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Farbe, die Augen schienen größer geworden, ihr leuchtendes Blau sich in ein glanzloses Schwarz verwandelt zu haben, und dabei war es zweifelhaft, ob sie den Schluß der Rede Jochens überhaupt noch vernommen hatte. Die Worte: „Was dem jungen Herrn seine Braut sein soll," waren ihr wie ein heftiger Stoß in das Herz gedrungen und hatten sie förmlich betäubt.
Hatte der Amtsrath und Frau Munter vielleicht erwartet, Adolf würde gegen diese Unterstellung Einspruch erheben, so sahen sie sich getäuscht, die Art, wie er sie aufnahm, war weit eher einer Bestätigung gleich. Doch darüber nachzudenken, oder gar dem jungen Manne durch eine Aeußerung eine Mißbilligung seines Betragens zu erkennen zu geben, war jetzt keine Zeit. Ec hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen und murmelte:
„Anna, Anna! Arme, kleine, süße Anna !"
Statt seiner fragte der Amtsrath den Knecht:
„Wie ist denn das zugegangen? Wie kann das Fräulein am hellen Vormittag im Puddenteich ertrunken sein? War denn Niemand in der Nähe, der sie herausziehen gekonnt und wie ist sie überhaupt dahin gekommen?"
Der Knecht glotzte den Amtsrath mit großen runden Augen und weit aufgerissenem Munde an. Er war nicht gewohnt, daß so viel Fragen gleichzeitig an ihn gestellt wurden und nicht gesonnen, sie alle zu beantworten
„Weeß nich," sagte er, von einem Fuß auf den andern tretend, „wir waren allzusammen in die Kirche und während dessen wird's ja wohl passirt sin. Sie sagen, de olle Papagie soll ja woll dran schuld sin."
„Der Papagei? Wie so?" fragte Adolf händeringend.
„Weeß nich," wiederholte Jochen. „Wird ja wohl in den Puddenteich geflogen und das Frölen ihm nachgelofen sin. War ja immer ganz närrisch mit bet oll dumme Thier. Aber, nu machen Se man fix, junger Herr. Js schon so lange her, daß ich von Rapshagen fort bin. Sollt auch den Doctor Holten holen, was des Frölens Bruder is, war aber noch über Land, da bin ich erst hierher geritten. Herr Amtmann wird schon warten."
„Anspannen!" gebot der Amtsrath kurz. „Lassen-Sie Ihren Miethsgaul hier im Stalle stehen, Adolf, wir nehmen den leichten Jagdwagen und die Ponies, die bringen uns am schnellsten hinüber, denn ich fahre mit Ihnen. Kommen Sie, wir wollen das sogleich besorgen."
Er schritt der Thür zu- Adolf folgte ihm mit einem stummen Gruß. Frau Münter sagte ihm einige theilnehmende Worte, Carola maß ihn nur mit einem einzigen, langen Blick. Aber was sprach sich darin Alles aus!
Adolf wußte es, daß es ein Urtheil war, streng, ohne Erbarmen, und daß er es so und nicht anders verdient hatte.
In unglaublich schneller Zeit war der Wagen zur Abfahrt bereit und ebenso schnell rollte der von dem Amtsrath selbst gelenkte leichte Wagen auf der Chaussee und über die Feldwege dahin. Zwischen den beiden Herren ward kein Wort gewechselt- jeder fürchtete sich, das Schweigen zu brechen.
XIV.
Auch in Rapshagen herrschte an diesem wonnevollen Mai-Sonntag eine weihevolle, wohlthuende Ruhe.
Der große Hof war sauber gefegt, die Leiterwagen standen in den Schuppen, das Arbeitsgeräth war bei Seite geräumt. Man hörte weder die scheltende Stimme des beaufsichtigenden Hausherrn, noch die Rufe der Knechte- kein Axthieb erklang, keine Magd ging mit gefülltem Eimer vom Brunnen nach dem Hause, kein Rad knarrte, nur daß zuweilen das Gackern eines Huhnes oder das Brüllen einer Kuh die fri^liche Stille unterbrach. Sogar der bissige Hofhund lag behaglich vor seiner Hütte und erfreute sich des mild erwärmenden, aber nicht sengenden Sonnenscheins.
Auch der Garten, der in der Regel ein ziemlich prosaisches Ansehen hatte, da er nur mit Gemüse und Küchenkräutern bepflanzt werden durfte und von dem Amt
mann Blumen als nutzlose Boden und Zeitverschwenduttg ein für alle Mal streng verpönt waren, war durch den Frühling mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die zahlreichen Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume waren mit weißen und rosigen Blüthen übergossen- auf der Wiese, die sich auf der einen Seite des Gartens dicht neben einem großen, tiefen Teich hinzog und vorzugsweise als Bleichfleck benutzt ward, drängten sich die Gänseblümchen, die gelben, weißen und rothen Anemonen und anderes reizvolle „Unkraut", das sich durchaus nicht an das Gebot des gestrengen Hausherrn kehrte, sondern ihm mit lachenden Blüthen ein Schnippchen schlug.
Unter einem breitästigen Apfelbaum, von dem bei dem leisesten Windhauch der Blüthenschnee auf den Boden wirbelte, stand ein hölzerner Tisch, der in der Woche von den Bleicherinnen benutzt ward. Hierher hatte Anna den Bauer mit ihrem Papagei getragen und für sich selbst einen Stuhl herbeigeholt, denn sie gedachte auch ein Stündchen Sonntags ruhe im Garten zu feiern, da sie nebst der alten tauben Magd Suse, die auf dem Hofe halb und halb das Gnaden- brod genoß, die einzige Person war, welche an diesem Sonntag-Vormittag im Hause zurückbleiben durste.
In Fuchsberg war ein Töchterchen geboren worden und Frau Göbener, die sich jetzt recht wohl befand, auf ein paar Wochen dorthin übergesiedelt, um ihre Tochter zu pflegen, da sie die Wirthschaft getrost Annas Leitung überlassen durfte. Auch ihr Gatte schien dies eingesehen zu haben, denn er hatte ihr nicht, wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten, endlose Schwierigkeiten bereitet.
Die Taglöhner, welche während der Woche je nach Bedarf auf den Gutshof kamen, waren heute zu Hause geblieben, die ständig dort dienenden zwei Knechte, sowie die beiden Mägde hatten schnell die nöthigen Tagesarbeiten ab- gethan, das.Vieh versorgt und sich dann in ihren Sonntagsstaat geworfen, um dem Gottesdienst in der eine gute Viertelstunde von Rapshagen entfernt liegenden Kirche beizuwohnen.
Auch der Amtmann Göbener hatte sich zu einem Ausgang fertig gemacht, obwohl es nicht zu seinen Gepflogenheiten gehörte, die Kirche zu besuchen. Gewohnheitsmäßig schritt er vorher noch einmal durch das ganze Gehöft und kam auch in den Garten.
„Alter Schelm! Spitzbube!" schallte es ihm entgegen. Bitterböse wandte er sich nach der Seite, von wo der Ruf kam und fuhr Anna an:
„Warum läßt Du das Thier nicht im Zimmer? Was soll es hier draußen?"
„Ach, es ist so schön unter den blühenden Bäumen," erwiderte das junge Mädchen, während sie den Papagei, der beim Anblick Göbeners, den er zu hassen schien, wie immer in Zorn gerathen war, mit den Flügeln schlug und ihn mit Schimpfworten überschüttete, zu beruhigen suchte.
„Niederträchtige Creatur, ich drehe Dir doch noch den Hals um," knurrte Göbener, ließ seine Augen erst über Annas sauberen Sonntagsanzug gleiten, schaute dann in das Blüthenmeer und schien durch Beides geärgert. Mürrisch fragte er: „Willst wohl selber draußen bleiben und Natur kneipen?"
„Ein Stündchen werde ich mir wohl gönnen dürfen. Ich bin früh aufgestanden und habe Alles besorgt- Suse sieht auch einmal nach den Töpfen," antwortete Anna mit ihrer sich stets gleich bleibenden sanften Freundlichkeit, denn so sehr sie auch den Alten fürchtete, wäre es ihr doch nicht möglich gewesen, eine Unwahrheit zu sagen?
„Faulenzerei," brummte Göbener und der Papagei erwiderte diese Liebenswürdigkeit wieder durch etliche Ehrentitel. „Weil Sonntag ist, denkt Jeder, er brauche nur zu essen und zu träumen. Hast wohl auch ein hübsches Buch in der Tasche?"
Anna ward roth und schaute verstohlen auf das an


