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hat Stomber vorsorglich schon im Sommer üus einer Schonung geholt und geschält. Jetzt ist sie glatt wie polirtes Metall und leicht wie Rohr. Aber diese Eigenschaften muß sie besitzen, wenn sie brauchbar sein soll. Denn sie dient dem Fischer, wenn ich mich so ausdrücken darf, als Jagdspieß. Am vordern Ende trägt sie nämlich einen spitzen Nagel. Und während ich nun den Kahn in den Kamp hineinschiebe, läßt der Alte die Stange blitzschnell durch das Rohrdickicht gleiten. Hier und dort schießt ein Rohrstcngel, den der scharfe Stoß von seiner Wurzel getrennt, aus dem Wasser empor. Mit Spannung beobachte ich, im Kahn stehend, das Rohr wie die auf dem Wasser schwimmenden Netzkorke. Da hält Stomber mitten im Stoß die Stange an. Seitwärts drängt sich ein großer Fisch durch das Dickicht- deutlich kann man an der Bewegung der Rohr- Halme sehen, wie weit er abstreicht und wo er stehen geblieben ist. Jetzt ist sein Schicksal besiegelt. Mit selten fehlender Geschicklichkeit trifft ihn Stomber mit dem scharfen Nagel. In wilder Furcht durchbricht er das Dickicht und im nächsten Augenblick zeigt das Durcheinanderfahren der Netzkorke, daß der Fisch sich gefangen hat.
Hastig treiben wir den Kahn auf die Stells zu, denn selbst das beste Netz hält manchmal dem scharfen Anprall des Hechtes nicht Stand. Besonders wenn das dichte Netz etwas straff gespannt ist, wird es oft von der keilförmigen Schnauze des Hechtes zersprengt, und statt der erhofften Beute findet man ein großes Loch. Diesmal jedoch steckt ein prächtiger Kerl von Hecht im Netz, der Von Stomber auf 6V2 Pfund geschätzt wird. Und der Alte irrt sich nie im Schätzen des Gewichts . . .
Sorgfältig wird die emporgehobene Stelle des Netzes wieder ins Wasser gedrückt, bis es fest am Boden anliegt, denn die durch unser Durchqueren des Rohrs mobil gemachten Hechte finden sicherlich die kleine Lücke, wo sie sich unter dem Netz hindurchstehlen können.
Nicht immer gelingt es, den Hecht mit dem ersten Stoß ins Netz zu treiben. Wenn der Schlag ihm nicht alle Besinnung raubt oder wenn ein Windhauch die Rohrhalme so stark bewegt, daß man den Standpunkt des aufgestöberten Fisches nicht genau erkennen kann, dann wird die Sache schon schwieriger. Dann schiebt sich der Hecht sacht bis ans Netz hinan und streicht daran entlang, bis er das Ende gefunden, oder er schnellt mit mächtigem Schwung durch die Luft über die obere Simme hinweg. Geradezu aufregend wird diese Art von Fischerei, wenn man einen recht großen Fisch antrifft und ihn, um einen waidmännischen Ausdruck zu gebrauchen, verprellt hat. Oftmals nämlich kommt es vor, daß der Hecht, von der Stange erschreckt, aber nicht getroffen, gegen das Netz geht, jedoch so vorsichtig, daß er sich keinen Beutel ausstößt. — Dann drückt er sich vor dem Netz hin und her und muß erst wieder ins dichtere Röhricht getrieben werden, wo man seine Bewegungen deutlich verfolgen kann. Aber wenn dann ein Stoß gesessen hat und die Korke zu tanzen beginnen, dann heißt es die Muskeln ampannen, um schnell ans Netz zu gelangen. Das ist manchmal kein leichtes Stück, denn so leicht der zu dieser Fischerei verwendete Kahn auch ist, so erfordert doch das schnelle Durchbrechen eines Binsen- oder Krautkamps eine außergewöhnliche Anstrengung.
Vielleicht geht der Leser, der meiner Plauderei ein halbes Stündchen geopfert hat, mit mir nicht zu scharf ins Gericht, wenn ich nun behaupte, daß die Fischerei ebenso zur Passion werden kann, wie die Jagd. Wer freilich nur die Angler beobachtet hat, die an einem fischarmen Gewässer stundenlang in stumpfer Gemüthsruhe auf einen Biß warten, oder die Fischer, die mit dem Schleppnetz geduldig Zug um Zug thun — der hat noch nicht erfahren, daß das Angeln und Fischen soviel spannende und interessante Momente bietet.
Die Hausfrauen, denen diese Zeilen zu Gesicht kommen, werden daran vielleicht noch etwas anderes auszusetzen haben: meine Vorliebe für große Hechte. Denn im Allgemeinen werden eben die großen Exemplare dieser Fischart in culi- narischer Beziehung etwas gering geschätzt. Das Fleisch soll trocken und zähe sein ... Da ich jedoch diese Ansicht nicht theile und ein gutmüthiges Exemplar der Spezies homo (soll ich sapiens dazu schreiben?) bin, so will ich auch das Recept mittheilen, das mich zu dieser abweichenden Meinung gebracht. Also: man nehme einen Hecht, ob man ihn kauft oder selbst fängt, ist mir gleichgiltig, er kann getrost zwölf Pfund und darüber wiegen. Dann spickt man ihn mit Speck, wie einen Hasen, legt ihn auf eine Unterlage von Speckscheiben in die Bratenpfanne, deckt ihn mit einer zweiten Speckschicht von oben zu und thut noch ein Stück Butter hinzu. Wenn er halb gar ist, fügt man saure Sahne und einige Wacholderbeeren hinzu und — doch das Urtheil will ich den gestrengen Eheherren überlassen. Ich hoffe, dies Recept wird meine culmarischen Fähigkeiten bei allen Hausfrauen, die es erproben, ins Helle Licht setzen!
Für die größte Delicatesse jedoch erkläre ich die inneren Theile des großen Hechts. Von der Hechrleber spricht schon so wie so jeder Feinschmecker mit der größten Hochachtung. Ich behaupte aber, daß auch Magen und Eingeweide, gespalten und sauber gereinigt, denselben Beifall finden werden, wie der als Hase behandelte Brathecht. Ich kenne sogar Leute, deren Leidenschaft für diesen Leckerbissen vor keiner That zurückschreckt. Vor drei Jahren hatte ich mich zur Sommerszeit für einige Wochen in ein einsames Dörfchen am Spirdingsee vergraben, um meiner Passion für den nassen Sport nach Herzenslust zu frönen. Da führte ihr Beruf eines Abends zwei Fischereibeamte des Generalpächters an den kleinen Ort. Beiden war das Glück hold gewesen, denn jeder hatte in seinem Hüttkasten einen gewaltigen Hecht. Triumphirend zeigten sie sich ihren Fang. Und wie sie die mächtigen Exemplare mit einander verglichen, da las der eine auf des andern Lippe die unausgesprochene Frage, ob die Delicatesse, die von so vielen Leuten achtlos fortgeworfen wird, ihren Beruf so gänzlich verfehlen sollte. War es Jankel, der es zuerst aussprach, oder war es Simon — beide behaupten, es sei der andere gewesen — kurzum, nach wenigen Minuten hatten die beiden Feinschmecker den Hechten durch die Kiemenspalte mit einem gekrümmten Draht die Eingeweide herausgezogen. Und nach einer Stunde, da wischten wir uns schmunzelnd den Mund- die „Kischken", wie man dort in jüdisch-polnischen Jargon diese Delicatesse nennt, hatten zu köstlich geschmeckt. Dann wurden die Bäuche der Hechte, die unnatürlich dünn erschienen, durch die Kiemenspalte geschickt mit kleinen Fischchen gefüllt, und nun konnten die beiden Hechte den Weg in die weite Welt antreten. Der Zufall fügte es jedoch, daß in der Familie des Generalpächters ein großes Fest stattfand, und zum Festschmaus wurden nicht aus Zufall, sondern ihrer imposanten Größe wegen gerade diese beiden Hechte ausgewählt.
Aber welch ein Schrecken überfiel die dienstbaren Geister, als sie beim Zerlegen das Wunder ersahen, daß diese gefräßigen Raubthiere Herz, Leber, Magen und Eingeweide von sich gethan hatten, um nur mehr Fischlein verschlingen zu können. Der Hausherr jedoch kannte seine Pappenheimer. Und als sie mit Zittern und Zagen zum Festmahl erschienen, da — wurde einem jeden ein gehäufter Teller winziger Fischlein lervirt. Simon und Jankel jedoch heißen fortan die „Kischkenfresstr". Wenn sie aber jetzt Appetit auf ihre Delicatesse verspüren, dann liefern sie wenigstens die Hechte nicht mehr in die Küche ihres Brotherrn. Und sollte einer Leserin mal ein Hecht mit gleich abnormem Körperbau vor das Messer kommen, dann kann sie sich wenigstens das Wunder erklären!
Redaction: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


