Mit einem schwachen Seufzer, unfähig, sich länger aufrecht zu halten, sinkt sie wieder wie ohnmächtig zurück.
„Mutter!" ruft Carl entschlossen. „Gräme Dich nicht, Mutter! Ich bezahl es, noch heute bezahl ich es. Ich gehe auf die Sparkasse und hebe mein Geld ab. Hier meine Hand darauf!" Er erfaßt ihre Hand und drückt sie. Der alte Köster aber fährt zornig auf. „Bist Du verrückt," schreit er, „Dein ganzes bischen Geld, das Du mühsam all die Jahre hindurch zurückgelegt hast? Du hast doch Deine Stelle gekündigt und willst Dich etabliren. Mit leeren Händen kannst Du doch nichts anfangen!"
„Dann werde ich noch 'ne Weile warten und werde mich um eine andere Stelle umthnn," ruft Carl zurück und sieht seinem Vater energisch, mit unverhülltem Unwillen ins Gesicht. „Soll ich zusehen, wie Mutter sich abhärmt und hinsiecht? Und soll ich meinen Bruder im Stich lassen, weil er mal n bischen leichtsinnig gewesen ist? Herrgott, er allein ist doch mcht schuld daran. Hast Du ihn nicht selber verhätschelt und verzogen und ihm nachgegeben? Und nun er mal über die Stränge schlägt, nun willst Du ihn gleich hilflos zu Grunde gehen lassen. Was soll denn aus ihm werden? Hat er nicht fleißig gelernt und studirt und manche Nacht aufgesessen ber seinen Büchern? Und das soll nun Alles vergebens gewesen sein, weil Du Dein Geld lieber hast als Dein
Er wendet sich nach dem Nagel, wo sein Hut hängt. Er reißt ihn herab und will zur Thür. Helene Zimmermanns Augen folgen ihm mit dem Ausdruck herzlicher Bewunderung.
Da, stampft der Alte plötzlich heftig mit dem Fuße auf.
„Bleib! ruft er dem Sohne nach. „Ich werd's be-
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zahlen . . . zum Teufel denn! Aber das sag' ich Euch, das letzte Mal ist's gewesen. Und das mach' ich mir aus: Das Zimmer in der Stadt giebt er auf. Unter meinen Augen will ich den leichtsinnigen MoSjeh haben und auf die Finger will ich ihm sehen."
Carl hängt seinen Hut wieder an die Wand und wechselt mit Helene Zimmermann einen freudigen Blick. Frau Köster bricht in hysterisches Weinen aus. Sie kann nicht anders. Die Aufregung und Angst war zu groß, sie muß sich duft machen, soll sie nicht ersticken.
(Fortsetzung folgt.)
Wiener Ballmoden.
Von Hermine Hahn.
Januar 1898.
KO. Die großen Ballsäle haben ihre Pforten eröffnet, denn der tolle Bursche, der Fasching ist wiedergekehrt, und die tanzfrohe Jugend läßt sich ihr angestammtes Recht, denselben zu durchjubeln, nicht rauben, trotz Nationalitätenhader und künstlich gesätem Rassenhaß. Und wenn man auch im Auslande die Köpfe schüttelt, und die vielen Colportage- romane, in welchen die geringfügigsten Einzelheiten zur Senfatron aufgebauscht werden, — das schöne Wien als den unangenehmsten Wohnort stempeln, — der echte Wiener hängt mehr denn je an seiner Vaterstadt, und das Walzerlied:
„Mein Liebchen wohnt am Donaustrand, Dort zieht's mich mächtig hin. Mein Liebchen ist mein Vaterland — Mein Liebchen ist mein Wien!"
paßt nach wie vor auf die verrufene Schöne. — Der Tropfen Leichtsinn, der den Wienern im Blut steckt, läßt sich die Lebensfreude nicht unterdrücken, sie macht sich Platz um jeden Preis- aber trotz aller Gutmüthigkeit wird sich der Wiener seine Feinde mit ein paar kräftigen Fauststößen vom Halse zu schaffen wissen- da aber politische Erörterungen einer Plauderei über Ballmoden eigentlich nicht entsprechen, so verlassen wir dies heikle Thema, und erwähnen nur noch, daß man, um das Elend zu lindern, und der Armuth zu helfen, Nachtaus, Nachtein, bei zahllosen Bällen, Kränzchen und Akademieen,- zu Gunsten der Armen tanzt. Und diese wohlthätigen Bestrebungen zu unterstützen, ist die Pflicht des Familienoberhauptes, das sich derselben zwar nicht immer mit Grazie, aber doch nolens volens unterzieht. Denn wenn die philantropischen Gründe ihm nicht immer zwingend genug sind, um mit einer größeren Staatsnote sich so indtrect, wie es doch ein Ballabend eigentlich ist, an demselben zu betheiligen, wird ihm dennoch der Rückzug abgeschnitten, wenn die fühlende Gattin und Mutter kategorisch erklärt, daß „Aennchen unfehlbar sitzen bleiben würde", wenn man sie nicht endlich „einfühct". Dieser schrecklichen Perspective vis ä vis gestellt, senkt der Hausherr die Fahne und ergibt sich — zwar etwas brummig — in sein Schicksal. Drin im Wohnzimmer aber versammeln sich Tanten, Cousinen und Freundinnen, und jede beeilt sich eine andere Farbe, Fayon und Stoffart als unwiderstehlich anzurathen, und die Erwartung, welche die ganze Familie vor dem bedeutungsvollen Abend erregt, concentrirt sich schließlich in hochgradigem Ballfieber derZjungen Debütantin. Als Wiener Specialität sind hauptsächlichst die „Kränzchen" hervorzuheben, dessen Publikum sich aus der guten bürgerlichen Gesellschaft recrutirt und welche eine weniger anspruchsvolle Toilette von ihren Besucherinnen erfordern, als die großartigen „Elitefeste", oder die prätentiösen „Hausbälle." Wir wollen der Reihe nach die Toiletten skizziren, welche Heuer zu den verschiedenen Ballabenden getragen werden. Schon die Toilette der Gardedame stellt sich für ein „Kränzchen" weit anspruchsloser. Ein schwarzes Duchesfekleid mit kurzer Schleppe, Fatzon Louis XV. mit einer Weste von weißem, mit Blümchen brochirtem Atlas, dazu ein Jobot aus echten
Zimmermann vorüber und stürzt in rasender Eile die Treppe hinab.
Mit Frau Kösters Kraft ist's vorbei. Ihre Hände lösen sich, sie sinkt erbleichend zurück und sie würde zu Boden fallen, wenn sie nicht Carl in seine Arme auffinge und zum Sopha träge. Sie liegt bewußtlos auf dem Polster, mit marmorblassem Antlitz, mit geschlossenen Augen.
„Mutter!" schreit Carl erschreckend. „Mutter! Was ist Dir? Mein Gott, Mutter, so hör doch!"
Auch Köster beugt sich erschüttert über die Ohnmächtige.
„Wasser!" schreit er, sich zur Thür wendend. 9
Helene Zimmermann eilt in die Küche und bringt schnell das Verlangte, Carl und der Vater richten die noch immer Bewußtlose mit Kopf und Rücken ein wenig in die Höhe und versuchen, ihr Wasser einzuflößen und sprengen ihr em paar Tropfen ins Gesicht. Endlich sind die Augen auf. Wirr, fragend blickt die Erwachende um sich.
„Wa ... was ist denn?" haucht sie schwach.
Carl und der Vater schlagen unwillkürlich die Augen nieder und nun kommt ihr die Erinnerung und mit einem leisen Klageruf sinkt sie auf das Kopfpolster zurück. Die Thränen rollen ihr über die Wangen und in ihren zuckenden Mienen Prägt sich ein so schneidendes Weh aus, daß dem weichherzigen Carl die Augen feucht werden.
„Vater!" sagt Carl bittend, vorwurfsvoll. „Vater!" j Un& auch Helene Zimmermann sieht ihn mit flehenden Blicken an.
Die Mutter richtet sich mühsam wieder in die Höhe und tastet nach ihres Mannes Hand und drückt sie wieder und zwingt die zitternden Worte über die bleichen Lippen: „Nur das eine Mal noch, Vater, nur das eine Mal noch'"
Der alte Mann steht im stillen Seelenkampf- das finster gerunzelte Gesicht kehrt er zu Boden.
„Ich ... ich kann doch nicht mein ganzes Geld für den Taugenichts opfern!" stößt er immer noch widerstrebend hervor. „Soll'n wir Beide betteln gehen, wenn wir alt find ?" I Ein wehmüthiges, trauriges Lächeln spielt um die Lippen der Erschöpften.
„Ich werde Dir nicht mehr lange zur Last fallen, Vater!" ' I


