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alles Unangenehme, Peinliche. Er fühlt des Bruders Wange an der seinen, die milden, versöhnlichen Worte klingen in seinem Herzen nach. Er, dem er so tiefes Weh zugefügt, -em er so bitteres Unrecht angethan, er kommt von selbst und bietet ihm völliges Versöhnen, bietet ihm völliges Ver­gessen, Verzeihen. Daran erkennt er ihn wieder, sein gutes, opferwilliges Herz. Er ist so ergriffen, daß er sich kaum mehr aufrecht erhalten kann, und er macht eine unwillkür­liche Bewegung, als wolle er in seine Kniee niedersinken. Aber Carl hält ihn in seinen Armen fest und läßt ihn sanft auf einen Stuhl gleiten. Und um seiner und des Bruders Ergriffenheit eine Ablenkung zu geben, wiederholt er seine Frage:Wo ist denn Constanze?"

Bei ihrem Vater," stöhnt Otto.

Bei Wie?" fährt Carl beunruhigt auf.Du meinst, sie wird ihm Alles erzählen?"

Otto nickt. Carl geht eine Weile aufgeregt auf und ab, seinen Empfindungen und Befürchtungen in kurzen, unzu­sammenhängenden Worten Ausdruck gebend.Weißt Du was, Otro?" sagt er, wieder an den Bruder herantretend. Ich werde Deinen Schwiegervater aufsuchen, ich werde mit ihm reden. Ich werde ihm erklären, wie Alles gekommen. Er soll Dir die alte dumme Geschichte nicht weiter nach­tragen ?"

Otto richtet sich rasch in die Höhe und will seinen Bruder zurückhalten, aber dieser ist schon an der Thür. Es ist wieder der ganze freudige Eifer in Carl, für den jüngeren Bruder Sorge und Mühen auf sich zu nehmen.

(Schluß folgt.)

Für Dittas Brautkleid!

Novelle von E. Reinhold.

(Fortsetzung.)

Die große Wohnung! Das war etwas, worüber sich Marianne stets ärgerte. Wozu brauchte so eine kleine Familie sieben Zimmer? Sie wäre mit dreien zufrieden ge­wesen, aber Moritz wollte es nun einmal so haben, und so konnte sie nichts dagegen thun. Moritz behauptete immer, er müsse sichordentlich ausbreiten" können, wenn ihm wohl sein solle, aber sie hatte das Bedürfniß nicht. War es da nicht jammerschade, daß sie jetzt der erste April nahte und die Vierteljahrsmiethe war fällig wieder so viel Geld forttragen mußte für nichts und wieder nichts?

Wenn ich daran etwas ersparen könnte!" seufzte sie und blickte nachdenklich vor sich hin. Da schien ihr ein Ge­danke zu kommen. Ihre Züge belebten sich und aus ihren klaren grauen Augen blitzte ein kühner Entschluß.

Natürlich, das geht, ich thu's!"

Am Abend, nachdem Ditta in das Bett verbannt worden war, entwickelte Frau Marianne der alten Barbara ihren Plan. Diese hörte mit einem bedenklichen Gesicht zu.

Ich thäts nicht, Madame", sagte sie,dem Herrn wirds gar nicht recht sein!"

Das freilich nicht", entgegnete Marianne,und wäre er hier, so wäre keine Gedanke daran. Aber wenn ich ihm dann die blanken Goldstücke aufzähle, und wenn er sieht, was mein Finanzgenie wieder für unseres Kindes Wohl geschafft, wenn er sieht, wie glücklich ich darüber bin, meinst Du, daß er dann ernstlich und lange grollen wird?"

Das meinte nun Barbara allerdings nicht, denn dazu glaubte sie ihren Herrn und ihre Herrin zu gut zu kennen, aber sie hatte noch andere Bedenken.

Was werden die Leute dazu sagen", bemerkte sie, daß die Frau Schäfer vermiethet?"

Aber altes Kind, denen erzählen wir einfach, das ist ein alter Onkel, der aus Gefälligkeit für die paar Monate zu uns gezogen ist, damit wir nicht ohne männlichen Schutz sind. Jetzt, wo jeden Tag etwas von einem Einbruch in

der Zeitung zu lesen ist, wird Jedermann das natürlich finden. Uebrigens werde ich dafür sorgen, daß wir nicht allzuviel neugierigen Besuch erhalten. Natürlich nehme ich nur einen feinen, ruhigen, würdigen und alten Herrn als Mieth er."

Der alten Barbara schüchterne Einwürfe waren somit entkräftet und die Vermiethung von Moritz Schäfers Arbeits­zimmer und dem daranstoßenden Fremdenzimmer beschlossene Sache. Marianne setzte ein Inserat auf, in welchem sie ihre elegant möblirten Zimmer distinguirten älteren Herren empfahl. Die Antwort der Herren Reflectanten wurde schriftlich unter bestimmter Chiffre postlagernd erbeten.

Als nach einigen Tagen Barbara die eingelaufenen Meldungen abholen wollte, fand sich, daß nur eine einzige eingegangen war. Nur Einer hatte seine Karte niedergelegt, aber ein Löwe.

Freiherr von Kroker", las Marianne auf der in einem Couvert steckenden Karte, und als gegenwärtige Wohnung des betreffenden Herrn denSchwarzen Schwan", das erste und theuerste Hotel in der Stadt. Das imponirte zwar Marianne, aber sie war vorsichtig, sie wollte nicht gleich auf den Leim gehen, wie sie sich sagte, sie wollte erst @r- kundigungen einziehen. Doch alle Auskünfte lauteten be­friedigend. Die Freiherren von Kroker waren ein reich­begütertes Geschlecht, und der hier in Frage kommende Sprößling schien ein sehr vornehmer älterer Herr, der allerdings erst seit drei Tagen im Schwan wohnte, aber dort allgemein den günstigstem Eindruck machte. So ent­schloß sich Marianne, den Herrn zur Besichtigung ihrer Räume einzuladen.

Der Herr kam und stellte sich vor. Er mochte ein Sechziger sein, hatte weißes Haar und weißen Schnurrbart, hielt sich aber noch stramm, fast militärisch. Er sah sehr distinguirt aus, und seine Kleidung war die allerfeinste. Marianne war sonst nie befangen, und fand sich immer allen Persönlichkeiten gegenüber leicht zurecht, dem Baron gegenüber aber fühlte sie im ersten Augenblick eine leichte Verlegenheit. Sie hatte in ihrer Rolle als Vermietherin dem Miether gegenüber ein peinliches Gefühl der Inferiorität. Und fatal war es, daß der Baron das zu merken schien. Er, der ihr zuerst mit all dem Respect entgegengetreten war, den man einer Dame der guten Gesellschaft schuldig zu sein glaubt, ließ mit einem Male ganz ungenirt ein ironisches Lächeln sehen und sagte in sehr herablassendem Tone:

Zeigen Sie mir die Zimmer, die Sie vermiethen wollen."

Marianne ärgerte sich unbeschreiblich, und zumeist über sich selbst. Sie erkannte, daß sie sich dem Baron gegenüber selbst durch ihre kindische Befangenheit den Respect vergeben hatte. Sie spürte, sie imponirte dem alten vornehmen Herrn recht wenig und dafür hätte sie ihn am liebsten gleich wieder fortgeschickt. Doch das ging nicht an, denn sie selbst hatte ihn ja hergerufen, und so führte sie ihn denn nach den Räumen, die sie abzutreten gewillt war.

Der Baron betrachtete mit kritischen Blicken die beiden Zimmer.

Das sieht ja passabel aus", sagte er dann mit einer wohlwollenden Anerkennung, die Frau Marianne das Blut in die Wangen trieb,aber liebe Frau, wenn ich Besuch erhalte, wo soll ich den empfangen? Etwa in diesem Zimmer, das Sie Wohnzimmer zu nennen belieben, und das wie ein kaufmännisches Comptoir mit Geldschrank und Schreibtisch ausgestattet ist?"

Marianne schwieg. Die ironische Frage des alten Cavaliers hatte sie wieder ganz eingeschüchtert. Sie hatte sich das Vermieihen doch einfacher gedacht.

Und wieviel wollen Sie denn für die beiden Stübchen haben?" fuhr der Baron in seiner lässig wohlwollenden Art fort) Fünfzig Mark? Nun ich werde Ihnen etwas sagen, gute Frau, mit den zwei Zimmern kann ich nichts anfangen. Geben Sie mir dazu den anstoßenden Salon, dann sind