Nr. 109
1898.
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M
M in trüben Kummertagen Dir das müde tzerz verzagen, Steht Dir Trost und Hilfe fern, Flucht' in Deine stillste Kammer Und vertraue Deinen Jammer Deinem Gott und Deinem Herrn. I. Sturm.
Felsgarten.
Roman von Clara Bucker.
(Fortsetzung)
Hilde trat ins Zimmer. Sie trug ein spitzenbesetztes Kleid und sah darin besonders zart aus.
Sie bot den Herren Likör und Cigarretten, saß dann wie eingesponnen in ihrer Art bei ihnen und trank ihre Milch, als enthielte die Tasse Luft. Sie verschmäht den Alltag mit uns nicht, aber sie lebt innerlich über ihm, dachte Wulffen.
Die schattige Promenade zur Stadt gingen sie, die Männer im Gespräch, Hilde für sich und voraus. Sie war so still und in sich gekehrt, daß Heinrich seine Räthsel- lösungen schwerer fand, als er vorher gedacht hatte.
Vor einem besseren Miethshause machten sie Halt,' nachdem zwei Treppen erstiegen waren, blieb noch die Meldung eines Dienstmädchens zu überstehen, ehe Irmgard ihnen entgegeneilte- hinter ihr her kam langsamer der Oberlehrer Hollmann.
Irmgard mochte größer und voller gewachsen sein, als ihre Schwester, ihr Gesicht, regelmäßiger und blühender, wurde von einer natürlich krausen Haarwelle, die goldblond schimmerte, gleichsam idealisirt. Nur die großen, hellblauen Augen besaßen einen unveränderlich gleichmäßigen Ausdruck, der von geringer geistiger Regsamkeit sprach. Kannte sie diesen Fehler? Sie forcirte das Spiel ihrer Blicke etwas, jedenfalls ohne Ahnung, wie unnatürlich dies für sie war.
Sehr freundlich äußerte sie sich über Heinrichs Kommen, ja, sie machte ein kleines Fest daraus, einen Spielkameraden ihrer Kinderzeit und der goldigen Tante Wulffen Sohn hier haben zu dürfen.
Hollmann lächelte dazu wie zu einem gelungenen Extemporale seines Primus, ja, er schien es zu lieben, bei fast gleichen Jahren den Aelteren, Besonneneren gegen das Frauchen herauszukehren, was sie sich dagegen herzlich gerne
gefallen ließ. Ihrem Hauswesen zeigte sie sich dagegen als verantwortungsvolle Herrin, das Pflichtbewußtsein, wirkte in ihrem weichen Gesicht sehr anziehend.
„Die Kinder sind mit dem Mädchen aus- die müssen Sie sich nachher noch ansehen, Heine, und entscheiden, ob ich ein Recht habe, stolz zu sein. Hilde, nimm doch den Hut ab, Ihr bleibt zum Abend hier, natürlich. Ich muß hören, wie es Tante geht und was der Heine eigentlich treibt in der Welt."
„Ihr Bruder ist der Offizier und Sie der Gutsbesitzer?" fragte Hollmann nun, bemüht, dem Gaste sein Verständniß zu zeigen. „Dann erzog die Wulffen ihre Söhne ja zu den ältesten und menschlich natürlichsten Berufsarten, für den Nähr- und Wehrstand."
„Kain und Abel?" bemerkte Wulffen lachend. „Bloß todtgeschlagen haben wir uns noch nicht. Es bliebe auch kein Grund dazu, denn Franz ist ein Götterliebling in jeder Weise."
„Oh!" rief Hollmann. „In dem Ausspruche liegt Unzufriedenheit mit sich selbst."
„Gewiß nicht," sagte Wulffen. „Mein Stand ist mir ganz nach dem Herzen!"
„Haben Sie auf Ihren Gütern bereits mit der Unzufriedenheit des Volkes zu thun?"
„Oh ja. Das kommt schon vor."
„Schrecklich, wie die Ansprüche um sich greifen und das Volk durchsetzen," räsonnirte Hollmann. „Von Noth reden und schreien sie, dabei sind die meisten Lustbarkeiten unter ihnen im Schwange. Wo jauchzen und kreischen sie am tollsten?"
„Wo die Menschen noch am natürlichsten fühlen, im Volke, lieber Schwager," antworte die stille Hilde fest.
„Heldin Hilde ergreift das Schwert," spottete Irmgard nicht ganz so liebenswürdig wie vorher. „Laß doch die Männer reden, was verstehen wir von den Leuten!"
„Ich will etwas davon verstehen," antwortete Hilde kurz. „Menschliches liegt der Frau ebenso nahe wie dem Manne."
„Laß doch den Unsinn, Hilde," sagte Hollmann. „Zugegeben, Deine Arbeiter oder ganz Armen sollen bei ihrem Schnaps und Tanz vom Alltagsleben aufathmen, so brauchen sie deshalb noch lange nicht das Gemeinwesen und den Staat zu belästigen, wie kein anderer Stand. Sie heirathen mit zwanzig Jahren, Haden eine Last Kinder und einen Haushalt, daran wir noch lange nicht denken dürfen."
„Erstens," sagte Hilde, „sind sie von ihrem vierzehnten


