Ausgabe 
17.4.1898
 
Einzelbild herunterladen

230

gewesen, selbst herein und sagte, während der Schaum in den Gläsern perlte:

Heuer fängt's gut an, wir haben erst Juni und schon eine Verlobung. Sie müssen nämlich wissen, daß selten ein Jahr vergeht, ohne daß wir hier aus dem Gießbach ein

geschah etwas Seltsames. , \

Einen Schrei ausstoßend, stürzte Meta vorwärts und . lag im nächsten Augenblick in den Armen des ihr kurz zuvor - noch so unwillkommenen Gastes. Wer von Beiden den Anderen zuerst umfangen, das hätten später weder die Be­theiligten, noch die beiden Zuschauer zu entscheiden vermocht. | Thatsache war nur, daß die Letzteren gar keine Anstalt machten, gegen den ungehörigen Auftritt einzuschreiten und daß Beiden die Augen voll Thränen standen.

Stephan!"Meta!"

Das waren lange die einzigen Ausrufe, welche mau von den vereinten Glücklichen hörte, bis endlich der Amts­rath doch hinzutrat, dem jungen Mann die Hand auf die Schulter legte und sagte:

Aber, Doctor Holten, das ist doch gegen die Abrede!" Was sind Befehle, was sind Versprechen gegen holde, süße Wirklichkeit," antwortete Stephan Holten, ohne die Geliebte aus den Armen lassen zu wollen. Jetzt war es aber Meta, die sich von ihm losmachte, vor ihrem Vater niedersank, sein Knie umfing und seine Hände mit Kliffen bedeckend, schluchzte:

Mein Vater, Du giebst mir Stephan! O, ich wußte es ja: Du konntest nicht für die Dauer unerbittlich bleiben.

Er zog sie empor, küßte sie und sagte mit verstelltem Unrnuth:

Das Kind muß ja doch seinen Willen haben. So nimm ihn denn."

Er reichte dem Doctor die Hand, legte Meta wieder in seine Arme und wendete sich dann zu Elisabeth mit den Worten: r .

Du bist nun gewiß recht stolz auf bte Standrede, die Du mir gehalten hast, zu viel darfst Du Dir aber doch nicht darauf einbilden, denn ich muß Dir sagen, ich war halb und halb mit dem Entschluß hierhergekommen, wenn Meta noch au dem Doctor hing, dem Jammer ein Ende gu machen. Den letzten Ausschlag hat freilich Deine Predigt gegeben, noch an demfelben Abend telegraphirte ich an Holten und lud ihn ein, herzukommen."

Ach, wie sich das zugetragen, ist ganz gleich, die Hauptsache ist, daß es ist," entgegnete Elisabeth, fiel dem Amtsrath um den Hals und küßte ihn herzhaft ab.

Es verging eine geraume Zeit, bevor der erste Freudeu- stnrm sich gelegt hatte und schmunzelnd sagte der Amtsrath:

Es war doch schlau von mir, daß ich das Diner eine halbe Stunde später bestellt habe, als ich Euch angegeben, sonst wäre Alles eiskalt geworden oder zu Pulver verbrannt. Nun aber bitte ich doch, daß Ihr zu Tische kommt, der Mensch hat nicht bloß ein Herz, sondern auch einen Magen."

Er gab das Glockenzeichen und unverzüglich erschien der Kellner mit der dampfenden Suppenschüssel. Dem vorzüg­lichen Mahle wurde jedoch nicht viel Ehre angethan, keiner von den Tischgenossen war in der Stimmung, reichlich zu essen.

Den Champagner, in welchem die Gesundheit des Brautpaares getrunken ward, brachte Herr Hauser, der liebens­würdige Besitzer des Hotels, der ein wenig mit im Complot

glückliches Paar haben."

Erst viel später kam es zum Anssprecheu und Erzählen und da ergab es sich denn, daß der Amtsrath, der seinen zukünftigen Schwiegersohn von Brienz abgeholt, doch ein Compromiß mit ihm geschlossen hatte. Stephan entsagte dem ärztlichen Beruf und wandte sich ganz den Natur- wisseiischasten zu, für die er schon immer große Neigung gehabt. Da er ganz mittellos war, hatte er ein Brod- studium ergreifen müssen, als Schwiegersohn des Amtsraths Wenzel konnte er jedoch, allen materiellen Sorgen enthoben, sich ganz der Wisseitschaft widmeli und diesem blühte bte Aussicht, den Mann seiner Tochter doch einstens als Universitätsprofessor zu sehen, ohne dabei fürchten zu müssen, daß ihm ansteckende Krankheiten ins Haus geschleppt würden.

Die üblen Nachreden, welche der alte ©öbener gegen Stephan geführt, hatten sich, sobald der Amtsrath sich nur etwas näher damit beschäftigt, als Ausgeburten der Bosheit ergeben, und persönlich hatte ihm der junge Mann eigentlich immer zugesagt. Ihre gemeinschaftliche Thätigkeit tn Er­mittelung des gegen des Doclors Schwester begangenen Verbrechens hatte beide Männer einander recht näher gebracht, so war der Amtsrath, wie er seiner Cousine erklärt, schon eigentlich mit dem Entschlüsse nach der Schweiz gekommen, der Heirath seiner Tochter mit Holten nicht länger entgegen zu sein, und nun er das glückliche Paar neben sich sah, konnte er es nicht recht begreifen, wie er sich so lange gegen ihre Wünsche zu sperren vermocht hatte.

Meta hatte von dem Tode Anna Hottens erfahren, aber nicht von der gräßlichen, gewaltsamen Art, in der sie ums Leben gekommen war, nun vernahm sie das Geschehene aus dem Munde ihres Vaters und ihres Verlobten und weinte dem armen Opfer aufrichtige Thränen des Mitleids nach.

Schon vor Stephans Abreise von Greifswald hatte die Schwurgerichtsverhaadlung gegen den alten Göbener statt­gefunden. Die Geschworenen hatten einstimmig das Schuldtg über ihn ausgesprochen und der Gerichtshof ihn zum Tode veruriheilt, die Gnade des Königs dieses Unheil jedoch tn lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt.

Ob das wirklich eine Gnade ist?" fragte Elisabeth Wenzel kopfschüttelnd.Mit einer solchen Last auf dem Gewissen viele Jahre hinter Kerkermauern sitzen!"

Ich glaube nicht, daß Göbener an dieser Last allzu schwer tragen wird," sagte der Amtsrath,und für seine Kinder ist es doch eine Wohlthat, daß er nicht auf dem Schaffot endigt."

Die Schwiegersöhne mit ihren Familien wollen aus­wandern," berichtete Holten weiter.Die Töchter haben versucht, den Vater im Gefängniß zu besuchen und es ist ihnen auch gestaltet worden, er htt sich aber entschieden ge­weigert, sie zu sehen und starr behauptet, er sei für feine Familie gestorben."

Das sieht ihm ähnlich, er bleibt sich selbst getreu," sagte der Amtsrath mit einer gewissen Anerkennung.

Und Adolf? Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie Adolf das Alles trägt?" fragte Meta, die noch immer von dem Selbstmordversuche des jungen Göbener nichts wußte. Ihr Verlobter setzte sie davon in Kenntniß und sie legte über das Schicksal des Jugendfreundes eine so lebhafte Betrübniß an den Tag, daß Holten ganz uuwtlltg sagte: Spare Dein Mitleid für einen würdigeren Gegenstand, liebe Meta, Adolf Göbener verdient es nicht."

(Fortsetzung folgt.)

Haltung und Miene so viel Abweisendes und Unnahbares m legen, daß der Ankömmling, sei er, wer er wolle, sogleich beim ersten Zusammentreffen sich sagen mußte:

Laß alle Hoffnungen hinter Str; für Dich ist btefe Blume nicht erblüht." _ . ......

Beim Eintritt in den kleinen L-aal, tn dessen Mitte ein mit Blumen geschmückter sehr einladend gedeckter Tisch stand fanden sic den Amtsratb und seinen Gast schon anwesend; Beide standen am Fenster und der Erstere hielt hinaus- deutend und erklärend den Arm des Anderen so fest, daß er sich nicht sofort umzudrehen vermochte, obwohl er das Rauschen der Frauenkleider hinter sich vernahm. Trotzdem konnte kein Zweifel darüber fein, daß er ein junger Mann war.

Nun aber wandte er sich, feinen Arm mit einem Ruck aus der Hand des Amtsraths befreiend, um und jetzt