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unsere beiderseitigen Logements von einander getrennt, wir sehen und hören nichts von einander und geniren uns nicht. Dafür biete ich Ihnen hundert Mark monatlich. Sie lieferen mir erstes und zweites Frühstück, dafür zahle ich Ihnen, was Sie verlangen. Sind Sie's zufrieden?"

Marianne war gar nicht zufrieden, der alte blaublütige Aristokrat mit seiner hochmüthigen Sicherheit war ihr ganz und gar zuwider, sie wollte den alten gräulichen Peter an die Luft befördern, aber sie fand nicht den Muth, ihren Willen zu äußern, sie schwieg. Der Baron faßte das wie erklärlich, als Zustimmung auf.

Also abgemacht", rief er,ich ziehe heute noch ein."

Damit ging er fort, seinen Umzug aus demSchwarzen Schwan" in Mariannens Haus zu bewerkstelligen.

Marianne hätte weinen mögen über sich, über ihre Dummheit, ihre Schwäche, wie sie sich selbst sagte, aber es ließ sich nicht mehr ändern, was sie sich aufgeladen. Der Baron von Kroker war nun ihr Hausgenosse bis zum ersten August.

Uebrigens ging die Sache besser als Marianne geglaubt hatte. Der Baron war ein ruhiger Miether, er kam ihr wenig in den Weg und machte nicht übertriebene Ansprüche. Man merkte fast gar nicht, daß er im Hause war. In der Erfüllung seiner pecuniären Verbindlichkeilen erwies er sich sehr prompt. Er hatte gleich am ersten Tage Marianne einen Fünfhundertmarksche n übersandt mit dem Bemerken, daß er die Miethe gleich für alle vier Monate voraus bezahlen wolle, die überschießenden hundert Mark sollten einstweilen als Deckung der Auslagen für Frühstück u. s. w. dienen. (Fortsetzung folgt.)

Verdient der Pirol verfolgt zu werden.

(Vortrag in einer Ausschußsitzung des Gießener Thierschutzvereins.)

Der Pirol, der auch Goldamsel, Pfingstvogel genannt wird, muß leider auch zu den verkannten Vögeln gerechnet werden, denn über Nutzen und Schaden desselben gehen die Urtheile der Naturbeobachter, Garten- und Landwirthe sehr auseinander, und Sie erlauben mir daher, Ihnen über sein munteres Thun und Treiben in der Natur mit einigen Worten zu berichten: Dieser Vogel erreicht die Größe einer Schwarzamsel und trägt in der That eine prachlvolle Uniform, denn das Männchen ist auf dem Rücken, Kopf, Hals und Bauch sehr schön hellgelb, Flügel und Schwanz sind schwarz- braun- die Flügel sind auch mit gelben Flecken geschmückt und den Schwanz ziert ein gelbes Ende. Das Weibchen ist weniger schön/ es ist aus dem Rücken grünlich gelb, unten weißlich mit schwarzen länglichen Flecken. Als Seminarist hatte ich schon Ende der dreißiger Jahre vielfach Gelegen­heit in Dautenheim (Rheinhessen) im sogenannten Wares (Weidaß) das stolze Gefieder der Goldamsel, das im Sonnen­schein einen Prachlvollen Glanz verbreitet, zu bewundern und ihrem wirklich sehr angenehmen, flötendem Gesang, der zu den besten unserer einheimischen Sänger gerechnet werden muß, zu lauschen. Jedoch, was mich damals in das höchste Erstaunen versetzte, war das wahrhaft künstlich gebaute Nest benannten Vogels, das ich, auf einer jungen Birke etwa 2*/2 Meter hoch angebracht, entdeckte, und ich konnte es daher mit leichter Mühe einer näheren, genauen Betrachtung unterziehen. Dasselbe befand sich in der Gabel eines Astes, hatte die Form eines Napfes und hing freischwebend herab. Das Baumaterial bestand aus Halmen, trockenen Gras­blättern, Wolle, Moos, Spinnengewebe und langen Wollsäden. Mit diesen Fäden, die um die beiden Theile der Gabel fest wie von Menschenhand gewickelt, war das Nest befestigt, und besten Inneres mit Federn, Spinnengeweben, Wolle und Halmen weich ausgepolstert. Em so höchst künstliches Nest kann gewiß nur dann vollendet werden, wenn die beiden Alten den Bau gemeinschaftlich betreiben, was bei dem Pirol der Fall ist, und bei den deutschen Vögeln findet man, wenn

ich nicht irre, nur bei den Rohrsängern und den Gold­hähnchen, annähernd ähnlich gebaute Wohnungen.

Der Pirol ist ein Zugvogel, und den Namen Pfingst- v gel hat man ihm wohl darum beigelegt, weil er erst'gegen Pfingsten, demnach etwa Mitte Mai bei uns in Deutschland von seiner Wanderung ankommt. Sein Aufenthalt bei uns dauert nur kurze Zeit, denn schon im August tritt er seine weite, gefährliche Südreise, die sich nach Brehm über ganz. Afrika erstrecken soll, wieder an.

Sogleich nach ihrer Ankunft begeben sich die Pirole, Männchen und Weibchen, in niedergclegene Laubwälder,, worin Eichen und Birken Vorkommen, oder in Feldgehölzen mit gleichen Bäumen, und sie beginnen da sofort mit ihrem oben erwähnten, künstlichen Nestbau, der etwa zehn bis zwölf Tage in Anspruch nimmt. Nach kurzer Zeit liegen vier bis fünf glänzend weiße Eier im Neste. Das Weibchen bebrütet dieselben höchst sorgfältig und nach vierzehn bis fünfzehn Tagen erscheinen die Jungen. Dieselben sind sehr gefräßig, sperren sogleich die hungrigen Schnäbel auf und bitten dringend um Nahrung. Die beiden Alten füttern sie nicht nur vom frühen Morgen bis zum späten Abend außer­ordentlich fleißig, sondern bewachen auch die Jungen mit großer Sorgfalt und suchen dieselben sogar mit eigener Lebensgefahr gegen Herz- und gefühllose Menschen und Raub­vögel zu schützen. Die reichliche Nahrung, die sie den Jungen täglich zutragen und auch für sich in Anspruch nehmen, besteht hauptsächlich nur in schädlichen Jnsecten. Man darf kühn behaupten, daß sie während des Aufenthaltes bei uns Millionen von diesem Ungeziefer, das besonders aus Raupen, Schmetterlingen, Maikäfern und Würmern besteht, aus der Welt schaffen,- sie müssen daher zu den nützlichen Vögeln gerechnet werden, und sie verdienen gewiß nicht von den Menschen verfolgt zu werden, sondern sie haben in hohem Maße Anspruch, Schutz und Pflege von denselben zu verlangen.

Ich will jedoch nicht verschweigen, daß der Pirol dem Obstzüchter durch seine Plündereien, die er an den Obst» bäumen, namentlich an Kirschbäumen ausübt, einigen Schaden verursacht/ allein wenn wir seine Nahrung gewissenhaft im Großen und Ganzen ins Auge fassen, so muß sich doch die Wagschale so entschieden zu Gunsten des Pirols tief senken, daß der Schaden, den er stiftet, gar nicht in Betracht zu ziehen ist.

Es ist gewiß sehr zu bedauern, daß es noch viele Menschen giebt, die oftmals von ihrem recht einseitigen Standpunkte aus ganz falsche Urtheile über die Vögel fällen und zu verbreiten suchen. Diese sind dann aber auch sogleich bereit, einen jeden Vogel, der sich erlaubt manchmal Mahlzeit mit den Menschen zu halten, den ärgsten Ver­folgungen auszusetzen, und sie bedenken dabei gar nicht, daß die Vögel die mächtigsten Ausgleicher im Haushalte der Natur sind. Denn wenn man namentlich die Jnsecten fressenden Vögel, die auch hier und da am Obste, an ver- schieoenen Gartengewächsen und am Getreide einigen Schaden verursachen, immer mehr zu vermindern sucht, so wird es zuletzt dadin kommen, weil dann das den Pflanzen im höchsten Grade schädliche Ungeziefer eine so unermeßlich große Zahl erreicht hat, daß kein Blatt em Zweige, keine Frucht am Baume, kein Halm auf dem Felde zu schauen wäre, und somit das Dasein der Menschen gefährdet.

Der Pirol, der wie oben bemerkt, auch die Namen Goldamsel und Pfingstvogel führt, ist bei weitem überwiegend nützlich/ er gehört bei uns zu den trauten Sommergästen/ er verschönert die Natur durch sein prachtvolles Gefieder/ er erfreut uns durch seinen herrlichen Gesang, und darum ersckeint die nochmalige Forderung:Schutz diesem Vogel!" zweifellos gerechtfertigt.

Gießen, im Februar 1898.

H. Curschmann, Lehrer i. P.

«ebacti»#: 8L Schepd,. Druck unb verlaq btt Brühl'schen UmvtrsttötS-Buck» unb Steinbruck»« (Pietsch & Scheyba) in liegen.