Ausgabe 
17.7.1898
 
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Jahre ab so selbstständig, wie unsere Leute mit fünfundzwanzig, sie verdienen. Zweitens gründen sie ihren Haushalt unter so viel Entsagung! Wollten unsere jungen Damen und Herren die Hälfte davon aufwenden, brauchten sie ihre Ideale nicht vor der Ehe an den Schuhsohlen abzulaufen. Drittens aber willst Du die Natürlichkeit des Daseins verunglimpfen. Es ist ihr Naturrecht, mit zwanzig Jahren an die Ehe zu denken, und allein Eure widersinnige Cultur mit Examina, Stand und Einkommen macht es Euch unmöglich."

Hilde sprach feurig, sie war erblaßt. Tauchlitz schüttelte den Kopf über sie, Irmgard verließ das Zimmer, nur Holl­mann rief aufrichtig:Woher hast Du diese Erfahrung, Hilde? Um sociale Fragen bemühst Du Dich auch?"

Ja," sagte sie.

Wie stellst Du das an?"

Nachahmenswerth nicht," wies sie ihn ab, daß er die Lippen biß.

Irmgard kehrte zurück und zerstreute sofort die ernste Stimmung wieder, Hilde ließ sie gewähren- der Schwester sorgliche Art hatte die Wohnung zierlich eingerichtet, daß man genug des Einnehmenden zu sehen bekam in den wenigen Räumen, die ein Oberlehrer bezahlen kann, wie Hollmann äußerte. Nun sprangen auch die Kinder herzu und begrüßten zärtlich die Bekannten, schüchtern den Fremden. Danach bat die Hausfrau zu ihrem Abendessen, das allerliebst her­gerichtet war- übrigens aßen die beiden Knaben ihre Weißbrod- schnittchen manierlich und possierlich am Tische der Großen mit; auch ein Studienfreund Hollmanns, der in letzter Minute kam, mußte Irmgards Aufforderung zur Theilnahme Folge leisten.

An dieser Belästigung bin ich unschuldig," sagte der große blonde Mann, Held Siegfried, wie sie ihn spottend rannten, ,-Jhr Abendessen hielt ich für längst überwunden. Jndeß, ich halte dankend mit, weil der Magen, gewissen Damen zufolge, nun einmal meine schwache Seite ist."

Stärkste Seite, wollen Sie sagen, neben den anderen schwachen," lachte Irmgard, indeß Hilde aus abwesenden Gedanken die Blicke auf ihn richtete.

Er schien tief berührt von diesem großen verschleierten Auge, denn unschlüssig fuhr er mit der Gabel auf dem Teller herum, worauf er sich zurücklehnte und schnell mit Wulffen ein Gespräch anknüpfte, weil er dessen aufmerksames Beobachten wohl gewahrt hatte.

Sie werden es mir am meisten nachfühlen, Herr Wulffen, wenn ich mich unter dem häuslichen Dach meines Jugendfreundes geduldig mißhandeln lasse, es bleibt wirklich die einzige Gelegenheit, ihm nahe zu kommen. Als er gleich mir noch überzeugter Junggeselle war, bedurfte es freilich nur eines verabredeten Pfiffs unter dem Fenster, um den Anderen herunter zu locken es war eine köst­liche Zeit."

Na ja," sagte Frau Irmgard schalkhaft.

Sehen Sie," fuhr Wiedebach fort,da geht das Zerren mit mir armen Bären schon an. Sollte es Ihnen, nachdem Ihnen die Zeit den Reiz der Neuheit genommen, ähnlich ergehen, bitte ich Sie zum gegenseitigen Trost zu mir."

Denn dort werden Sie allerhand leere oder halbvolle Cognakflaschen, viel Tabak und gute Sophas finden," er­gänzte Hollmann.

Behufs Deiner geistigen Anknüpfung," setzte Tauchlitz hinzu,gebe ich Dir, Heinrich, noch einige Anhaltspunkte: Unser Freund, Hans Wiedebach, ist der Sohn eines unserer angesehensten Prediger, selbst dagegen Atheist, von Beruf Mediciner, dabei keine Heilkraft anerkennend, als die Indi­vidualität, Junggeselle, aber überzeugt, das einzige Heil des Daseins liege in der harmonischen Ehe! Du wirst be­greifen, daß es nicht ganz leicht für Freund Wiedebach ist, zu leben und derart behaglich auszusehen."

Wiedebach warf eine Bemerkung dazu, das Gespräch verpuffte in Irmgards Lachen- bald nach dem Abendessen

gingen die Drei- denn Wiedebach hatte im Arbeitszimmer des Hausherrn eine Besprechung vor.

Von der Treppe mußte Tauchlitz noch einmal umkehren, die Kinder wollten nicht schlafen, ehe zihnen Großpapa nicht am Bett gute Nacht gesagt hätte. Wulffen und Hilde standen allein unten. Sie sahen sich nicht an und sprachen nichts. Erst als sie die Schritte des Landraths auf der Treppe hörten, fragte Heinrich:So still, Fräulein Hilde? Fehlt Ihnen etwas heute Abend?"

Etwas? Alles! Wie klein ist das um uns her! Ich bleibe schon lieber zu Hause für mich allein," sagte sie mit erstickter Stimme.

Ihr Vater kam hinzu und redete ihn an. Hilde schritt gesenkten Hauptes vor ihnen her, die Dunkelheit erlaubte ihm, sie nicht aus den Augen zu laffen. So fremd blieb ihre Art selbst in der Familie! So jung und so allein! Wie Viele mochten Ines jetzt umdrängen!

Nachdem man sich getrennt hatte, verweilte Heinrich noch längere Zeit am offenen Fenster in bleischweren Gedanken.

Langsam wandte er sich nun zu dem einfach weißen Bett betroffen blieb er davor stehen. Die selbstgearbeiteten Decken der Mutter fielen ihm ein jetzt kannte er ein Verständniß, einen Sinn für die schlichten Dinger.

Fast unmöglich wurde ihm das Liegen, zu dem er sich zwang. An Schlaf war nicht zu denken- erst nach stundenlangem Warten schob er sich zwischen die glänzenden Funken und Wirrnisse, die Heinrich umtanzten.

Er träumte, ihm war es, als erblicke er zwischen glühenden Wolken eine Gestalt, Hilde. Ich will schon lieber nach Hause, sagte sie. Bleib! schrie er- da lächelte sie und kam über die feurigen Nebel fort eiligst auf ihn zu- fest schlang er den Arm um sie. Herzu zu mir, sprach er laut, daß er davon erwachte und noch ihre beiden gefalteten Hände an seinem Halse, und seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen fühlte.

Hatte er je ähnliche Empfindungen von der Zusammen­gehörigkeit zweier Menschen gehabt?

Sein Zimmer verließ er erst, als Tauchlitz die Treppe hinunterstieg. Sie begrüßten sich und gingen zusammen nach dem Eßzimmer, wo Hilde beim Kaffee wartete und die Brödchen mundgerecht machte.

Wie wohlig muthete dies Alles nun wieder an! Das große Gemach besaß drei Fenster in einer Reihe, durch welche Luft und Duft des frischen Morgens strömten- zarte Vorhänge, über die ein grauer, mit rother Seide bestickter Shawl fiel, umrahmten sie. Oben an der Schmalwand stand ein Sopha, dessen hellgrauer Damast die stilistrte rothe Seidenstickerei die Uebergardinen wiederholte. Oberhalb desselben hatte man ein Zierbrett mit altdeutschen Trink­gefäßen besetzt. Darüber hing ein Spruch in altdeutschen Buchstaben auf graues Packpapier gemalt und von dunkler Eichenleiste umrahmt. Der Spruch selbst hatte ihn in seiner trotzig-düsteren Sprache schon gestern beschäftigt.

Ein kluger Rittersmann behält's Gemäss beim Gelage an.

Wer heißt Euch in streitbarer Zeit ganz zu ruh'n Und beim Genuß Schild wie Speer abzuthun?

Für ein Eßzimmer konnte Heinrich sich nichts Sinn­volleres denken, als diese grüblerischen Worte. Vom wem stammten sie?

Hinter ihnen an der Wand wußte er ein Bücherspind und ein Buffet von dunkel gebeiztem Eichenholz in geraden, einfach wirkenden Linien, dann kam ein bunter Ofen grün und braun nächst diesem eine große, schöne Stand­uhr neben einem originellen Credenztisch.

Vor ihm an der Frühstückstafel saß Hilde. Das Licht vom Fenster aus umwob sie gar lieblich, wovon sie in ihrer unbekümmerten Art nichts wußte, sie hörte dem Vater voll­kommen von sich abgezogen zu. Irmgard hätte das nicht vermocht. Diese liebte es, ihre Umgebung auf sich zuzu- spitzen und hätte, wie er gestern wohl sah, auch hier sicher