Ausgabe 
19.5.1898
 
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Haaren, nur Perlen um den schlanken Hals und nun trafen sich ihre Blicke, verneigte er sich vor ihr.

Wir sind sehr erfreut," sagte sie lauter, als sie bisher gesprochen,ich weiß, wie sehr Sie Ihr Beruf in Anspruch nimmt wie dankbar müssen wir fein, daß Sie kamen."

Er lächelte. Sie war doch eine gute, kleine Frau, sie bemühte sich, ihn in diesem Kreise als den gesuchtesten Arzt etnzuführen und er durfte nicht eine leise Abwehr wagen. Zurücktretend, an einen Thürpfosten gelehnt, beob­achtete er sie, wie sie sich graziös ihrer Pflichten entledigte.

Nach einem Weilchen trat Peter Meyerltng auf ihn zu und begrüßte ihn.

Wissen Sie, junger Herr, daß ich ein ganz besonderes Amt von meiner Tochter erhalten habe: Sie überall vorzu­stellen. Ein Arzt, behauptet sie, kann nicht bekannt genug sein. Bitte, liefern Sie sich mir aus."

Auf Gnade und Ungnade aber, machen Sie's gnädig mit sich selber!" sagte Bruno.

Und noch einen Rath! Halten Sie hier nur gleich Umschau unter den Töchtern des Landes, hübsche, kluge, reiche Mädchen die Fülle- von dem einen oder anderen Attribut muß man freilich absehen, denn Alles zusammen verlangen, hieße ein wenig unbescheiden, was?"

Sobald er konnte, entschlüpfte er aber auch diesem liebenswürdigen Führer unv begab sich wieder auf seinen Beobachtungsposten. Für ihn existirte nur Eine, die seine Augen und seine Gedanken beschäftigte und von der er sich mit einer vollberechtigten Eitelkeitsregung sagte, daß die gefeierte Frau sich mit der Demuth eines Kindes vor ihm gebeugt habe.

Herr von Wiesenau fand sich zufällig neben ihm ein.

Nun, auch so ein wenig von hoher Warte herabgucken, wie Herr Doctor? Wen sieht man denn hier? Ah, die kleine Sanden, schwarze Augen und Haare, ein Sprühteufel, hat schon viel Unheil angerichtet. Sie kennen doch die famofe Geschichte von ihrem ersten Mann? Nicht?" Er zog vor, sie im Flüstertöne zu erzählen, zwang seinem Zu­hörer ein Lächeln ab und rückte seinen Kneifer zurecht. Na, und das Fräulein von Deck- mager, arm an Glücks­gütern, reich an Ahnen! Die Brünette? Für einen Arzt eine practische Parthie- Schwiegervaters Praxis und die aufgehäusten Honorare ja, wohin schweifen denn Ihre Blicke? Ah, Frau Ebba ist doch die Aparteste von Allen," und ein Seufzen kam unter dem malträtirten Schnurrbart hervor.Ein Bild ohne Gnade so eisig, daß der Hauch schon tödtet. Aber trauen Sie einer Frau? Ich nicht. Ihr Siegfried wird wohl schon irgendwo den Kahn abge­stoßen haben, um nächstens zu landen."

Gegen alle Welt kalt ihm gegenüber weich und weiblich! Wars eine Grille, ein kokettes Spiel? Wars mehr? Eine seltsame Unruhe kam über Bruno.

Ebba gefiel sich in der Rolle des heutigen Abends, sie war auf einer Bühne, das Publikum vor ihr und unter demselben der Eine, für den sie agitirt, dem sie gefallen wollte und der es nicht einmal wußte. Wie dumm und plump waren alle jene Frauen, die sich offen den Hof machen ließen, glänzenden Auges um sich schauend: Seht Ihrs auch, ich gefalle Sie konnten keine Ahnung haben von dem Ge­fühl, das sie so übermüthig, glückstrahlend und so unnahbar heute machte.

Schöne Cousine," sagte Herr von Monken,Sie sind gar zu unbarmherzig mit mir umgegangen! Fräulein von Deck als Tischdame das ist eine Härte."

Wenden Sie sich mit diesem Vorwurf an die Adresse des Hausherrn übrigens: sehr alte Familie," sagte sie ernsthaft.So alt daß Jugendfrische in ihr nur noch eine fromme Sage ist."

Er seufzte.Das jüngste, unbeholfenste Backfischchen wäre ja hier ein Vorzug gewesen."

Ah" ein Aufblitzen ihrer Augen, sie hatte sich nur einmal in die

Hallsberg zu der jüngsten Dame gesetzt, kaum über das Backfischalter hinaus, ziemlich plump und sehr schüchtern. Das war eine kleine Selbsthilfe.

Herr Johann Conrad trug einen südeuropäischen Orden, den einzigen, welchen er besaß. Er hatte dem Minister eines kleinen Staates eine finanzielle Hilfe geleistet.

Verehrte Frau Schwiegertochter," sagte er.Ich sehe ja Hm!" er hätte beinahe eine gar zu freundliche Bezeichnung gebraucht wo ist denndas Fräulein?"

Die großen Augen sahen ihn staunend an.

Da, wohin sie gehört in der Kinderstube."

Hm so hm, ja!"

Seinem Sohne klopfte er auf die Schulter.

Du, das ist doch ein gewisses Unrecht!"

Was?" fragte der, sein Gespräch mit Monken und dem Doctor Hallsberg unterbrechend.

Wenn hier unten Alles in Lust und Freude zugeht, da oben sitzen sollen bei den Kindern meinst Du nicht?"

Der jüngere Lund zuckte die Achseln.Reglement der Hausfrau in das Ministerium des Innern bin ich nicht berufen."

Na ja, aber! Die beiden kleinen Mädchen schlafen früh ein paar Stunden immerhin hätte man sie doch" Er verschluckte das Andere. Dies war ja Alles gut und schön und großartig hier, aber zum Behaglichfühlen nicht er konnte sich viel bessere Dinge denken. Jedermann war zwar freundlich mit ihm, denn Jeder wußte ja, daß ohne den alten Johann Conrad dies Haus nicht stand und strahlte und Gäste beherbergte, aber es war zuweilen eine fühlbare Herablassung. Und brauchte er sich die gefallen zu laffen? Gewiß nicht! Da mit dem Orden war ec noch ganz besonders stattlich. Wenn sie ihn doch so einmal sähe, die kleine, hübsche Line, die so gut mit fremden Kindern war.

Und er ging aus einem Raume in den anderen, noch war die Tafelstunde ja noch nicht gekommen und dann war er auf der Treppe im ersten Stock, wo sich die Räume erst später öffnen sollten, wenn man vom Tisch aufgestanden war. Alles still hier oben auch auf der Treppe zu den Mansarden begegnete ihm Niemand.

Er klopfte an die Thür des Kinderzimmers - nach wenig Secunden stand Line Arabin vor ihm, in ihrem schwarzen Kleid, den Finger wie zur Stille mahnend erhoben.

Ja, der Großpapa lächelte er,mal nach den beiden kleinen Damen sehen."

Thut mir leid, sie liegen bereits im Bett- Lonny schläft, Henny klagt ein wenig, sie ist unruhig und aufgeregt."

Natürlich, der Trubel da unten. Will nun auch nicht weiter stören. Und Sie? Das ist doch eigentlich kein Vergnügen-" er räusperte sich.Wollte sagen, angesehen hätten Sie die Sache auch gewiß gern mal Sehen Sie, aber die Kinder, Sie dürfen das meiner Familie nicht übel nehmen die KinderSie lächelte- ein wenig galt das neben der Gutmüthigkeit, die er zeigte, auch der Un­behilflichkeit.

Nein, Herr Lund, wie sollte ich das. Ich gehöre hier auf diesen Platz und überdies mache ich mir nichts aus Festlichkeiten."

Ja," er lachte über das ganze, breite Gesicht.Das ist nun mein Fall machen sich auch nichts daraus! So 'ne stille, nette Häuslichkeit, ja, das ist was Anderes. Sie lesen da ich mag mir so gerne vorlesen lassen. Das müssen Sie gar zu hübsch können, Fräulein Line solch 'ne weiche Stimme, wie Ihre!" Und er faßte nach Ihrer Hand und streichelte sie.Ja, daß Sie das Landleben so gerne mögen das hat mich nun ganz für Sie einge­nommen: Ich will meine letzten Jahre, es können noch

immer gute sein, Fräulein Line, nicht in der Stadt sein auf dem Lande wird man älter, bleibt gesunder. Sehen Sie wohl." Sie hatte ihm die Hand entzogen, sie auf die Tischkante stützend.Wir sprechen noch einmal darüber Tischordnung gemischt und Doctor Bruno ! es ist mir Ernst damit, mit dem Landleben und noch