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Vorsichtig darauf bedacht, durch kein Geräusch ihre Annäherung zu verrathen, schlich sie heran. Eine Minute später verschwand sie fast in einem Buchsbaumgebüsch, um erst nach einiger Zeit mit allen Anzeichen der Befriedigung in den Mienen wieder daraus hervorzutauchen und ihren Weg fortzusetzen.
Fräulein Teßa mußte eine Wahrnehmung ganz speciell für sie recht erfreulicher Art gemacht haben, denn ein Lächeln lag auf ihrem hübschen Gesicht, während sie den staubigen Feldweg dahinschritt und ihre Lippen murmelten deutlich:
„Die lockeren Vögel hätte ich also auch in der Hand! Mache ich mit dem Vetter Fiasco, so soll mir der hübsche Harden wenigstens bleiben! Lore wird schon gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, wenn sie erfährt, daß ich Mitwisserin ihres Geheimnisses bin!" Teßas Gedanken flogen dann zum Schwager. Wenn der wüßte:......!
dachte sie schadenfroh, im Geheimen nur beklagend, daß der Zeitpunkt noch nicht gekommen, wo sie dem verhaßten „Moralisten", wie sie ihn getauft, für alle ihr gewordenen Kränkungen heimzahlen konnte.
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Zur selben Zeit legte der Mann, dem Teßas Gedanken voll so wenig wohlwollender Gesinnung galten, gesenkten Hauptes den Weg von seiner Fabrik nach seiner Privatwohnung zurück. Es geschah dies zu einer außergewöhnlichen Stunde und der Diener, der dem Hausherrn öffnete, zeigte über diese Abweichung von der täglichen Regel denn auch eine höchst erstaunte Miene. Gebhardt hatte dafür kein Auge. Er fragte nach den Kindern und begab sich dann direct in das Kinderzimmer. Dort, von dem hochaufgeschossenen Jungen und dem jüngeren zarten Töchterchen mit großem Jubel empfangen, erklärte der also Bewillkommnete den erstaunt aushorchenden Kleinen, daß sie sich innerhalb einer halben Stunde zu einer Ausfahrt mit ihm, dem Papa, aukleiden zu lasfen hätten.
Georg und Trude sahen einander, dann den Papa voll kindlicher Verwunderung an, Georg aber faßte sich ein Herz und lieh seinen Gedanken Worte.
„Ist etwas Besonderes los, Papa?"
Ueber das Antlitz des Mannes ging ein sonderbares Etwas. War es Mißmuth, Trauer--Rührung?
Die Kinder verstanden das Sonderbare nicht zu deuten, vielleicht kam des kleinen Mädchens Empfinden dem Verstehen noch am Nächsten.
Es schlang die mageren Aermchen um den Hals des Vaters und schmeichelte: „Papa lieb? Papa immer lieb, nich Trudel! ja? Nicht traurig sein!"
Die kindliche Zärtlichkeit der Kleinen schien dem Manne wohlzuthun. Er küßte das Kind fast heftig und befahl dann Beiden, sich bereit zu halten, worauf Trudel jubelnd davon- stürmte und Georg sich zum Gehen anschickte. Doch der Vater hielt den ohnehin Zögernden zurück. —
Er nahm den schlanken Jungen bei der Hand, strich ihm über die Backen und sagte dann:
„Höre mich einmal an, Georg! Ich halte Dich für einen verständigen Jungen, zudem bist Du der Aeltere -und Vernünftigere, also merke auf, was ich Dir sage. Ich will Euch Beiden, Dir und der Trude, heute noch einmal einen freien Tag machen, denn morgen verreist Ihr!"
Der Knabe sah unbeweglich in die Augen des Balers. Warum? fragten die seinen. Doch er sprach das Wort nicht aus- Gebhardt aber fuhr fort:
„Ihr werdet die Großmutter auf Fehmarn auf einige Wochen besuchen- dann kommst Du in Pension, die Trude bleibt bei der Großmama. Nach dem „Warum" hast Du nicht zu fragen, Du hast mir zu gehorchen, mein Sohn, merke Dir das wohl und nun" schloß er aufathmend, „geh und sei mein verständiger Junge, sage der kleinen Schwester auch noch nichts, ich will durch keine weiteren Fragen belästigt werden- ich werde Trude selbst die frohe Botschaft sagen."
Nun ging der Knabe hinaus- nur um seine kindlichen Lippen zuckte ein verhaltenes Weinen. Gebhardt sah ihm mit zusammengepreßten Lippen nach. „Armer Junge! Ahnt er vielleicht......? dachte er doch," dann tröstete er
sich: „Es muß sein! Ich kann nicht anders! Wenigstens die reinen Seelen der Kinder will ich vor einem frühzeitigen Einblick in diesen Sumpf bewahren. Noch sind sie zu jung, um voll zu begreifen und wozu ihre reine Unschuld vor der Zeit vergiften. Vom Baume der Erkenutniß brechen sie die Frucht früh genug!"
Eine Stunde später knirschten die Räder des Gebhardtschen Wagens auf dem Kies der Seiteneinfahrt, auf Lentzeschem Grund und Boden.
„Meine verehrte junge Freundin, hier bringe ich Ihnen meine Kinder!" sagte Gebhardt zu Ina, die ihm von der Terrasse, auf der sie allein geweilt, entgegentrat. „Ich wollte sie Ihnen doch noch vorstellen, ehe ich sie auf Reisen schicke."
Ina blickte auf die Kinder, die mit der Mutter so gut wie nichts an äußerem Reiz gemein hatten. Seine Kinder! Sie empfand ein Gefühl, so weh, so süß. Dem großen Jungen mit den fragenden Augen gegenüber fühlte sie sich beklommen- aber das Mädchen, das zutraulich zu ihr aufblickte, zog sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit in die Arme. Seine Kinder! Sie empfand einen Augenblick lang etwas wie Neid- diese Kinder gehörten ihm, und dieser Mann gehörte jenen beiden kleinen Wesen, ging es ihr unklar durch den Kopf und ich---? Ich stehe außerhalb dieses
kleinen Kreises. Währenddessen aber sprach sie: „Sie reden von einer Reise? Die Ferien haben ja auch bereits begonnen"- sie sprach es halb gedankenlos, mit dem weichen Lockengeringel des Mädchens tändelnd.
„Es ist keine Ferienreise! Sie gehen, wenn auch nicht für immer, so doch auf lange Zeit, vielleicht auf Jahre. Gebhardt hatte es abgewandt von den Kindern gesprochen- ein tiefer Schmerz klang durch seine Worte. Ina erwachte aus ihrer halben Gedankenlosigkeit. Wie der Druck einer bangen Ahnung legte sich's ihr um's Herz. Verflogen war die egoistische Empfindung, die nur das eigene Leid, die persönliche Freude fühlt, im Augenblick war sie nicht sie selbst, nichts für sich wünschend, galt alles Denken und Wünschen nur dem Freunde. Sie sah den Schmerz in seinen Zügen, aus seinen Augen sprechen und sie vergaß sich selbst und die verlegen dastehenden Kinder.
„Was ist geschehen? O bitte, sagen Sie es mir!" bat sie, seine Hand ergreifend. Ein Lächeln huschte über sein Antlitz und verschönte es.
„Viel und nichts!" beschwichtigte er, ohne seine Haltung zu verlieren, und mit dem Blick die Kinder streifend, ermahnte er sie und sich selbst zur Vorsicht: „Später, Fräulein Ina!"
Sie senkte fast beschämt die angstvoll fragenden Augen- dann nahm sie ein jedes der Kinder bei der Hand.
„Kommt, wir wollen zur Tante Thea gehen- die giebt uns den Schlüssel zum alten Puppenschrank und in der Bibliothek suchen wir ein schönes Buch heraus, nicht wahr, Georg?"
Bereitwillig ließen sich die Kinder von dem freundlichen Mädchen geleiten, langsam, mit einem nicht leicht definir- baren Gesichtsausdruck, folgte den Voranschrettenden Gebhardt.
„Er trägt eine unsichtbare Maske vor dem Gesicht, glaubst Du nicht auch?" Schon zu verschiedenen Malen hatte Ina so zur Schwester gesprochen, diese darauf aber nur mißbilligend den Kopf gewiegt. „Du willst immer sehen, was nicht ist, Ina!" hatte sie gemeint und die Schwester eine kleine Närrin gescholten - heute sah Thea auch die Maske - die Maske, die, wie Ina behauptete, rasend machen konnte in ihrer kühlen Undurchdringlichkeit, mit ihrem tobten Ausdruck. Er hatte es gelernt, sich zu verstellen, sagte sich Ina voll Schmerz. Sie, die die Offenheit liebte, verlangte auch darnach, in der Physiognomie ihres Nächsten lesen zu können. Zwar bedachte sie nicht, daß gerade das, was wir nicht mit


