Ausgabe 
19.7.1898
 
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Felsgarten.

Roman von Clara Bücker.

(Fortsetzung.)

Elenderes Zeug hätte er nicht reden können, wie er meinte, wobei ihm indeß außer Acht blieb, daß die tiefe, ehrfürchtige Bewegung seines Innern ihm die Stimme mit edlem Klang, die Augen mit Sehnsucht füllte, weshalb nicht die Verstellung, sondern die durchleuchtende, wahre Empfindung seine Hörer traf.

Lockt es Dich so? Dann schlage ich vor, wir gehen jetzt Beide um und durch die Stadt, über einige Sehens­würdigkeiten verfügt sie denn doch- am Nachmittag unter­nehmen wir eine Partie nach der Landeskrone. Was meinst Du, Hilde?"

Gewiß, Papa!" rief sie lebhaft.Vielleicht bleiben wir"

zum Abendessen oben?" unterbrach Tauchlitz sie lachend.Selbstverständlich, Du sollst Deinen Willen wieder einmal haben. Sie ist der richtige Zigeuner und nur froh, wenn sie unter freiem Himmel direct aus der Hand eine Mahlzeit halten kann. Frische Luft und Alleinsein sind ihre Lebensbedürfnisse, ich wette, sie lief heute Morgen schon wieder zwei Stunden in der Welt herum."

Bloß im Garten, Papa. Noch nehme ich Rücksicht auf Deinen Gast."

So enthaltsam warst Du? Auf so viel Bedachtsamkeit um die häusliche Ordnung kannst Du Dir etwas einbilden, Heine."

Der sah sie an.

Zumal ich mir auf die eigene Entsagung Einiges zu gute halte, denn die nahen Felder wie der Wald lockten vom Fenster ungemein."

Ijon

fs gäb' noch mehr der Zähren In dieser trüben Welt, Wenn nicht die Sterne wären Dort an dem Himmelszelt.

Wenn sie nicht niederschauten In jeder klaren Nacht Und uns dabei vertrauten, Daß Einer droben wacht.

Martin Greif.

So erlebe ich es noch, daß Ihr während der Morgen­stunden gemeinsam durchbrennt," fuhr Tauchlitz fort.

Kaum, Onkel. Alleinsein nanntest Du Fräulein Hildes Lebensbedürfniß das werde ich wohl zu achten wissen."

Ein zutrauliches, unbekümmertes Lächeln war Hildes Antwort.

Ach, Du denkst wohl, sie weiß sich ihr Alleinsein nicht selbst zu verschaffen?" meinte ihr Vater.Wenn es auch aussieht, als leite sie das Hauswesen, ihre dienstbaren Geister weiß sie derart zu drillen, daß Alles am Schnürchen und lautlos genug geht, um bloß hin und wieder mit dem Stift oder dem Pinsel in der Hand aus dem eigenen ge­heiligten Bannkreis zu laufen und nachzusehen, ob die Welt, der Kochherd und die Anna dabet noch stehen."

Sie malen?" fragte Wulffen.

Ja, jetzt steht sie im Zeichen der Palette. Vor einigen Jahren dachte sie mit der Feder nachdem der Ausgangs­punkt ihrer Künste, Frau Musika, aus dem Hause compli- mentirt worden war."

Einen unbeschreiblichen Blick voll innerer, niedergehaltener Erregung richtete Wulffen auf sie, die glühroth zur Thür eilte.

Lebt wohl! Biel Vergnügen den Herren!"

Fort war sie.

Du hast Deine Tochter gründlich verscheucht," sagte Wulffen beherrscht.

O, zur Mittagszeit kommt sie schon wieder, Pflicht­gefühl hat sie genau so viel, wie sie verschwiegen über sich selber ist. Darin ist Irmgard ganz, ganz anders."

Offenherziger?" fragte Heinrich.

Sie hat mehr Familiensinn," antwortete der Onkel. Hilde dagegen bleibt ein Wesen für sich, ein Räthsel oft, das nur immer aus Einsicht oder Herablassung in meine Welt steigt, innerlich lebt sie ihr eigenes Leben, obwohl sie gütig auf das Anderer sieht."

Die kühle Promenade mit ihrem grotesken Abhang kannte Wulffen nun schon. Der Landrath bog heute nicht von ihr zur Stadt ab, sondern ging mit ihm geradeaus nach dem Blockhaus, einer von der besseren Gesellschaft be­suchten Wirthschaft, deren Getränke nach süddeutscher Manier Kellnerinnen austrugen. Die Aussicht vom gut gehaltenen, großen Garten über die grünen, gelben oder frisch gepflügten Felder nach den fernen Höhen des Gebirges war reizvoll, besonders für träumerische Gemüther. Rechts erhob sich die nahe Landeskrone, die breit in die flache Landschaft ge­lagert, ihr einen entschiedenen Character gab.