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möglicherweise auf eine Speculation der Zeugin hinausläuft. . . . (Eine Dame im Zuschauerraum ruft „Pfui! Wie gemein!")
Staatsanwalt: Ich fühle mich verpflichtet, diese Insinuation des Vertheidigers energisch zurückzuweisen.
Zeugin (weint.)
Staatsanwalt: Man braucht nur einen Blick auf die rührende Leidensgestalt dieser Märtyrerin zu werfen ... (er wischt sich die Augen, die Damen im Zuschauerraum fangen an zu schluchzen), um die ganze Gefühllosigkeit des Angeklagten zu durchschauen.
Vertheidiger (boshaft): Wenn der Herr Staatsanwalt sentimental wird, so geht daraus hervor, baß seine Gründe nicht fest genug sind. Er wendet sich an das Herz der grauen; hier aber, meine Herren, haben Gott sei Dank noch wackere, klardenkende Männer ein Urtheil zu fällen. . . | (Zischen im Publikum).
Vorsitzender: Mein Fräulein, haben Sie denn Grund zu der Annahme, daß der Angeklagte Sie zu Schaden bringen wollte.
Zeugin (nach einer Weile des Ueberlegens): Ach nein! (Eine Dame im Zuschauerraum: „Wie edel!" Man weint wieder.) ,
Staatsanwalt (bewegt): Diese Antwort macht Ihnen Ehre, indessen wir haben hier nicht Regungen der Großmuth zu gehorchen. Der Angeklagte hat zugegeben, daß vor fünf Jahren ein Verlöbniß zwischen Ihnen bestand, das jedoch gelöst wurde. Wollen Sie uns sagen, von welcher Seite dies geschehen ist. (Allgemeine Spannung).
Zeugin (tonlos): Mein Gott, ich ■ (zögernd). Wenn ich gewußt hätte, daß hier solche Dinge zur Sprache kommen — (stockt).
Vertheidiger: Ich will der Zeugin zu Hilft kommen. Ich habe mich bisher von dem Taetgesühl meines Clienten verführen lassen, zu schweigen, aber das kann ich mit meiner Pflicht als Vertheidiger nicht mehr vereinbaren. Jenes famose Verlöbniß ist von dem Angeklagten gelöst worden. (Sensation, Entrüstungsrufe.)
Staatsanwalt: Dann haben wir ein psychologisches Räthsel vor uns und die That des Angeklagten ist um , so verdammenswerther. — (Zeugin weint) — Fassen Sie sich, mein Fräulein, der Vertheidiger hat das humoristische Bestehen, es Ihnen als Verbrechen anzurechnen, daß Sie sich den Fuß gebrochen baden (stürmische Heiterkeit), damit die Engelsunschuld seines Clienten strahlend hervorgehe aus dieser Anklage. .
Vorsitzender: Mein Fräulein, wann haben Sie den Angeklagten wieder gesehen?
Zeugin: Etwa vierzehn Tage vor jenem Balle.
Vertheidiger: Angeklagter, wie begegnete Ihnen Ihre ehemalige Braut?
Angeklagter: (schweigt).
Vertheidiger (enttäuscht): Zeugin, können Sie es leugnen, daß Sie dem Angeklagten nach jener ersten Begegnung einen Brief schrieben, in welchem Sie ihm einluden, Sie zu besuchen, und ihn baten, das Vergangene zu vergessen? (Murren.)
Staatsanwalt: Das würde, selbst wenn es wahr wäre, kein Grund dasür sein, daß der Angeklagte der Zeugin zu einem Beinbruch verhalf. (Heiterkeit.)
Zeugin (erröthend): Es ist wahr, ich habe ihm geschrieben. , , _
Vertheidiger: Erinnern Sie sich eines zweiten Brieses, welcher davon handelte, daß Sie nicht die Liebe meines Clienten wünschten, sondern seine Freundschaft? Sie erinnern sich nicht, gut, hier ist der Bries.
Staatsanwalt: Mein Gott, wes hat denn das alles mit dem Beinbruch zu thun? Es kann nur ein gutes Licht auf die Zeugin werfen.
Vertheidiger: Sie werden zugeben, daß sich thatsächlich ein gewisses sreundschastliches Verhällniß zwischen Ihnen entwickelte. . - .
Zeugin (schwer): Ja — ein rein sreundschastliches . . Mein Gott, wie konnte ich ahnen . . .
Vertheidiger: Und daß Sie es waren, die meinen Clienten veranlaßt hat, jenen Ball zu besuchen .
Zeugin (verlegen): Mein Gott, er ... er suhlte sich so einsam . . .
Vertheidiger: Daß Sie es waren, die ihn durch ein gewonnenes „Vielliebchen" zwangen, nach siebzehn Jahren wieder zu tanzen ... und mit Ihnen . . . Sie, die wußten, daß er schlecht tanzt . . .
Zeugin (sehr verlegen): Ein Scherz . . .
Vertheidiger (einen Brief hervorziehend, trimnphirenb): „Meine Herren, hoher Gerichtshof! Dieses Schriftstück fiel zufällig in meine Hände. Es hat den Vorzug, meinen Clienten zu entlasten und zugleich ein scharfes Licht auf die Wege zu werfen, auf denen heutigen Tages die Mädchen unter die Haube kommen — wollen. (Große Bewegung.) Dieser Bries ist vom Vorstände des „Vereins zur Ausrottung der Junggesellen", deren Vorsitzender sich heute hier burdi allerlei Zuruse bemerkbar gemacht hat — (im Zuschauerraum fällt eine Dame in Ohnmacht), an die Zeugin gerichtet und eine Antwort auf die Anfrage. Er lautet ganz kurz: „Verehrtes Mitglied! Wenn Sie ihn — „Ihn" mit Gänsefüßchen — soweit haben mit der „Freundschaft" und ihn — wieder mit Gänsefüßchen — sonst als Ehrenmann kennen, dann brauchen Sie einmal die in § 134 unserer Instruction am gesührten, mit „Die letzten Mittel" bezeichneten, unfehlbaren Anweisungen. Ihr ergebenster „Verein zur Ausrottung der Junggesellen". Postskriptum. Wir bitten um Einsendung des letzten Monatsbeitrages!" Dies der Brief. Und nun meine Herren die Instruction: „§134. Die letzten Mittel. Absatz 1- Fassen Sie „Ihn" bei seiner Ehre. Das erreichen Sie dadurch, daß Sie sich mit „Ihm" irgendwie öffentlich compromittiren. — Absatz 2. Fassen Sie „Ihn" von der Gerichtsseite. Wenn Sie durch seine Schuld beit Arm brechen können ober gar bas Bein, so wirb es ein Leichtes sein, „Ihn" zur Heirath zu bewegen, da er Sie nicht gern unglücklich sehen wird. In der Ehe können Sie sich für den Schaden revanchircn, heirathet er sie nicht, dann steht ihnen jedenfalls ein Ersatzanspruch zu . . (Während der Verlesung haben sich die Damen aus dem Auditorium in wilder Flucht entfernt.) Und nun Fräulein Zeugin . . .
Zeugin wird ohnmächtig hinausgetragen.
Die Verhandlung endigte mit der Freisprechung de§ Angeklagten.
GsinelirirÄtztgeO.
Kalbskeule gevämpft. Zehn Personen. Bereitungs- i ,cit 3 Stunden. — Eine gut abgelegene Keule wird gehäutet, gespickt und in eine passende Pfanne gelegt mit 125 Gramm siedender Butter übergossen, der man 1/i Liter starke Bouillon aus Liebigs Fleisch Extract zusetzt. — Nachdem das Fleisch hierin langsam 1 Stunde gedämpft wurde, schüttet man nach und nach Vi Liter sauren Rahm zu, dämpft es eine weitere halbe Stunde, nimmt dann den Deckel von der Pfanne und läßt die Keule, unter fleißigem Begießen, auf der Oberseite braun werden. — Aus dem Fond genommen, schlägt man diesen durch ein Sieb, verkocht ihn mit einigen Löffeln weichgedünsteten, gröblich gehackten Morcheln ober Champignons, schärst ihn mit etwas Citronensast und reicht bie sehr wohlschmeckenbe Sauce zu bem tranchirten Braten.
Redaction- I. V.: Hermann EU-. Druck und V-rlag d-r Brüh-'sch-n Unw-rfitat-.Buch. und St-indruck-r-i (Pi-tsch & Sch-Yda) in Gi-ßm,


