Ausgabe 
18.6.1898
 
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leiblichen Augen sehen, vielmehr nur ahnen, mehr Werth und Reiz für uns in sich birgt, als das, was sich entblößt unserem Blick darbietet.

Gebhardt fand nicht zu seiner Freude seine junge Schwägerin bei Thea.

Du hier?" fragte er mit seiner undurchdringlichen Miene. Teßa sah ihm schnippisch in's Gesicht.Ich denke, ich habe dieselben Rechte wie Du!" sprach sie, worauf der Mann nur die Schulter hob.

Ich glaubte Dich in Lores Gesellschaft," warf er kühl hin. Teßa ließ ein Lachen hören, das Alle unangenehm berührte.Lore ist anderweitig beschäftigt!" sagte sie höhnisch, doch Gebhardts Miene behielt denselben Ausdruck, vielleicht vertieften sich noch die Furchen auf seiner Stirn. Doch mit einem kaltenSo----?" wandte er sich ab und

den Schwestern zu.

Ina und Gebhardt durchstreiften miteinander die Wege des Parks. Der Bräutigam war gekommen,- doch Teßa hatte ihn bald zu irgend einem Liebesdienst beordert und ihn völlig mit Beschlag belegt,- Thea pflegte der Ruhe und Papa Lentze hatte Besuch. Die Kinder tollten im Park. Schweigend schritt das Paar nebeneinander hin- ein Jedes mit seinen Gedanken beschäftigt.

(Fortsetzung folgt.)

Berliner Sommermoden.

Von Erna Herm.

---- (Nachdruck verboten.)

KO. So wie die schöne Natur den Poeten immer aufs Neue zu inspiriren vermag, übt sie ihren Reiz auch auf die Modedamen, natürlich wieder auf andere Weise. Da Harmonie doch den Ausgangspunkt für alles Schöne bildet, so drängt es dieselben, ihren äußeren Menschen mit der Sommerpracht in Einklang zu bringen, und die Toilettenfrage spielt im Bunde mit den Jahreszeiten eine große Rolle. Und wie harmonisch sieht es auch aus in den Villengärten von Heiligen­damm oder im Grünewald, wo man auf grünem, sammt- artigen Rasen, hochroth oder hellblau gestrichene, zierlich ge­formte Holzmöbel sieht, von einem mächtigen japanesischen Schirm überschattet, und in den bequemen Fauteuils schaukeln sich schöne Frauen und liebliche Mädchen in Hellen duftigen Gartenkleidern. Spielende Kinder in gestickten Batistschürzchen mit Hochrothen Achselschleifen, mit nackten Beinen und fliegenden Locken vervollständigen dann dies anmuthige Genrebild, welches so vergänglich ist, wie die Jahreszeiten, und trotz der an­scheinenden Einfachheit sehr viel Geld kostet. Zum Glück finden sich noch immer zahlreiche Amateurs für solche Scenen, und der geplagte Familienvater sucht für seine Sorgen und Mühen in demselben seine Belohnung, wenn auch er selbst an dem dolce far niente der Seinen oft nur als Sonntags­gast theilnehmen kann. Die Saison 1898 steht, was ihre Sommermodestoffe betrifft, im Zeichen des Hauches und des Duftes. Battist und Mousseline, Foulard und Etamine, werden mehr denn je getragen, selbst für Wollkleider ist neuerdings der leichte dünne Voilestoff en vogue. Was die Mode zur luxuriösen stempelt, ist die besondere Beliebtheit der weißen Farbe, welche nur in fleckenloser Reinheit wirkt, und daher großen Wechsel bedingt. Weiße Tuchkleider, weiße Battist- und Leinenkleider, weiße Pique- und Cachemirkleider, vor Allem aber das weiße Seidenmousselinekleid gilt als dernier cri der neuesten Modeschöpfungen. Der spinneweb feine, sehr theure Mousseline wird in unzählige winzige Volants geschnitten,- der leicht schleppende, unten sehr weite Rock schürzenartig damit garnirt, während die glatten Flächen durch kunstvolle Zeichnungen, welche mit schmalen weißen Bändchen ausgenäht werden, bedeckt sind. So sehr der weiße Lederschuh en vogue ist, so ist er für solche Toiletten verbannt, und der braune Lackschuh, welcher die letzte Novität im Gebiete der Chaussure vorstellt, wird zu demselben ge­

tragen. Wo die Jugend nicht mehr ganz waschecht ist, die Frauen geben sich gütigerweise darin den weitesten Spielraum, ist schwarz die bevorzugte Modefarbe, welche geeignet ist, die interessante Blässe der Hautfabe oder schön gefärbtes Gold­haar ins richtige Licht zu setzen. Die uninteressanteste Wittwe kann sich durch eine gelungene Toilette aus schwarzem Tüll mit schimmernden Pailletten besäet, mit dem Nimbus eines gewissen je ne sais quoi umgeben, welchen keine andere Toilette sonst hervorbringen könnte. Zwischen den beiden Grundfarben schwarz und weiß, welche der gute Geschmack als Modefarben auserlesen hat, dominiren sämmtliche scharfen Töne außer grün, welches durch den wahnsinnigen Verbrauch des Vorjahres glücklicherweise ausgegangen zu sein scheint. Zu weißen oder dunklen Wollstoffröckchen trägt man das ueurothe oder veilchenfarbene Taffethemd, welches Costüm durch ein Bolerojäckchen vervollständigt wird. Das Haupt- stück der Sommertoilette bildet jedoch der Gürtel, welcher in unzähligen Variationen existirt. Vom glatten, schmalen Gold­gürtel angefangen bis zum ombrirten aus verschieden neben­einander gelegten Bändern hergestellten Gürtel, giebt es eine derartige Menge, daß es der Modechronistin schwer fällt, einzelne herauszugreifen. Bemerkenswerth sind jedoch die­selben aus schwarzseidenem Gummi, von 15 zu 15 Zentimeter durch geschliffene Stahlschnallen unterbrochen. Band, Tuch- unb, Ledergürtel tragen gemalte Sportvignetten, Tennis­schläger, Ruder u. s. w. Den flachen Matrosenhut umgiebt man mit der gleichen Garnitur, und richtet es so ein, daß man das Band durch Umwechslung von Haken wechseln kann. Für große Toiletten gehört der ganz schmale Sammetgürtel in beliebiger Farbe, welcher mit einer Brillantschnalle ge­schlossen wird. Für Morgenkleider und Negliges hat man reizende neue Seidenbattiste, die sich vorzüglich waschen lassen und billig sind. Streifenmuster in hellblau mit rosa, gelb und weiß, dunkellila mit blau sind in großer Auswahl zu haben. Die Aermel werden nur bis zum Ellenbogen reichend, geschnitten und mit einer Spitzen- oder Stickerei-Garnitur versehen. Große Matrosenkragen schließen sich unterhalb des Jabots, welches gleichfalls aus Stickerei oder Spitzen besteht. Sehr hübsche Gartenkleider werden aus gestreiftem englisch Leder für Tennisspielerinnen hergestellt. Dem einfachen halb­grauen Rocke gesellt sich die lose Blouse mit dem Matrosen- kragen aus hochrothem englisch Leder, welcher in den Ecken ein Sportabzeichen in weiß gestickt, zeigt. Ein rother Lack­gürtel und ein Matrosenhut mit weißroth gestreiftem Band vervollständigt diesen Anzug der Sechzehnjährigen, oder derer, die es scheinen wollen. Ganz weiße Leinenkleider, sowie blaue und graue sind für Sportzwecke sehr beliebt, und fast immer mit glatt anliegender Weste aus weißem Pique und dem Bolerojäckchen gemacht. Für ältere Damen wird meistens Foulard in Jackenfatzon verarbeitet und mit echten Spitzen in Guipure oder Stickerei garnirt. Auch weißschwarz gestreifte Taffetkleider mit Spitzenfichu stehen gut zu ergrauendem Haar und lassen die Trägerin oft sehr anziehend erscheinen. Trotz aller Reformbestrebungen sind Jupons die große Mode des Tages, nur für den Sport und auf der Reise aeeeptirt man die Knickerbockers, für alle anderen Zwecke ist man wieder zu den seidenen, battisteneu und spitzenbesetzten dessons zurückgekehrt. Fürchten Sie nicht, meine Damen, daß die Frauenrechte durch diese Umkehr zum ewig Weiblichen leiden werden, wenn sich die Damen ihrer größten Anziehungskraft, des Reizes ihrer äußeren Erscheinung nicht begeben, haben sie viel mehr Chaneen, zu siegen, und die Zahl der Männer, welche für ihre Rechte stimmen, und sich den Gattungsnamen Feministen gefallen lassen müssen, zu vermehren. Wie Sie vielleicht bereits wissen dürften, hat sich in jüngster Zeit in Berlin einDamenelub" eonstituirt, wo der Frauenwelt unter angenehmen Bedingungen Gelegenheit gegeben wird, einige Stunden des Tages in zwanglos gemiithlicher Weise mit anderen Damen in Beziehung zu treten, die trotz des gleichen Bildungsganges, und der übereinstimmenden Ansichten durch soeiale Verhältnisse getrennt sind. Gleich dem Beispiel