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kennen und machte die für seine Zukunft bedeutsame Bekanntschaft Alexander v. Humboldts, dessen herzliche Freundschaft tr sich mit der Zeit erwarb. Durch Humboldts Einfluh öffneten sich ihm alle Thüren und ebneten sich ihm alle Wege, die ihm zu seinem Studium in der französischen Hauptstadt nothwendig waren, vor Allem das sonst kaum zugängliche Laboratorium Gay-Lussacs. Mit diesem Forscher wurde er bald so innig verbunden, daß sie mehr wie Brüder, als wie Schüler und Lehrer oder wie Meister und Jünger zu einander standen. Eines Tages, als Beide ein neues interessantes Resultat gefunden hatten, packte der Franzose den schlanken Deutschen wie ein junges Mädchen um die Taille und tanzte mit ihm, wie toll um den Laboratoriumstisch herum: „Dansons! Dansons Monsieur Liebig! C’est sin nouveau triomphe de Science! II faut le cälebrer! Dansons! Dansons!“
Doch der Gedanke, daß sein deutsches Vaterland so ganz und gar zurückstehen sollte in seiner Wissenschaft, bohrte in ihm im Stillen ganz gewaltig. Es kam ihm der glückliche Plan, das erste deutsche chemische Laboratorium zu gründen und damit die Chemie in Deutschland aus einer tobten Philosophischen Disciplin zu einer lebendigen Wissenschaft, wie sie es in Parts schon lange war, emporzuheben. Auf Humboldts Empfehlung ernannte ihn der Großherzog Ludwig I. von Hessen im Jahre 1824 zum außerordentlichen und 1826 zum ordentlichen Professor der Chemie in Gießen.
Doch was fand er hier vor? Das ganze Laboratorium Ls stand in der That aus vier Wänden, zwei Fenstern, einer Decke, einem Fußboden und — und man denke! — aus zwei Thüren! Apparate, Einrichtungen, Gestelle, Sitze, Alles hatte er mehr oder weniger aus eigenen Mitteln — er erhielt baare achthundert Thaler Gehalt — einzurichten. Zulagen erhielt er so gut wie keine, Kämpfe mit der Beschränktheit, dem Neide und der Mißgunst hatte er auszustehen und doch gelang es ihm, das Laboratorium von Gießen zum damals berühmtesten und besuchtesten zu machen.
Hier fing er nun an, die organische Chemie zu durch- sorschen und ihren Zusammenhang mit der anorganischen festzustellen, mit einem Worte, er wurde der Begründer dieser Wissenschaft. Mit unendlichem Fleiß und Nachdenken schuf er sich den — heute überall unentbehrlichen — Apparat zur Elementeraranalyse organischer Verbindungen mit den characte- ristischen fünf Glaskugeln, wodurch es ihm möglich wurde, manche wichtige Entdeckungen über die formelle Zusammensetzung der betreffenden Verbindungen zu machen. So entdeckte er beispielsweise die Erscheinung der Isomerie, oder -er gleichen chemischen Zusammensetzung organischer Verbindungen bei äußerlich völlig verschiedenen Eigenschaften, zuerst bei der Cyansäure und der Knallsäure. 1832 bei der Untersuchung der Einwirkungen des Chlors auf Alkohol, entdeckte er das Chloroform und das Chloral, Stoffe, welche später in der Medicin von ganz außerordentlich eingreifender Bedeutung und Wichtigkeit waren. Seine Forschungen über die Harnsäure bildeten den Uebergang zu einem neuen, geradezu epochemachenden Abschnitt in Liebigs wissenschaftlichem Leben- er beschäftigte sich jetzt mit der Anwendung seiner Wissenschaft auf Physiologie und Ackerbau.
Da erschien im Jahre 1840 sein berühmtestes Werk „die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie." Dieses Werk erregte ein solch beispiellos ungeheures Aufsehen, daß es in sechs Jahren sechs Auflagen erlebte und seinen Verfasser auf ein Mal zum Weltgespräch machte. Es brachte für die damalige Zeit Äöllig verblüffende neue Lehren für den Ackerbau und die rationelle Landwirthschaft, welche zur Zeit vollständig im althergebrachten Schlendrian darniederlag. Von Düngung, Brache und Wechselbau war wenig bekannt und womöglich noch weniger angewandt. Liebig lehrte, daß die Ackerkrume, wenn sie immer und immer wieder Stoffe hergeben soll, endlich erschöpft werde und nannte solch einen Ackerbau mit dem bezeichnenden Namen: Raubbau! Pftanzeneiweiß und
Thiereiweiß habe dieselbe Zusammensetzung. Die Pflanze sei im Stande aus Kohlensäure, Wasser- und Ammoniak die Stoffe zu bilden, welche den Thieren mittelbar oder unmittelbar zur Ernährung dienen. Diese verwandeln dann wiederum durch den Athmungs- und Berdauungsproceß jene complicirten, höher organisirten Materien in Kohlensäure, Wasser und Ammoniak zurück. Diesen Satz in seinen allgemeinen Zügen zuerst aufgestellt zu haben ist Liebigs unauslöschliches und in seinen Folgen bis auf die Gegenwart unerschöpfliches Verdienst. Im Jahre 1845 erhob ihn der Großherzog in den erblichen Freiherrnstand und auch die Landwirthe erkannten sein Verdienst an, indem sie ihm ein Ehrengeschenk übermittelten, welches Liebig zu einer Stiftung für die Förderung der Agnculturwissenschaft bestimmte (Liebigstiftung).
Große bis heute als unsterblich anerkannte Verdienste erwarb sich der geniale Forscher auch durch die Entdeckung des nach ihm benannten Liebig'schen Fleisch-Extracts und des künstlichen Ersatzmittels für die Muttermilch. Für ersteren segnen ihn noch heute Tausende von Genesenden und für das Letztere sind ihm auch heute noch Hunderte von siechen Müttern dankbar. Mit wahrhaft kindlicher Freude begrüßte der große Gelehrte die erste Büchse seines Fleisch- Extracts, welche ihm von Fray Bentos, in Südamerika, wo derselbe noch jetzt hergestellt wird, zugesandt wurde.
Alle diese weitgreifenden, allgemeinen Arbeiten und Forschungen mußten jedoch selbst einen io gewaltigen Geist, wie Liebig, vollkommen in Anspruch nehmen und verlangten die Hingabe des ganzen ungetheilten Denk- und Arbeitsvermögens. Liebig empfand das sehr bald und wünschte sich eine Stelle, wo er nicht als Leiter eines großen Laboratorium seine Kräfte zu zersplittern brauchte, sondern mehr auf die höhern Zwecke freien Forschens verwenden dürfte. Dazu bot sich ihm Gelegenheit, als König Max von Bayern ihn 1851 durch Professor Pettenkofer auffordern ließ, in München eine Professur zu errichten, wohin Liebig auch im Jahre 1852 übersiedelte. Hier hielt er Vorlesungen, hatte aber keinem Unterrichtslaboratorium mehr vorzustehen. 1853 wurde er von dem Könige, der ihm seine ganze Gunst, zugewendet hatte zum Vorsteher des Capitels des Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst und 1860 zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ernannt.
Jetzt widmete er sich mit ganzem Eifer seinen literarisch- wissenschaftlichen Arbeiten. „Die Theorie und Praxis der Landwirthschaft" erschien um's Jahr 1856. Als „naturwissenschaftliche Briefe über die moderne Landwirthschaft" herauskamen, hatten die Landwirthe bereits begonnen, seine Forschungen practisch zu verwerthen und zwar mit überraschendem Erfolge. „Die Annalen der Chemie," welche bis heute in über 200 Bänden existiren und immer fortgesetzt werden, sind auch seine Schöpfung und bilden einen der gelesensten und werthvollsten Theile der Quellenliteratur. „Die Jahresberichte der Chemie" sind noch heute jedem Chemiker unentbehrlich. „Die Chemischen Briefe" sind in ihrer Art klassische, wissenschaftliche Kunstwerke und doch leicht, gefällig und practisch gehalten. Noch durch viele andere wichtige Abhandlungen hat er der Nachwelt gezeigt, was er zu leisten vermocht. Seine letzte größere Arbeit „über Gährung und Quelle der Muskelkraft" erschien 1870 und hat auf pathologischem Gebiete Wunder gewirkt. Sein Hauptverdienst ist und bleibt jedoch die Erhebung der organischen Chemie zur selbstständigen Wissenschaft und ihre geniale Anwendung auf die großen Zweige practischer Thätigkeit im Leben.
Liebig war keines jener Menschenkinder, denen leicht und spielend Alles in den Schooß fällt, die genial und verwöhnt durchs Leben gehen. Ernst und schwer hat er sich Alles, was erstrebte, erkämpfen müssen. Aber ideale Begeisterung für die Lebensaufgabe, die er sich gestellt, volle Hingabe an dieselbe in strenger, unermüdlicher Arbeit und die feste Ueberzeugung von der Richtigkeit seines Strebens


