Ausgabe 
20.1.1898
 
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Ern elender Hungerleider wird er dann, der stolze Herr Referendar, weil sein Vater ein Rabenvater ist, der kein Herz hat für seinen Sohn."

Der alte Köster unterbricht seinen Gang und schüttelt die geballten Fäuste gegen den Geldverleiher.

Hinaus!" schreit er und macht eine drohende Bewegung gegen Herrn Vogel hin. Dieser ist im Nu an der Thür und legt seine Hand auf die Klinke. Aber ebenso rasch ist Frau Köster aufgesprungen. Alle Schwäche, alle Hinfälligkeit scheint überwunden. Mit einer wunderbaren Kraft, die ihr die Liebe zu ihrem Sohne, die Angst um sein Schicksal ver­leiht, drängt sie ihren Mann zurück.Laß doch!" ruft sie ihn zürnend an.Willst Du Deinen Sohn in's Unglück bringen?"

Der Lump, der Verschwender, der Schuldenmacher!" grollte der Alte, nicht im Stande, seine gerechte Entrüstuna zurückzuhalten.

Frau Köster aber hört nicht auf ihn. Sie ist zu dem Geldverlehrer hin und erfaßt ihn bittend, beschwörend am Arm.

Ich zahle," sagt sie fliegenden Athems.Alles werde ich Ihnen bezahlen. Sie sollen nichts verlieren, nicht einen Pfennig! Haben Sie nur 'n bischen Geduld, 'n bischen Nach­sicht, lieber Herr! Ich zahle Ihnen jeden Monat zwanzig, nein dreißig Mark. Tag und Nacht will ich arbeiten. Nur zeigen Sie meinen Sohn nicht an!"

Herr Vogel, der sich bei ihren ersten Worten mit hoffnungsseliger Miene zu der Sprechenden herumgedreht hat, schneidet ein Grimasse, als habe er etwas Saures verschluckt und schüttelte mit einer verächtlichen Gebärde Frau Kösters Hand von seinem Arm.

Gehen Sie mir doch mit so faulen Geschichten!" sagt er grob.Glauben Sie, ich habe ein Abzahlungsgeschäft? Könnte mir fehlen! Dreißig Mark 'n Monat. Wie viel Mal habe ich schon prolongirt. Und nun soll ich wieder warten, zehz Jahre warten? Vierundzwanzig Stunden warte ich noch, keine Minute länger. Hab' ich bis morgen Mittag um eins nicht mein Geld, dreitausend Mark, meld' ich mich zur Audienz bei dem Präsidenten." Er klingt auf. Schon auf der Schwelle, dreht er sich noch einmal um und ruft in voller Entrüstung zurück:Dreißig Mark 'n Monat! Machen Sie doch keine faule Witze!"

Herr Vogel ergreift die Flucht, denn auch Karl hat ein paar drohende Schritte auf ihn zu gemacht. Für einen Augenblick herrscht ein beklemmendes, dumpfes Schweigen im Zimmer. Helene Zimmermann kämpft einen secunden- langen heimlichen Kampf mit sich. Ohne es eigentlich zu wollen, ist sie Zeugin einer intimen Familienscene geworden, und sie möchte nun gern auf und davon, aber das Mitleid mit der armen, alten, schwächlichen Frau, die der stürmische Auftritt völlig erschöpft hat, hält sie zurück.

Frau Köster ist auf einen Stuhl gesunken, der nicht weit ab von der Thür steht, durch die der Geldverleiher verschwunden ist. Ihre verzehrende Angst macht sich in ernem heftigen Schluchzen Luft, das, allzulange zurückgehalten, nun in vollem Ungestüm hervorbricht und erschütternd durch das Zimmer dringt.

Der alte Köster fährt mit beiden Händen in sein Haar. Er hat seine Wanderung durch das Zimmer wieder ausge­nommen. Halblaute Verwünschungen spricht er vor sich hin, die sich theils auf den Geldverleiher, theils auf Otto beziehen. Solch ein Gauner, solch ein Halsabschneider! . . . O der Prasser, der Lüderjahn!"

Helene Zimmermann beugt sich zu Frau Köster hinab und schlingt ihren Arm um die unablässig Schluchzende. In dem heißen Drang zu trösten, flüstert sie ihr in Er­mangelung besserer Trostgründe allerlei triviales Zeug ins Ohr.Lassen Sie nur gut sein, Frau Köster, es wird ja nicht so schlimm werden.".

Carl steht dicht am Sophatisch und stemmt sich mit der einen Hand auf die Tischplatte, «r hat den Kopf auf

die Brust gesenkt, aber unter den halbgeschloffenen Augen- ltdern hervor schweift sein Blick zur Mutter hinüber. In seinen Mienen zuckt und arbeitet es, seine Brust hebt und senkt sich in kurzen Zwischenräumen unter lauten, stürmischen Athemzügen. Der stille Zorn, der ihn Anfangs ganz erfüllt hat gegen den leichtsinnigen, gewissenlosen Schuldenmacher, ist nun völlig erstickt worden von dem Mitgefühl mit "der Weinenden, deren Schluchzen ihm in die Seele schneidet. Unmöglich, die Qual des verzweifelnden Äutterherzens länger mitanzusehen,Mutter" - sagt er und eilt zu ver Tiefgebeugten hinweine nicht! Der Mann wird ja mit sich reden lassen. Mehr als die Hälfte hat er ja nicht gegeben, der Wucherer. Fünfzehnhundert Mark, damit wird er sich schon zufrieden geben. Höchstens zahl'» wir ihm noch fünf Procent Zinsen dazu. Weine doch nicht, Mutter! Wegen fünfhundert Thaler werden wir Otto doch nicht zu Grunde gehen lassen."

Er sieht mit einem bittenden, beschwörenden Blick zum Vater hinüber. Der aber wehrt mit einer ungestümen Be­wegung seines Armes ab und schüttelt heftig mit dem Kopf. Die Erbitterung des rechtschaffenen, gewissenhaften Mannes, der vor allen leichtsinnigen Geldmanipulationen einen tief eingewurzelten Abscheu hat, ist noch immer eine so starke, daß sie alle anderen Empfindungen verdrängt.

Nein, nein, nein!" schreit er.Ich lasse mich nicht wieder breit schlagen. Nicht einen Groschen gebe ich mehr für den Nichtsnutz. Mag er zu Grunde gehen. Seine Schuld ist's, seine allein. Hat er nöthig zu schlemmen und zu prassen und den Feinen zu spielen, wenn er's Geld nicht dazu hat? Was gehen mich seine sauberen Cumpane an? Soll ich meinen sauer ersparten Nothgroschen hergeben und soll im Alter Roth leiden, damit mein Herr Sohn es den noblen Herren gleichthun kann im Verthun und Verschwenden? Der Lump der! Bei seinen Eltern ist's ihm nicht mehr vor­nehm genug. Aber ich werde ihm die vornehmen Rücken schon austreiben, ich werde . . . ."

Der schrille Ton der Flurglocke unterbricht den Zürnenden. Alle fahren erschreckt zusammen. Nur Helene Zimmermann athmet wie' erlöst auf und eilt aus dem Zimmer. Frau Köster will ihr nach, aber die zitternden Kniee tragen sie nicht. Schwach sinkt sie auf ihren Stuhl zurück. Ein Gedanke blitzt in ihr auf, der ihr das Blut in den Adern gerinnen macht. Wenn es nur Otto nicht ist!

Und richtig, schlürfende Schritte, die sich langsam, wie zögernd der Thür nähern, lassen sich vernehmen. Aller Augen wenden sich in Spannung nach der Thür. Da steht er, im Rahmen der Thür, blaß, mit verstörten Mienen, zerknirscht, ein Schuldbewußter. Das böse Gewissen hat ihn hergetrieben. Die Thür hinter sich läßt er offen.

Helene Zimmermann bringt es nicht über sich, wieder einzutreten. Aber sie wagt es auch nicht, nach Hause zu gehen. Die Empfindung, daß ihre Gegenwart noch nöthig sein könnte, bannt sie und so bleibt sie draußen auf dem Flur, hinter der halb offenen Thür stehen. Jedes Wort, das im Zimmer gesprochen wird, dringt zu ihr hinaus.

Taugenichts! Lump!" brüllt der Alte und will sich mit geballten Fäusten auf den Eindringling stürzen. Aber wie ein Blitz fährt die alte Frau in die Höhe. Wieder besiegt das Muttergefühl, der zähe Wille die Schwäche ihres Körpers. Mit beiden Händen klammert sie sich an den Zornigen und drängt ihn mit der Gewalt ihres Körpers zurück. Er stemmt sich dagegen und schiebt sie mit sich vorwärts. Doch mit eisernen Griffen umklammert sie seine Handgelenke und der große, starke Mann ist wehrlos, er müßte denn die arme schwache Frau mit roher Gewalt von sich stoßen.

Zu gleicher Zeit springt Carl auf seinen Bruder zu, der bleich, mit schlotternden Gliedern dasteht und den der Schrecken und die Angst gelähmt zu haben scheint.

Fort doch, fort!" raunt er ihm zu und drängt ihn über die Schwelle. Otto gehorcht instinctiv, eilt an Helene