot das Heulen, aber sein Ton verrieth doch, daß ihm bei der Sache selbst nicht mehr recht geheuer war und auch die Gesichter der Knechte drückten Angst und Schrecken aus. Die Magd hatte nur den Gedanken Worte gegeben, die ihnen sämmtlich bereits aufgestiegen waren.

^Sollten wir nicht doch wieder nach dem Garten gehen, Herr Amtmann?" schlug der zweite Knecht vor.

Na, auf den Bäumen wird sie ja wohl nicht sitzen!" antwortete Göbener unwirsch,aber meinetwegen, ob wir hier hernmstehen oder dort."

Wieder bewegte sich der ganze Zug nach dem Garten, wieder klang esAnna! Anna! Fräulein Anna!" und wieder hörte man nichts als das Summen der Jnsecten, das leise Rauschen der Bäume und das Quaken der Frösche, die sich in großer Anzahl in dem Teich aushielten, wovon er dann auch den NamenPaddenteich" erhalten hatte.

Plötzlich stürzte Jochen vorwärts, hob von dem Rasen dicht am Wasser etwas auf und hielt cs den Anderen hin. Es war eine Feder des Papagei.

Das verwünschte Thier ist ihr davongeflogen!' sagte er dabei, es den Uebrigen überlassend, die Schlußfolgerung aus dieser Bemerkung zu ziehen.

Er hat's schon ein paar Mal gethan und ich habe meine Noth gehabt, ihn wieder zu bekommen," erzählte der zweite Knecht.Ich wollt ihm die Flügel verschneiden, aber sie ließ es durchaus nicht zu!"

Hätt' ich ihm nur den Hals umgedreht, wie ich immer Lust gehabt!" brummte Göbener,hab's immer gesagt, der infame Schreier bringt uns noch ein Unglück in's Haus - ich"

Ein lauter Jammerschrei schnitt ihm das Wort vom Munde- Anneliese, welche am Rande des Teiches suchend entlang gegangen war, hob Etwas in die Höhe. Es war ein ausgeschnittener, schwarzer Lederschuh mit einer Band- rosette und mäßig hohem Hacken, wie Anna sie im Hause zum Sonntagsanzug über einem weißen Strumpfe zu tragen liebte.

Eine Feder deS Papageis, ein Schuh des jungen i Mädchens am Rande des Paddenteiches! Der Schluß, welcher daraus zu ziehen war, lag zu nahe, als daß es noch eines erklärenden Wortes bedurft hätte. Es entstand dann auch ein minutenlanges, banges, beklemmendes Schweigen, das der Amtmann mit dem Befehl an die Knechte unterbrach :

Holt das Netz! Und Ihr seid still und heult nicht!" setzte er zu ben Mädchen gewendet, hinzu, ohne daß man sich indeß viel daran kehrte- das außergewöhnliche Ereigniß übte bereits die unausbleibliche Wirkung eines solchen- eS lockerte die Bande des Gehorsams.

Schneller als es sonst die Art pommerscher Landleute zu "sein Pflegt, kehrten die Knechte zurück- sie hatten die Sonntagsanzüge mit den Werktagskleidern vertauscht und Wasserstiefel angezogen.

Das Netz wurde in den Teich versenkt und nach etlichen Minuten zurückgezogen, auch die Mägde legten mit Hand an - es hätte dessen nicht bedurft, denn es war ziemlich leicht. Außer Schlamm, einigen kleinen Fischen und Padden und losgerissenen Sumpfgewächsen kam nichts zum Vorschein. Alles athmete auf. Vielleicht hatte man sich doch einer un­richtigen Voraussetzung hingegeben.

Los!" befahl der Amtmann, und der zweite Zug wurde gethan. Wieder war er leicht, um so schwerer wurden die Herzen aller Umstehenden. In die Maschen des Netzes mit den Krallen verwickelt, hing der tobte Papagei. Jetzt war kein Zweifel baran, baß man auch seine Herrin auf bem Grunbe bes Teiches finden werbe.

Noch zwei Mal tauchte bes Netz indeß nieder und kam wieder zum Vorschein, ehe man die Gesuchte an das Tages­licht brachte. Endlich ward der Aufzug schwerer, mühsamer und da lag sie vor den Augen ccr entsetzten Leute, ein Anblick so jammervoll, daß selbst die Klagerufe verstummten und eine tiefe, herzbeklemmende Stille herrschte.

Die Nadeln waren aus dem Haar gefallen und die schwere braune Flechte hatte sich einer Schlange gleich um den Hals der Unglücklichen geschlungen, die Augen waren geschlossen, aber der Mund mit den bläulichen Lippen stand halboffen, als hätte er soeben erst einen Schrei ausgestoßen - auf dem bleichen Gesichte glaubte man noch den Schreck, die Angst zu lesen, die sich ihrer bemächtigt, als sie sich so plötzlich dem unbarmherzigen Tode preisgegeben sah.

Sie befreiten das arme Opfer aus dem Netze und legten es auf den blumigen Rasen nieder.

Der Papagei ist ins Wasser geflogen und sie ist ihm nachgesprurigen!" sagte die Großmagd.

Es war kein Mensch auf dem ganzen Gehöft, den sie hätte anrufen und der ihr hätte beispringen können," fügte Jochen hinzu, die Kleinmagd nahm sich aber sogar heraus, den alten Göbener, der wie geistesabwesend dastand und immer nur auf einen Punkt starrte, am Aermel zu zupfen und ihn zu fragen:

Herr Amtmann, sollten wir nicht den Bader aus Reppenhagen holen. Vielleicht lebt sie noch."

Göberen fuhr auf, aber anstatt auf die dumme Dirne zu schelten, lächelte er nur wehmüthig und sagte:Der hilft kein Bader und kein gelehrter Doctor mehr, aber meinetwegen holt ihn- macht, was Ihr wollt! Ich weiß nicht, was ich sagen oder thun soll!"

Er wankte. Mitleidig faßte ihn die Großmagd unter dem Arm und führte ihn zu dem Stuhl, auf welchem vor wenigen Stunden Anna gesessen, wo auf dem Tische davor noch der leere Bauer und ihr Arbeitskörbchen stand, wo das Buch lag, aufgeschlagen auf der Seite im Wilhelm Tell, wo die Worte zu lesen waren:

Fort mußt Du, Deine Uhr ist abgelaufen!"

Hatte ihr Auge zuletzt darauf geruht. Waren sie ihr zur schaurigen Weisung geworden!

Ehe die Leute noch mit sich einig waren, ob sie die Ertrunkene ins Haus tragen oder zur Ankunft des Baders auf dem Rasen liegen lassen sollten, erschien der Letztere.