Ausgabe 
17.7.1898
 
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eine schöne Blattpflanze oder einen raffinirt geordneten Blumenstrauß in ihrer Nähe gehabt.

Eine Pause im Gespräch belehrte Heinrich über seine Unaufmerksamkeit. Ec wollte sie verschleiern, irrte mit den Blicken zum Fenster und sprach:Es wird ein köstliches Wetter heute."

(Fortsetzung folgt.)

Die Bewohner des Aehrenfeldes.

Von Hermann Greiling.

------- (Nachdruck verboten.)

Giebt es wohl einen erquickenderen Änblick, als ein blühendes Getreidefeld? Eng an einander geschmiegt, ragen die Tausende schlanker Halme kerzengerade empor, die üppig entwickelten Aehren wie Köpfe in die Luft streckend. Zwischen ihnen prangen die blauen Cyanen und rothen Kornraden, an den dünnen Stengeln ranken sich die klettergeschickten Wicken und Winden empor, und mit den beweglichen Aehren spielt der Wind, so daß das goldene Feld einem wogenden Ozean gleicht. Ein glühender Sommertag liegt über der roeiten Flur, nur leichte, weiße Cirruswölkchen schmücken hier und da den tiefblauen Himmel. Wie ruhig, wie einsam Alles umher! Nur die Stimmen der Heimchen und Zirpen erklingen -aus dem Gra e, und hoch oben im Aether jubilirt eine Lerche. Wir lassen bewundernd unfern Blick über das wogende Aehren- feld ichweifen wie Majestät! ch-ruhig es daliegt! Und das -foH bewohnt sein? Wo stecken denn da die Bewohner?

Wir brauchen nicht lange nach ihnen zu suchen. Das Feld ist voll von ihnen, großen und kleinen. Selbst ein Mensch würde sich unter dem üppigen Gräserheer mit leichter Mühe unsren Blicken zu entziehen vermögen, wie viel mehr die kleinen vier-, zwei- und sechsfüßigen, die geflügelten und ungeflügelten Bürger dieses Terrains, für welche die Halmen­flur ein ungeheurer Wald ist. Die Lerche dort oben, deren herrlicher Gesang uns begeistert, gehört auch zu ihnen. Sow >hl die Feld- als die Haubenlerche gründen sich ihr kleines Nest in einer Vertiefung des Getreideackers, von Lessen Erzeugnissen den Spitzen der zarten Getreideschöß- ünge sie sich im Frühling ernähren. Das Nest besteht aus kleinen Würzelchen, Härchen und Hälmchen, das Gelege aus fünf, auf gräulichem Grunde brauugefleckten Eiern. Obwohl die Saat Anfangs noch tief steht, ist das Nest doch schwer zu finden, da die Eier wie auch der Vogel selbst die Farbe des Bodens besitzen. Die Haubenlerche verräth uns häufig aber selbst ihren Zufluchtsort durch das sogenannte «Rütteln", indem sie, nachdem sie längere Zeit mit flatterndem Flügelschlag auf ein und derselben Stelle in der Luft ver­harrte, plötzlich senkrecht herabstößt. Des gleichen Schutzes durch ihre Aehnlichkeit mit der Farbe ihrer Umgebung er­freuen sich die Eier und Jungen des Rebhuhnes und der Wachtel, gleichfals Bewohner des Aehrenfeldes, deren ebenso wie der Lerche außer Jnsecten und Würmern die frischen Spitzen der jungen Saat zur Nahrung dienen. Beide legen ihr Nest ebenfalls in Bodenvertiefungen an, die Zahl der Eier beträgt bei dem Rebhuhn zehn bis zwanzig, bei der Wachtel acht bis sechzehn. Erstere haben eine graugrünliche Farbe, letztere sind gelb mit braunen Flecken. So häufig man Rübhühner in Begleitung ihrer flinken, zierlichen Schaar erblickt, so selten gelingt es uns, eine Wachtel zu Gesicht zu bekommen, so laut und häufig auch ihr traulichesPickberwick" in unsere Ohren tönt. Ein weniger willkommener Gast im Getreidewald ist unseren Landleuten die Trappe, ein ansehn­licher, hühnerartiger Vogel von Putergröße, der mit seinen langen, kräftigen Beinen fast einem kleinen Strauße gleicht. Auch sie trägt auf ihrer Oberseite die Farbe ihrer Um­gebung, denn sie ist vorwiegend ackerbräunlich und schwarz gewellt. Ihre Länge beträgt über 1 Meter, ihr G wicht bis 32 Pfund. Das Weibchen ist kleiner und leichter. Bevor sie in einer selbst gescharrten Vertiefung ihr Nest

bereitet, wartet sie ab, bis die Halme hoch genug stehen, um ihr Schutz zu bieten. Ihr Gelege besteht nur aus zwei bis drei olivgrünen, gefleckten Eiern, die aber fast die Größe von Gänseeiern besitzen. Sie ist fo scheu und vor­sichtig, daß man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Den Jäger scheint sie dabei von dem gewöhnlichen Landmann und von einem gewöhnlichen Spazierstocke scharfsinnig zu unter­scheiden. Es ist leicht einzusehen, daß ein so großer Vogel, der außer Kerbthieren mit Vorliebe junge Saatpflanzen und Getreidekörner verzehrt, beträchtlichen Schaden anrichtet und das Wegfangen von Mäusen, durch das die Trappe sich andererseits hervorthut, bietet dafür kein ausreichendes Aequivalent.

Die Feldmaus (Arvicola atvalis) nimmt ebenfalls ihr Quartier im Getreidefeld, nur bewohnt sie nicht das Parterre, sondern das Souterrain. Auch kommt sie nicht vereinzelt vor, sondern in Massen, und fügt daher dem Getreide be­deutenden Schaden zu, da sie nicht nur ihren Bedarf be­friedigt, sondern auch noch ihre Vorrathskammern bis an die Decke füllt. Ihr unterirdischer Bau ist nämlich gar kunst­reich hecgestellt, mit Genist ausgepolstert, durch fünf bis sechs Eingangsthüren von allen Seiten zugänglich und mit mehreren Vorrathskammern versehen. Die ungeheure Frucht­barkeit dieses unbeliebten Nagethieres spottet aller ange­wendeten Gegenmittel. Doch das Souterrain unseres Ge­treideackers enthält noch mehr Wohnungen. Der Hamster richtet sein Heim noch künstlicher her als die Maus. Er überläßt ihr die oberen und nimmt für sich die tieferen Räume in Anspruch. Seine eirunde, glittwandige Kammer liegt 1 bis 2 Meter tief unter der Erde, die Polster sind von weichem Gras, mehrere Vorrathskammern stehen mit ihr in Verbindung, eine Eingangs- und eine Nothröhre vermitteln die Verbindung mit der Außenwelt. Der Hamster bringt bis zwölf, ja sogar bis sechzehn Junge zur Welt, und da er sich fast ausschließlich von Körnern und Hülsenfrüchten ernährt und in seinen Backentaschen auf einmal 400 Gramm Getreidekörner davonschleppen kann, so läßt sich dieVor­liebe" des Landmanns für den habsüchtigen Ge ellen wohl begreifen, findet man doch allein in seinen Vorrathskammern oft 30 Pfund Körner! Als Baumeister übertrumpft sowohl die Feldmaus als den Hamster der Maulwurf, der zwar nicht zu den eigentlichen Bewohnern der Getreidefelder gehört, aber seine zahllosen Gänge unter ihnen hinzieht.

Wir sehen hieraus, daß der Boden unter unserem scheinbar so friedlichen Getreidewald so unterminirt ist wie das Pflaster einer Großstadt, unter dem Wasser- und Gas­leitungsröhren, Canäle, Abflußröhren, Kabel, Rohrpost­röhren u. i. w. einträchtig neben- und übereinander dahin­laufen. Haben wir doch mit unserer Darstellung das Röhren­system im Ackerboden noch nicht einmal erschöpft. Dicht unter der Oberfläche, also gewissermaßen im Obersouterrain, finden wir noch eine zahlreiche Gesellschaft Grillen und Heimen, von denen jede eine Wohnung für sich inne hat. Die kleine Feldgrille begnügt sich mit kurzen Röhren, nicht viel umfangreicher als ihr eigener zierlicher Körper, während die erheblich größere, wunderlich geformte Maulwurfsgrille (auch Werre oder Erdwolf genannt) ein eiförmiges Nest mit schneckenförmig gewundenen Gängen anlegt, dessen Wände mit Speichel befeuchtet und dann geglättet werden. Nicht nur durch das fortwährende Unterwühlen und Auflockern der Wurzelerde der Halmen macht sich daher die Maulwurfs­grille unnütz, sondern auch durch Verzehren und Abbeißen der Pflanzen- und Wurzeltheile, so daß sie bei Mafienauftreten zu einer äußerst gefürchteten Feindin des Feldbaues wird. Als harmloser ist der Regenwurm anzusehen, der gleichfalls wie überall so auch hier seine engen Röhren wühlt, wogegen die Engerlinge, die bekannten Larven unseres Maikäfers, hinsichtlich der Schädlichkeit mit den Werren, deren Vorliebe für Pflanzenwurzeln sie theilen, auf einer Stufe stehen.

Wahrlich, so ein Getreidefeld ist die reine Mieths- caserne! Nur gemach, wir sind noch lange nicht zu Ende.