Ausgabe 
19.2.1898
 
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nun, Carl, nun willst Du mich zum Dank zu Grunde richten?"

Er wendet sich mit heftigem Ruck zu ihr.

Steh doch auf, Mutter!" sagt er und will sie an ihrem Arm emporziehen. Aber sie wehrt ihm heftig.

Nicht eher, als bis Du mir versprochen hast, daß Du ihm verzeihst. Dir . . . Dir geschieht ja nichts mehr, Du bist ja frei. Alles ist vergessen. Wozu willst Du noch einmal die unglückselige Geschichte aufrühren? Er würde ja doch Hand an sich legen, wenn's nun herauskäme, wenn er nun ins Gefängniß müßte. Kannst Du ihm denn nicht verzeihen?"

Nein, niemals!"

Aber schonen kannst Du ihn doch wenigstens. Und wenn Du's nicht seinetwegen, nicht meinetwegen thust, so denke doch an seine Frau und an sein unschuldiges, armes Kind! Hast Du denn gar kein Herz im Leibe, Carl?"

Er kann's nicht mehr ertragen, die alte, schwache Frau vor sich auf dem Fußboden liegen zu sehen und ihr Klagen und Jammern mit anzuhören. Mit Aufbietung seiner- ganzen Kraft hebt er sie in die Hohe und läßt sie auf den Stuhl neben ihm niedergleiten. Und als sie sich von Neuem in die Knie fallen lassen will, hält er sie fest und ruft ihr zu':Siebe Mutter! Ich will ja schweigen, um Deinewillen. Aber mit dem da," er deutet mit wüthender Geberde auf Otto und sein Gesicht widerleuchtet von Neuem von dem Zorn und Abscheu, die in ihm lodern,mit dem habe ich nichts mehr zu schaffen. Das ist nicht mehr mein Bruder. Für den habe ich nur noch Haß und Verachtung."

Der zerknirscht in halber Betäubung an der Wand Lehnende fährt in die Höhe. In sein wachsbleiches Gesicht steigt eine jähe Röche und seine Brust keucht hörbar. Der Impuls durchzuckt ihn, vor Carl hinzutreten und ihm zu sagen, daß er sein Opfer nicht annehme. Er solle nur hingehen und ihn anzeigen. Er, Otto, sei bereit, zu büßen für das, was er gefehlt habe, menschlich gefehlt in einer verzweifelten Minute, da er nicht Herr seiner Sinne gewesen. Er werde büßen, wie er schon gebüßt habe, wochenlang, monatelang in geheimer, bitterer Qual.

Aber das Bild seiner Frau, seines Kindes tritt vor seine Seele und ausstöhnend wendet er sich ab und schleicht leise zur Thür, ohne daß Jemand darauf achtet.

Frau Köster aber drückt, unfähig zu sprechen, krampf­haft die Hände ihres ältesten Sohnes, der vor ihr steht, und im Ueberschwang ihres Dankgefühls würde sie seine Rechte geküßt haben, wenn er sie ihr nicht erschrocken mit raschem, heftigem Ruck entzogen hätte.

XXII.

Alle Freunde Ottos und in erster Linie der Kammer­gerichtsrath sind sehr ungehalten über des jungen Mannes Wankelmuth. Nun Plötzlich, ohne daß sich irgend ein plau­sibler Grund dafür finden ließe, zieht er seine Kündigung bei der Bank zurück und zugleich seine Bewerbung um eine Anstellung im Staatsdienst. Auch sonst giebt der Assessor den ©einigen Grund zum Erstaunen und zur Sorge. Er wird von Tag zu Tag blasser und nervöser. Sein Appetit nimmt ab, sein Schlaf ist unruhig, ja, ganze Nächte kommt über­haupt kein Schlaf in seine Augen. Er schließt sich in seinem Studirzimmer ein unter der Vorgabe, daß er wichtige Arbeiten zu erledigen habe. Aber Constanze, die ihn sorgenvoll belauscht, hört, daß er rastlos in seinem Zimmer auf und ab schreitet. Bei dem geringsten ungeahnten Ge­räusch schrickt er heftig zusammen und wechselt die Farbe. Die wiederholte Bitte seiner Frau, sich doch ärztlich behandeln zu lassen, fertigt er mit der stereotypen kurzen Antwort ab, daß ihm nichts fehle und daß er keinen Arzt gebrauche.

In der That, der Arzt, der sich nur mit körperlichen Leiden befaßt, könnte ihm wenig helfen. Sein Leiden sitzt tiefer. Es ist das böse Gewissen, die Furcht vor der Strafe, die ihm keine ruhige Minute mehr läßt. Täglich, stündlich

zittert er vor der Entdeckung. Drei Menschen außer ihm wissen von seinem Verbrechen. Der Mutter freilich ist er sicher. Die würde lieber ihr Leben lassen, als daß sie sich je das Geständniß seiner Schuld entschlüpfen ließe. Aber Carl und Helene! Wer garantirt ihm, daß Carl nicht schließlich doch die Geduld verliert und nm sich gegen üble Nachreden zu vertheidigen, das Geheimniß preisgiebt? Noch wahrscheinlicher ist es, daß Helene eines Tages in der Er­regung, vielleicht im Streit mit einer Nachbarin seine Schuld verrathen wird. Und dann wird sein Name als der eines Diebes von Munde zu Munde gehen, bis ein Zufall seine Schuld zur Kenntniß der Staatsanwaltschaft bringt.

Alle Martern, die er vor drei Jahren durchlebt, kehren in verstärktem Maße zurück. Damals handelte es sich um ihn allein, jetzt aber würde von den Folgen seines Verbrechens fast ebenso hart wie er seine Frau und sein Kind betroffen.

Seine geheimen Qualen steigern sich von Tag zu Tag in unerträglichem Grade. Wahnvorstellungen suchen ihn heim,- in den ihn verwundert und sorgenvoll beobachtenden Augen liest er Argwohn und Zweifel an sich. Wie ein ge­hetztes Wild kommt er sich vor. Dieses unablässige Bangen vor der nächsten Stunde, die möglicherweise zu seiner Ent­larvung führen kann, dieses entsetzliche Comödiespielen mit den Seinen, vor denen er sich den Anschein der Sorglosigkeit und Unbefangenheit geben muß, macht ihm das Leben zu einer folternden Strafe. Schon ein Paar Mal ist die Frage in ihm aufgetaucht, ob er sich nicht lieber freiwillig dem Richter stellen soll. Im Vergleich zu seinem jetzigen Loose würde das Leben hinter den stillen Gefängnißmauern nur beneidenswerth sein. Die Ungewißheit, die unerträg­liche Spannung, die entsetzliche, beklemmende Angst, die ihn nicht mehr zu einem freien Aufathmen kommen läßt, wird dann von ihm genommen sein. Wenn er nichts mehr zu verbergen hat, wird er endlich Ruhe, vielleicht wieder er­quickenden Schlaf finden.

Aber die Rücksicht auf seine Frau und seinen Sohn, deren Leben mit Schmach und Schande bedeckt ist, wenn er in öffentlicher Gerichtsverhandlung als Dieb gebrandmarkt wird, bestimmt ihn, den verzweifelten Gedanken immer rasch wieder fallen zu lassen und die Qual seines Daseins weiter zu tragen.

So vergeht ein Jahr, ein furchtbares Jahr. Und nun beginnt der Unglückliche von Neuem aufzuathmen und zu hoffen. Vier Jahre sind seit seinem Verbrechen bereits ver­gangen. Noch ein Jahr und die That ist verjährt. Geht auch dieses Jahr vorüber, ohne daß seine Schuld an den Tag kommt, dann ist er gerettet. Kein Richter hat dann mehr Gewalt über ihn/ vor entehrender Strafe, vor öffent­licher Schande ist er dann für immer bewahrt.

Er zählt die Tage, er zählt die Wochen, er zählt die Monate. Drei Monate sind glücklich verstrichen mit fieberndem Sehnen sieht er dem Tag entgegen, da er sein Haupt wieder in Sicherheit betten, da er sich der Liebe seiner Frau, seines Glückes als Vater wieder ruhigen Herzens wird erfreuen können.

Mit Carl ist er in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal zusammengetroffen. Er bangt vor dem Augenblick, der sie zum ersten Mal wieder zusammensühren wird. Dieser Augenblick kommt an einem Augustabend, als er mit seiner Frau und seinem Schwiegervater sich im Landes- ausstellungspark befindet. In einer der Alleen des großen Parkes begegnen ihm Carl und Helene, die ihr Kind, einen munteren fünfjährigen Knaben, bei sich haben.

Otto möchte ausweichen, denn er zittert bei dem Ge­danken, seinen Bruder, der ihm ewigen Haß geschworen, wieder unter die Augen zu treten. Doch auch sein Schwieger­vater hat die Familie erblickt und läßt sich nun ein gegenseitiges Begrüßen nicht vermeiden.

Mit niedergeschlagenen Blicken streckt Otto seinem Bruder und seiner Schwägerin die Hand entgegen, die Beide flüchtig