Ausgabe 
19.7.1898
 
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Ler Tiger unter de» Jnseeten.

Von Dr. William Fricke.

------- (Nachdruck verboten.)

Der prachtvolle Goldkäfer wird die Hyäne, der Hirsch­käfer der Elefant unter den Jnsecten genannt, die Hornisse aber ist der Tiger unter ihnen. Glücklicher Weise hat ihr die Natur nicht dieselbe Stärks und Größe verliehen, denn ihre Waffen sind im Vergleich zu jenen des Tigers noch ver­derbenbringender. Ihr Leib ist mit einem Küraß umgeben, und ihr Element ebensowohl die Erde wie die Luft. In Brasilien soll sie sogar Kolibris angreisen und überwältigen. Und dies ist wohl glaubhaft- wird sie doch auch den Menschen und größeren Thieren gefährlich. Ist es doch schon vorge­kommen, daß bei Kindern ein einziger Stich tödtlich gewesen ist, und Pferde wie Rinder müssen in den meisten Fällen dem Angriffe von sechs bis sieben solcher Bestien unterliegen. Wehe dem unvorsichtigen Holzhauer, welcher mit der Axt an einen Baumstamm klopft, der von diesen Räubern bewohnt ist- die schnellste Flucht vermag ihn kaum vor diesen Feinden zu retten. Trotzdem ist der Character der Hornissen dem Menschen gegenüber im Großen und Ganzen ein friedfertiger, sodaß sie ihn nur gereizt anfallen.

Das Nest der Hornisse, dessen Durchschnittsbevölkerung sich im Sommer auf etwa fünfhundert beziffert, befindet sich gewöhnlich in der Höhlung alter rme. Wir wollen uns eine solche Raubburg mir ihrer Besatzung einmal etwas näher besehen, und laden den Leser ein, uns zu begleiten. An dem Eingänge, aus dem ein gewaltiges Brummen dringt, sind mehrere große Hornissen als Schildwachen anfgestellt, bereit, sich bei der ersten feindseligen Herausforderung auf den An­greifer zu stürzen. Schwerfällig fliegt eine Hornisse daher, einen runden grauen Klumpen tragend. Ihr folgen noch andere, die ebenso beladen sind, alle aus derselben Richtung. Sie kommen aus einer alten Holzwand, wo sie mit ihren starken Kiefern Faser um Faser des altersgrauen morschen Holzes losreißen, das sie dann zu einer Kugel zusammen­rollen und durchfeuchten. Ist die Kugel groß und fest genug, so wird sie nach dem Neste getragen. Hier wird sie der Trägerin von einer anderen Hornisse abgenommen, aus­einandergerollt und verarbeitet. Dieses Material liefert den Stoff zur Herstellung der Wabenkuchen und der schützenden Hüllen, welche das Nest umgeben. Die Zuträgerin selbst eilt ofort wieder davon, um eine ähnliche zweite Bürde zu holen. Da eine große Anzahl mit dem Zutragen dieser Holzballen beschäftigt ist, erlangt das Nest bald ganz ansehnliche Dimen­sionen. Aber es kommen noch andere dem Neste zugeflogen, die nicht Holzballen, sondern zappelnde Jnseeten tragen. Die eine bringt eine Biene, die andere ein Würmchen, eine dritte eine Fliege. Das sind die Räuber, die entweder in ihrem eigenen Interesse oder um das Futter für die Jungen zu holen, auf die Jagd ziehen, während die anderen mit dem Ausbau und der Vergrößerung des Nestes beschäftigt sind und hierbei eine außerordentliche Kunstfertigkeit an den Tag legen.

Auch das Familienleben dieser Räuberbanden ist in hohem Grade interessant, sodaß ein Blick in dasselbe sich wohl verlohnt. Die Larven der Hornissen sind den Bienen­larven sehr ähnlich. Gleich diesen haben sie einen wurm­förmigen Körper, ohne Füße, mit einem Kopf, der einen auffa'tend stärken Kiefer trägt. Sie füllen den Raum der unregelmäßigen Wabe, in welcher sie erzogen wurden, ganz aus. Es bedarf sicherlich einer großen Menge unglücklicher Bienen, um die Larven zu ernähren und die Erziehung dieses häßlichen Wurmes zu vollenden. Endlich kommt der Tag, an dem sich die gefräßige und äußerst fette Larve in die Nymphe verwandeln soll. Sie spinnt sich selbst einen ihr Gehäuse hermetisch abschließenden Deckel, was wir in den ersten Stunden sehr gut zu beobachten vermögen. Bereits nach wenigen Tagen ist mit dem wehrlosen Wurm eine voll­ständige Verwandlung vor sich gegangen. Die Zelle öffnet

sich, und es entschlüpft derselben eine ausgebildete Hornisse. Sie ist anfangs zwar noch sehr schwach, ihr Körper weich und ihre Flügel sind naß und zerknittert, doch bald hat der milde Sonnenschein stärkend gewirkt, ihre Körpertheile sind fest geworden und b;e Flügel haben sich geglättet, sie ist im Stande, ibr ungebundenes Räuberleben zu beginnen. Bald unterstützt sie auch ihre Mutter beim Nestbau oder hilft ihr in der Erziehung ihrer noch unmündigen Brüder, und das ist wieder ein schöner Zug aus dem Leben dieser Räuber.

Ist das Weiter warm und günstig, so erreicht das Nest in kurzer Z-it einen großen Umfang. Ist das Frühjahr aber kalt und feucht oder beginnt der Spätherbst mit seinen kalten Nächten und eisigen Frösten schon sehr früh, so er­reicht die Bevölkerung nur eine geringe Zahl. Gegen Ende des Sommers sind auch unbewehrte Männchen, die, wie die Drohnen bei den Bienen, zu jeder Arbeit unfähig sind, und fruchtbare Weibchen geboren worden. Unter den soeben er­wähnten ungünstigen Umständen schwinden die Kräfte der Bevölkerung, wilde Verzweiflung bemächtigt sich ihrer, und vom Hunger getrieben machen sie sich auf zu einer letzten Jagd auf die über die übriggebliebenen Blüthen vor Kälte erstarrt hintaumelnden Bienen und Fliegen und schreiten schließlich zu einer grauenvollen That. Sie reißen die Larven, welche bis jetzt der Gegenstand ihrer schwesterlichen Liebe und Sorgfalt gewesen sind, unbarmherzig ans den Zellen heraus und verzehen sie. Die männlichen Mitglieder der Familie, für die nicht mehr gesorgt wird, gehen zuerst zu Grunde, ihnen folgen die andern- nur einige Wachen überstehen die grimmigen Fröste, um im nächsten Frühjahr neue Colonien zn gründen. In sicheren Verstecken, die sie sich wahrscheinlich im voraus wählen, bringen die Hornissen den Winter in lethargischem Schlafe zu - kaum läßt aber der erste Lenzhauch die Erde, so erwachen sie und erfüütn sofort ihre Lebensaufgabe. Glücklicherweise kommen Viele in den im Frühjahr noch herrschenden kalten Nächten um, ehe sie dieselbe erfüllt haben, oder verlieren in den wilden Kämpfen, welche sie den ihnen begegnenden Nebenbuhlerinnen liefern, ihr Leben.

Verweilen wir nun noch einige Augenblicke bei ihrer Nahrungsweife. Die Hornisse nährt sich von Jnseeten, womit auch die Jungen gefüttert werden, ihr Leibgericht aber sind, wie wir schon oben gesehen habedie Bienen. Die Art und Weise, wie sie sich dieselben verschafft, . ist ebenso inte­ressant, wie der Schaden groß ist, den sie dadurch anrichtet. Ein eifriger Bienenzüchter und sinniger Beobachter der Natur erzählt uns darüber Folgendes:An einem schönen Julitage beobachtete ich vor meinen Bienenstöcken die zahlreichen von der Sommerhitze aus ihren Wohnungen getriebenen Bienen, als mit dem bekannten schwerfälligen Fluge, an dem man schon von weitem die Hornisse erkennt, einer dieser Räuber herbeiflog, sich in das fröhliche Gewimmel stürzte und mit einer Biene davonfliegen wollte. Sofort entstand unter den wachsamen Thieren ein gewaltiger Tumult, und ich beeilte mich, zu Gunsten meiner Lieblinge zu intcrtieniren und den frechen Räuber zu vernichten. Dieser aber mochte uner­warteten Widerstand gefunden haben und entzog sich einer unliebsamen Bekanntschaft mit meiner Hand durch die Flucht. In demselben Jahre war das Obst vortrefflich geraden, und fast vor jedem Bauernhause sah man eine ober mehrere lange Hürden mit zum Trocknen bestimmten Früchten der Sonne ausge etzt. Der ihnen entströmende herrliche Duft hatte eine nnzähliche Menge Jnseeten angelockt, vor Allem natürlich das lästige Volk der Wespen die Erfinderinnen des Holzpapiers, dann zahlreiche goldgrün glänzende und haarig schwarze Fliegen, die mit lautem Gesumm um die Hürden herum­flogen. Der Bienenbesuch war so stark, daß von den zahl­reichen Früchten kaum mehr übrig blieb als leere Hülsen. Neben einer Anzahl von schöngefärbren Schmetterlingen hatten sich auch die Hornissen, angelockt durch ihr Lieblingswildpret, das sie sich hier ohne viel Mühe erjagen konnten, einge­funden, setzten sich geraden Weges auf die Hürden, liefen