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und
ein
Gespräch ab.
(Fortsetzung folgt.)
Sie und
gut des
elegante Frau über
Papa! Guten Tag,
und erreichten einen großen Platz, den schmückte."
In diesem Augenblick eilte eine die Straße her auf sie zu.
„Wie nett, daß ich Dich treffe,
ersten Eindrucks.
Hilde erwähnte, daß Irmgard hier gewesen.
„Was wollte sie?" fragte Tauchlitz.
„Nach dem Rechten sehen."
„Und?"
„Sie fand es wohl nicht, deshalb ging sie bald '
„Wir trafen Ihre Frau Schwester, verplauderten auch Stündchen zusammen- wo war es doch gleich, Onkel? Tauchlitz nannte die Wirthschaft und lenkte damit da
bekritteln."
„Bekritteln? Ich sehe und höre nur Eindrucksvolles. „Ach, gehen Sie, in Ihren Augen liest man es anders" — sie sah ihn forschend an.
Tauchlitz lachte.
„Jrmchcn, mußte Du denn stets gleich Herz und Nieren
Herr Wulffen!"
„Irmgard, wo kommst Du her?" rief Tauchlitz.
„Von Euch," sagte sie neben dem Vater gehend.
„Ich wollte Hilde helfen, weil sie leicht und ungeschickt ist bei größeren Vorbereitungen. Doch was sehe ich ? Der Haushalt wie immer, sie wie alle Tage, die Küche im alten Geleise. Ich war empört. Das ist Deine Gastsreundschaft? Ja, sagt sie, und die beste, die ich zu bieten habe. Mindestens die bequemste, sagte ich, freilich etwas scharf, zu Allem taugst Du, nur nicht zur Hausfrau. — Was daraus 'mal werden soll, begreife ich nicht, Papa."
Sie sprach von ihrer moralischen Höhe herunter mit der kühlen Hoffnungslosigkeit sittlich hochstehender Leute- Tauchlitz schien betroffen und mißgestimmt davon- er antwortete nur zögernd: „Du stellst sie als nachlässig hin, wo sicher nur eine ihrer absonderlichen Ideen leitend war."
„Gehören die an Deinen Tisch, wenn es gilt, für Deine Familie zu repräsentiren?" fragte Irmgard, worauf sie unter einnehmender Besorgtheit zu Wulffen sprach- „Für heute müssen Sie nun schon vorlieb nehmen, morgen bitte ich Sie mit dem Papa zu mir, ja?"
Um nichts in der Welt hätte der Angeredete jetzt Hilde in Schutz genommen. Schutz? Den brauchte sie überhaupt nicht, wie sie war, gehörte sie auf den Thron, mochten die Anderen sich die Zungen müde scandaliren, vor allen Dingen diese hier, die ihm mit ihrer Würde koketter schien, als Frauen, die bloß ihre Schönheit ins schmeichelnde Licht setzen wollen.
„Sie sind zu liebenswürdig, Frau Irmgard. Ich bin
wohl wie noch nie."
„Dennoch werden Sie morgen kommen?" drängte sie.
„Es wird mir eine Ehre sein."
Irmgard begnügte sich hiermit, ihre Unternehmungslust fand bereits einen neuen Ausweg, die Schatten in Tauchlitz
damit sie ruhen könne.
Als Tauchlitz und Wulffen zu Hause anlangteu, sanden sie gegen den Tumult da draußen eine wohlthuende Stille. Im Eßzimmer war gedeckt wie gestern, Hilde grüßte unbefangen, man aß die paar Gerichte wie gestern, sie waren und appetitlich zubereitet, nichts fehlte an dem Behagen
Gesicht mußten herhalten.
„Du siehst angegriffen aus, Papa. War Dein Frühstück nicht genügend? Komm, trinke schnell eine Tasse Brühe mit Ei, Du mußt etwas für Dich thuu. Nicht wahr, Heine, opfern sich- morgen können Sie G. weiter bewundern
prüfen?"
„Aber, Papa!" entgegnete sie, die Augen niederschlagend.
Jedenfalls sind ihr die Nieren nicht ästhetisch genug, dachte Wulffen, während sie ein elegantes Restaurant betraten und durch die Reihen schritten, bis Irmgard den Tisch gefunden hatte, der ohne Zugluft und demnach für Papa am passendsten schien. Der Kellner setzte die bestellte Tassen Brühe wie das echte Bier ab, sür Irmgard in einem zierlichen Pokal, den sie ebenso zierlich zum Munde führte.
„Ich muß etwas genießen, ich fühle mich noch ganz abgejagt," seufzte sie.
Eben erhob Tauchlitz sich, um einen Bekannten am Nebentisch zu begrüßen, deshalb fuhr die junge Frau leiser fort: „Mit meiner Schwester ist das kaum zum Aushalten, glauben Sie mir. Ich bewundere Papas Geduld — Niemand fühlt sich in ihrer Nähe wohl, weil sie stets über ihren Kreis hinaus denkt, die Wirthschaft geht drunter und drüber."
„Das ist mir nicht neu. Ihr Fräulein Schwester erzählte mir selbst, Sie wären des Onkels rechte Hand gewesen, Frau Irmgard."
„Oh, man thut ja gern, was man kann."
Dem folgte eine Aufzählung aller Haushaltslasten, daß Wulffen sich vor innerlicher Langweile verwünschte.
Endlich ging man, und endlich war Frau Irmgard vor ihrer Wohnung abgesetzt, wobei Wulffen die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, wie sehr der Haushalt seine führende Herrin während der arbeitsreichsten Stunden am Tage entbehrt haben mochte.
Irmgard lächelte liebreizend und erstieg nach einem verbindlichen „Auf Wiedersehen" ihre Treppen, höchst zufrieden, daß es noch Männer gebe, die weniger der verfänglichen Schönheit, vielmehr der Reinheit und Opserfähigkeit echt weiblichen Sinns nachgehen. Ihr nster Gang galt dem Spiegel — ob man wohl erträglich ausgesihen habe — ihr zweiter der Küche. Während der Mahlzeit fühlte sie sich mitgenommen- weshalb die Kinder nachher zum Mädchen verbannt wurden, indeß Hollmann sein liebes Clarierspiel aufgab,
die Gärten nachher anzuschen.
„Die Leute trifft solches Ereigniß meist unvorbereltet- wie viel Hab und Gut, Leben und Besonnenheit dabei zn Grunde gehen, ist nie zu berechnen. Ich selbst sah die Flüchtigen eines tief gelegenen Dorfes mit Bündeln und Kindern eine morsche Brücke passiren, bis Sachkenner unter lautemHalloh vorsprangen und vor ihrem Betreten warnten. Ein Landmann, wie die Leute sagten, ein geistiger Filz, hörte nicht darauf. Er trieb sein Pferd an, um einige Säcke Besitz hinüber zu retten. Mir wurde schwarz vor den Augen. Unten das kreiselnde, rauschende, tollbrausende Wasser, eigentlich mehr weißer Gischt im dunklen Strudel, und oben die zeternden, abgehasteten Menschen. Den Mann focht es nicht an. Unentwegt befuhr er die Brücke — noch nicht die Mitte hatte er erreicht, als Bretter, Balken und Gefährt und Mensch in einem wirren Gemengsel in die Tiefe schossen."
„Aber die Behörden, Onkel. Können sie nicht wenigstns für Dämme, Brücken und bessere Rettung sorgen?"
„Zu viel grüner Tisch und Rechenexempel," antwortete Tauchlitz, „im Volke dagegen zu viel Verlaß auf eigene Kraft, deshalb wird es schwer, das Nichtige zu treffen."
Sie wandten sich zum Gehen, die Landschaft hatte für
Beide einen Schleier bekommen.
Vom Bahnhof aus bogen sie in breite Straßen hinein ein marmornes Bassin
Tauchlitz erörterte sür den Landwirth noch besonders t gar nicht verwöhnt Und fühle mich bei Onkel Tauchlitz so die Ertragfähigkeit der Felder, denen allerdings die Hoch- "
fluth, sobald das schmelzende Gebtrgseis den kleinen, trägen Fluß zu einem Strom voller Schrecken verändere, gefährlich sei.
„Und nicht bloß den Feldern, viel mehr noch den Menschen. Wärst Du wenige Stationen weiter gereist, hättest Du die frischen Schäden überall merken können, da das zeitig warme Frühjahr auch die Katastrophe verfrühte.
In L. lagen die Bahngeleise sammt ihren Bohlen aus dem Erdreich gewaschen wie Gerippe, ganze Straßen wurden von den nachgerutschten Dämmen, sörmlich verwischt, bei H. standen die Häuser bis zum ersten, wenngleich niedrigen Stockwerk, in den trüben Fluthen, daß es ein Jammer war,


