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Sie schickt ihr Dienstmädchen nach einer Droschke und kleidet sich und ihr Kind in aller Eile zum Ausgehen an . . . Otto ist sehr erstaunt, als er zur Mittagszeit nach Hause kommt und weder Frau noch Kind vorfindet. Eine lebhafte Unruhe bemächtigt sich seiner, während er das Dienstmädchen befragt. Die Frau Assessor habe sehr blaß und ausgeregt ausgesehen. Kurz vor ihrem Weggange sei eine Dame zum Besuch gewesen. Zwischen den Damen muß ein Wortwechsel stattgefunden haben, denn man habe die Stimmen bis in die Küche hinausgehört.
An der Beschreibung, die ihm das Mädchen von der Unbekannten entwirft, erkennt Otto seine Schwägerin. Er ahnt es ohne dies, daß es nur Helene gewesen sein kann, und wie zerschmettert sinkt er nun auf den Sessel nieder, der vor seinem Schreibtisch steht. Er schickt das Mädchen wieder in die Küche und grübelt nun düster vor sich hin. Er hat es immer geahnt, gefürchtet. Nun doch noch, so kurz vor dem Termin, der ihm die Rettung gebracht hätte! Eine ganze Weile brütet der Unglückliche dumpf vor sich hin.
fügt wird.
„Die Schande meines Mannes, sagst Du," ruft sie außer sich, noch lauter als zuvor. „Die Schande meines Mannes! O Du — Du — mit einem Wort kann ich Dick vernichten, kann Dich zwingen, vor mir auf die Kniee zu sinken und mich um Verzeihung bitten. Du Stolze, Du hängst ja von unserer Gnade ab, Du und Dein Otto. Wenn Carl nicht ein so edler, hochherziger Mensch wär', so säße er längst im Gefängniß, der stolze Herr Assessor, Dein sauberer Herr Gemahl. Die Schande meines Mannes! Ja, er hat im Gefängniß gesessen, mein Carl, aber unschuldig, hörst Du, für die Schuld eines Anderen. Und wer hinter Schloß und Riegel gehört, längst gehört, das ist Dein Otto!" Sie weidet sich mit einem langen, triumphirenden Bl ck an dem starren der Anderen und ^ehrt sich erhobenen Hauptes um, der Thür zu. Sie ist eben im Begriff, die Thür zu öffnen, als ihr heisere Laute nachschallen. Wie ein Verzweiflungsschrei klingt es: „Du lügst, Du lügst!"
Sie dreht sich noch einmal um.
„Ich lüge nicht," giebt sie zurück. „Frage nur Deinen Otto, wer damals die viertausend Mark aus Vaters Geld" tasche genommen hat!"
Sie geht. Constanze bricht mit einem Aufschrei auf dem ihr zunächst stehenden Stuhl zusammen. Eme ganze Weile sitzt sie wie betäubt und stiert halb bewußtlos vor sich hin. Dann greift sie mit einer wilden Bewegung in die Höhe. Sie sieht sich wirr um. War das Alles nur ein böser Traum! Nein! Nein! Die Stimme der Rasenden gelt ihr noch in den Ohren. Aber ist es denn möglich, das Undenkbare, Unfaßbare? Sie sinnt und sinnt. Ottos eigenthümliches Wesen, seine Nervosität, Rastlosigkeit, sein eigenthümliches Verhalten seinem Bruder gegenüber, Alles, alles das sieht sie jetzt in einem neuen Lichte. Und doch, nein, nein es ist ja nicht möglich! Es wäre zu furchtbar! Der Kopf schmerzt ihr, wie ein Fieber glüht es in ihr. Ihre Gedanken verwirren sich. Was soll sie thun? Sie kann nicht mehr denken, sie schaudert bei dem Gedanken, jetzt Otto gegenüberzutreten. Sie will zu ihrem Vater. Er soll ihr rathen, Helsen.
nun geht die Thür auf.
Er taumelt zurück. Carl steht vor ihm. Ein eisiger Schreck überrieselt ihn. Nun ist Alles verloren, alles.
Aber was ist das? Carls Stimme klingt an sein Ohr weich, sanft, im Ton des Bedauerns. Ueberrascht hebt er seine Augen. Der alte, gutmüthige Ausdruck von ehemals glänzt ihm von Carls freundlichem Gesicht entgegen.
„Es thut mir herzlich leid," sagt Carl, „daß Helene sich von ihrer Erregung hat hinreißen lassen, zu plaudern, ich versichere Dir, daß es ganz gegen meinen Willen geschah. Hoffentlich hat Helenes Uebereilung keine weiteren Folgen sür Dich. Wo ist denn Deme Frau?"
Otto zuckt zusammen.
Also doch! Also hat Helene ihn doch verrathen! Und Constanze weiß nun Alles — alles! Erschüttert schlägt er seine Hände vor das Gesicht und stöhnt aus tiefster Brust.
Mit ein Paar raschen Schritten ist Carl an seiner Seite. Otto sühlt zusammenschauernd, wie der Bruder ihm seinen Arm um die Schulter schlingt.
„Fasse Dich, Otto!" sagt Carl herzlich, voll Mitgefühl. Beruhige Dich! Constanze wird's überwinden, wird Dir verzeihen, sie ist ja doch Deine Frau und hat Dich lieb. Siehst Du, ich — na ja, ich hab's ja doch auch überwunden und wahrhaftig, Otto, Du kannst mir's glauben: ich habe keinen Groll mehr gegen Dich. Gestern, siehst Du, gestern ist auch der letzte Rest von Zorn gegen Dich aus meinem Herzen geschwunden. Mein Gott, man sieht Dir's ;a an: Du bist bestraft genug. Man müßte ja ein fuhlloser Stein sein . . . Helene thut's ja auch schon lexö und sie möchte es ja jetzt gern ungeschehen machen. Mein Gott, einmal muß ja doch Alles in der Welt ein Ende nehmen. Sollen wir denn immer unversöhnt miteinander bleiben?
! Begraben wir die alte Geschichte, denken wir nicht mehr ; daran! Komm', sein wir wieder die Alten!"
Ottos Gemüthsbewegung ist so ungestüm, daß er ein i lautes Aufschluchzen nicht unterdrücken kann. Carls Worte ■ tönen wie ein Friedensgesang, wie Engelsmusik in se>n Ohr. ■ Vergessen ist in diesem Augenblick Alles, was ihn bedroht,
die dunkle, beleidigende Anspielung, als ob gerade sie, Constanze, Helenes Mann eine besondere Rücksicht schuldig wäre.
„Ich muß Dich doch dahin ersuchen," sagt sie heftig zurechtweisend, „Dich zu mäßigen. Du solltest doch wahrhaftig nicht die Schande Deines Mannes bis zu den Dienstboten in die Küche hinausschreien."
Zornbebend springt Helene von ihrem Stuhl auf. Jede Mäßigung, jede Rücksicht ist in diesem Moment ver- geffen. Es ist ihr unmöglich, den neuen Schimpf ruhig hinzunehmen, der dem Manne, den sie liebt, und der schon so viel unschuldig gelitten, gerade von Ottos Frau zuge-
Plötzlich springt er in die Höhe und ein Hoffnungsschimmer leuchtet in ihm auf.
Wer sagt ihm denn, daß der Kammergerichtsrath thn zur Anzeige bringen wird? Muß er nicht schon in Rücksicht aui seine Tochter schweigen? Ja, hat er denn überhaupt Gewißheit, daß Helene ihn wirklich verrathen hat? Vielleicht handelt es sich nur um eine bloße Zänkerei zwischen den beiden Frauen und er quält sich nnnöthig nvt Befürchtungen, die gegenstandslos sind. ,
Er eilt in Constanzes Zimmer und durchsucht eifrig, in fieberhafter Spannung, ihren Schreibtisch und andere Möbel. Aber nichts, nichts, nicht eine Zeile von ihrer Hand. Die Hoffnung regt sich immer stärker in ihm. Gewiß, er ängstigt sich ohne ernsten Grund. Wäre sie int Ernst für immer von ihm gegangen, sie würde ihm sicherlich Nachricht zurückgelassen haben. Aber schon in der nächsten Minute fällt wieder der Zweifel in seine Seele. Hat ihm nicht das Mädchen gesagt, daß Constanze sehr erregt und sehr blaß gewesen sei, als sie kurz nach dem Besuch davongefahren ist? Und welch andere Bedeutung kann denn Helenens Erscheinen gehabt haben, als die von ihm ge- sürchtete? O, wenn er doch Gewißheit hätte! Er stöhnt und kämpft mit sich und ringt mit seinen folternden Zweifeln. Einmal ist er sogar schon an der Thür, im Begriff, zu dem Kammergerichtsrath zu eilen. Aber ihm sehlt der Muth und kraftlos sinkt er auf seinen Stuhl zurück, um seine Lage auf's Neue zu bedenken. Da treibt ihn Plötzlich das Geläut der Corridorglocke aus seinem verzweifelten Grübeln in die Höhe. Er springt auf. Mitten im Zimmer steht er, die Hand auf das ungestüm pochende Herz gepreßt. Ist es Constanze, die zurückkommt ? Ist es der Kammergerichtsrath?
Er hört, wie das Mädchen öffnen geht, wie sie mit einem Manne im Corridor ein paar Worte wechselt, und


