Ausgabe 
19.2.1898
 
Einzelbild herunterladen

--- 107

+- Unter dem Zwatige der Verstellung berühren. Man nimmt auf eine höfliche Aufforderung des Kammergerichtsraths ge­meinsam an einem der Restaurationstische Platz. Carl t macht ein finsteres Gesicht, aber er fügt sich. Im Stillen beobachtet er seinen Bruder, der nicht wagt, den Blick zu ihm aufzuschlagen.

Wie elend Otto aussteht, seit sie einander nicht gesehen! Um Jahre ist er in der kurzen Zeit gealtert. Ist es das Gewissen, die Furcht, die ihn so mitgenommen? Ein Ge­fühl der Genugthuung durchzuckt ihn bei dem Gedanken. Doch je weiter der Nachmittag vorschreitet, je mehr er sich von der furchtbaren Veränderung überzeugt, die mit dem Bruder vorgegangen, desto weichere Empfindungen regen sich in ihm und eine Ahnung steigt in ihm auf von den furchtbaren Leiden, die der Schuldige, trotzdem er der öffentlichen Strafe entgangen, insgeheim zu erdulden hat.

Constanze und Helene unterhalten sich miteinander, aber es ist ein kaltes, gezwungenes Gespräch, das sich zwischen ihnen hinschleppt, und ihre Mienen zeigen einen kühlen, fast frostigen Ausdruck. Es ist etwas wie eine instinctive Anti­pathie zwischen Beiden. Constanze kann in der Nähe ihres Schwagers sich noch immer nicht eines Gefühls des Unbe­hagens, des Widerwillens erwehren, und Helene, die die Empfindungen ihrer Schwägerin ahnt, ist innerlich empört. Neid und Zorn, ja, Entrüstung sieden in sihr empor und ihre erregte Phantasie spiegelt ihr bei Constanze Gefühle vor, die gar nicht vorhanden sind. Sie hält ihre Schwägerin für dünkelhaft und hochmüthig und glaubt sich von ihr ver­achtet. Und diese stillbohrende Empfindung steigert sich im Lause der Stunden zu einer wahren Wuth. Es liegt für sie eine geheime Genugthuung in dem Gedanken, daß sie nur ein Wort zu sagen brauchte, um die Stolze klein und demüthig vor sich zu sehen.

Der Kammergerichtsrath und der kleine Paul sind die einzig Unbefangenen am Tisch. Herr Göring plaudert freundlich mit dem Knaben, der ihm voll Stolz mittheilt, daß er seit zwei Tagen die Schule besucht. Der Kammer­gerichtsrath hört dem Kleinen mit freundlichem Lächeln zu. Sein Herz weiß nichts von Vorurtheil und Animosität und wenn er seinerzeit dem Bruder seines Schwiegersohnes nahe­legen ließ, zur Hochzeit nicht zu erscheinen, so geschah es lediglich in Rücksicht auf Andere.

Plötzlich ist der kleine Paul verschwunden. Seine knabenhafte Lebhaftigkeit scheint nach einer anderen Be- thätigung zu verlangen, als ihm hier am Tisch der Er­wachsenen gestattet ist. Doch schon nach einer halben Stunde kehrt er zurück, erhitzt, weinend, mit beschmutztem Gesicht und zerrissenem Hemdkragen.

Allseitig erkundigt man sich nach der Ursache seiner B-trübniß und unter Thränen schluchzt der Knabe hervor, daß er auf dem großen Spiel- und Turnplatz vor dem Hauptportal zwei Schulfreunde getroffen und mit ihnen zu spielen begonnen habe. Ein dritter sei als Störenfried dazu gekommen und habe die Anderen gegen ihn aufgestachelt. Mit ihm sollten sie nicht spielen, sein Vater sei ein Dieb, sein Vater habe gesessen.

Es ist, als ob eine Bombe plötzlich neben dem Tisch der kleinen Gesellschaft eingeschlagen sei. Frau Constanze o macht eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie ausspringen und dreht sich ängstlich nach dem Nachbartische um. Helene wird blaß und roth und beißt sich die Lippen wund. Carl steht mit einem furchtbaren Blick zu seinem Bruder hinüber und Otto ist zu Muthe, als müsse er ersticken. Nur der Kammergerichtsrath verliert seine Ruhe nicht. Er tröstet den Knaben und streichelt ihm die Backen und lenkt seine Aufmerksamkeit auf die Militärcapelle, die eben ein neues Musikstück beginnt. Ein paar unendlich peinliche Minuten verstreichen, bis sich Constanze Iplötzlich mit der Erklärung erhebt, daß es kühl zu werden beginne. Niemand wider­spricht, und man rüstet sich zum Aufbruch. Der Abschied fällt noch kürzer, frostiger aus als vorher die Begrüßung.

Der Kammergerichtsrath giebt jedem Einzelnen die Hand, auch Carl zwingt sich, seinen! Bruder auf einen kurzen Moment die Fingerspitzen zu reichen. Nur Helene und Constanze bringen es nicht über sich, ihre Hände ineinander zu legen. Sie trennen sich mit einem flüchtigem Kopfnicken, während ihre Blicke eine Secunde lang einander begegnen mit einem fast feindseligen Ausdruck.

(Fortsetzung folgt.)

Für Dittas Brautkleid!

Novelle von E. Reinhold.

------- (Nachdruck verboten.)

Führt da nicht eben die Drösche vor, liebes Kind? Ja? Dann ist also der bange Moment der Trennung ge­kommen, und wir müssen nun definitiv von einander Abschied nehmen. Füge Dich in das Unvermeidliche, meine liebe Marianne, trage mit Grazie das schwere Loos einer ein­samen Strohwittwe, behüte unsere kleine Ditta, und im Uebrigen vertraue, wie ich, auf ein fröhliches Wiedersehen in spätestens fünf Monaten."

Fünf lange Monate! Sag, Moritz, ist es denn unum­gänglich nothwendig, daß gerade Du auf die Reise gehst, und noch dazu nach Amerika? Ist denn in dem ganzen großen Geschäft kein Anderer da, der geschickt werden könnte?"

Gott bewahre, Herzchen, zu der kniffigen Geschäfts­reise ist bloß Dein alter Mor zu brauchen. Darum gieb Dich zufrieden. Und überdies bedenke, was ich von meinen Spesen erübrige, überweise ich DeinemFond zu Dittas Brautkleid.«

Spotte Du nur, Du böser Mann, noch im letzten Augenblicke über Dein armes Eheweib. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

Das dürfte Ditta sein, wenn sie dermaleinst das pro- jectirte seidene Brautkleid mit der Zweimeterschleppe be­kommt. Für dasselbe liegen ja bereits wohlgezählte zwei­tausendvierhundert Mark, die Du, Gott weiß woher, zusammengescharrt, in meinem feuer- und diebessicheren Geldschrank. Da fällt mir übrigens noch ein, dort ist ja auch Dein Brillantschmuck verwahrt, willst Du den nicht heraus haben? Denn wenn ich Dir auch die Schlüssel hier­lasse, aufschließen kannst Du ja meinen Geldschrank doch nicht."

Nein, Moritz, laß den Schmuck nur, wo er ist. Ich werde schwerlich Gelegenheit haben, ihn anzulegen."

Wie Du willst, mein Schatz,- und nun lebe Wohl, grüße Ditta noch einmal, wenn sie aus der Schule kommt, spare nicht zu viel an Deinem Wirthschaftsgelde, damit Dittas Brautkleid keine gar zu lange Schleppe erhält, und brauchst Du einmal irgend etwas, so wende Dich nur getrost an Herrn Weingärtner, meinen Chef. Behüt Dich Gott, meine liebe Marianne, auf Wiedersehen in fünf Monaten."

So kurz und wenig thrünenreich der Abschied der beiden Eheleute war, die Trennung, die erste nach zehn­jähriger Ehe, kam sie doch hart an. Sie hatten bisher ein zufriedenes, glückliches Leben geführt. Sie hatten einander geheirathet, als er noch ein kärglich besoldeter Commis war, und sie beide zusammen gerade so viel hatten, daß sie nur immer abwechselnd sich satt essen konnten,- durch diese Periode hatten sie sich so leidlich durchgebracht, denn Er war, wenn auch nicht leichtmüthig, doch mit einem glücklichen Humor begabt, der in kargen Zeiten sich als ein tröstender Freund erwies, und Sie hatte Verständniß für die Naturanlage ihres Gatten und vermied es darum auch in bedrängter Lage, dem weiblichen Klagebedürfniß nachzugeben. Der mageren Jahre in ihrem Ehestande waren übrigens nicht viele. Bald wurde Moritz Schäfer als leitende kaufmännische Kraft für ein größeres Fabrikunternehmen engagirt, und nun hatte alle Knappheit ein Ende.