Ausgabe 
17.3.1898
 
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von Dir ausgegangen," sagte Frau Münter mit leisem Borwurf,waS mich aubetrifft"

//Ja, ja, Felicitas," unterbrach sie der Amtsrath, sich mit der Hand über die Stirn fahrend,und es soll auch dabei bleiben. Nimm es mir nicht so genau, ich bin ein Sonntagsschwärmer, so ungefähr, wie es in der Stadt Sonntagsreiter giebt."

Sie wollen verreisen?" fragte Adolf, der nur mit Mühe so lange an sich gehalten, bis der Amtsrath seinen Satz vollendet hatte. Der riß die Augen auf, zog die Brauen in die Höhe und rief verwundert:

Ja, wissen Sie denn das nicht? Hat man Ihnen die große Neuigkeit nicht mitgetheilt?"

Herr Göbener und Carola haben sich sogleich nach seiner Ankunft so sehr in die Musik vertieft, daß wir zur Unterhaltung Enoch gar nicht gekommen sind," antwortete Frau Münter lächelnd.

Nun, so erfahren Sie denn von mir," sagte der Amtsrath, indem er die geleerte Tasse aus der Hand setzte und aufstand.Meine Cousine und Meta reisen in diesen Tagen nach der Schweiz und in ein paar Wochen treffen wir drei dort mit ihnen zusammen. Bis zur Ernte kann ich die Wirthschaft hier schon einmal meinem Inspektor überlassen."

Und dann?" fragte Adolf, den diese Antwort wie ein Donnerschlag traf.

Das möchten Sie auch sogleich wissen!" lachte der Amtsrath.Sie machen ja ein geradezu verblüfftes Gesicht."

Ich bin so grenzenlos überrascht."

Daß ich eine Reise mache," neckte der Amtsrath,ist freilich lange nicht mehr vorgekommen. Was thut aber ein Vater nicht, um seiner einzigen Tochter wieder habhaft zu werden. Ich lasse sie wahrscheinlich noch einige Zeit mit meiner Cousine Elisabethfern von Mrdrid" und kehre mit meiner getreuen Gesellschafterin, Frau Felicitas, allein nach Waldhof zurück."

Fräulein Carola wird nicht mit zurückkommen?" fragte Adolf, nur mit Mühe seiner Stimme einige Festigkeit gebend, und Wenzel, dem es offenbar Vergnügen machte, ihn etwas auf die Folter zu spannen, antwortete:

Sie will ja nach Paris zu ihren Russen. Hat keine Last, noch einen zweiten Winter im einsamen Waldhof zu verbringen. Jst's nicht so, Carola?" wandte er sich an die junge Dame, die sich am Theetisch zu schaffen gemacht hatte und zwang diese dadurch, ihr Gesicht ihm und Adolf zuzu­kehren. Es trug eine erhöhte Farbe und einen Ausdruck der Unsicherheit, der bei ihr selten war.

Ich habe nun lange genug der Ruhe gepflegt und muß endlich wieder in Thätigkeit kommen."

Ei, die hätte ich hier für Dich so reichlich, wie Du sie nur wünschen könntest. Ich hoffe, Du sprichst eine Macht­wort und wir lassen Sie nicht wieder fort, Felicitas."

Die letzten Worte richtete er an Frau Münter, die aber kopfschüttelnd erwiderte:

Carola ist schon seit Jahren allein für ihr Thun und Lassen ^verantwortlich, ich kann ihr meinen Willen nicht aufdrängen, so glücklich es auch mich machen würde, sie in meiner Nähe behalten zu können."

Sie schaute liebevoll zu der Tochter empor, die neben ihren Stuhl getreten und ihr zärtlich die Hände streichelte.

Keine Rührscenen, Kinder!" rief der Amtsrath.

Das wird sich Alles finden^ zuerst machen wir (die Reise miteinander, und hören Sie, Adolf, einen Vorschlag. Wie wär's, wenn Sie sich hier etliche Wochen Urlaub nähmen und uns begleiteten oder uns nachkämen?"

Carola stieß einen leisen Ruf aus, der ebenso gut Zu­stimmung wie Abwehr bedeuten konnte und Adolf entgegnete, hastig aufspringend und einige Schritte vorwärts stürzend:

Das wäre köstlich! Ich ich!"

(Fortsetzung folgt.)

Einige ärztliche Rathschläge für Eltern.

Bon Dr. Robert «chultze

(Nachdruck »erboten.)

Eine Frage, welche der Arzt oft beantworten muß, ist die, ob man ein Kind z. B. von zweifelhaftem Gesundheits­zustand, mit sechs Jahren, wie gesetzlich vorgeschrieben ist, die Schule besuchen lassen soll oder nicht. Schwächliche, blutleere, nervöse, scrophulöse rc., mit einem Wort nicht ganz gesunde Kinder sollte man viel häufiger, als geschieht, in der Freiheit lassen und erst spät in die Schule aufnehmen, weil einestheils kränkliche Kinder durch den Schulbesuch meist gesundheitlich noch mehr zurückkommen und anderntheils nicht viel leisten können, so daß sie andere gesunde Kinder mit zurückhalten. Es ist ein ganz entschiedener Mangel unsrer öffentlichen hhgiemschen Zustände, daß bei der Schulaufnahme nicht auch ein Arzt mitzusprechen hat, um darüber zu wachen, daß nur gesunde Kinder ausgenommen, kranke aber zurück­gestellt werden. Bei der Rekrutirung ist dies allgemein ein- geführt, für die Schulen fehlt eine solche Einrichtung dagegen überall, höchstens wird hie und da einmal von den Eltern kranker Kinder ein Zeugniß verlangt, daß ihr Kind körperlich nicht kräftig genug sei, um die Schule zu besuchen. In der Regel werden aber dann Kinder, die etwa ein Jahr zu spät in die Schule kommen, um ein Jahr länger in der Schule behalten, weil nach der Schablone der gesetzlichen Schul­besuchsdauer dies sein muß, ohne daß Rücksicht darauf ge­nommen ist, daß gesunde und ältere Kinder leicht nachholen, was sie etwa versäumt haben. So droht den Eltern kranker Kinder und diesen selbst noch eine Strafe für das Kranksein und um dieser zu entgehen, werden heute viele Kinder, trotz entgegenstehender ärztlicher Gründe, doch in die Schule geschickt, oft zum lebenslänglichen Nachtheil für ihre Ge­sundheit. Gerade solche Kinder verfallen am häufigsten den sogenannten Schulkrankheiten, eine Krankheitsrubrik, die erst neuerdings, besonders in Mädchenschulen, sozusagen öffentliche Geltung gewinnt. Als die hauptsächlichsten sind Störungen der Blutbildung refp. der Ernährung und des Nervensystems zu nennen. Die Kinder sehen blaß aus, der Appetit nimmt ab, die Verdauung wird träge, sie klagen über Stirnkopfweh, Müdigkeit, auch ist der Schlaf schlecht und erquickt nicht, so daß sie müder aufstehen, als sie zu Belte gegangen waren, sie werden schlaff und weinerlich oder mürrisch und reizbar, unlustig zur Arbeit, unaufmerksam und träge, und bleiben deshalb sitzen, manche sondern sich ab und werden trübsinnig, excentrisch.

Alle diese krankhaften Erscheinungen steigern sich im Laufe des Schuljahres und sind gegen Ende desselben am schlimmsten. Während der Ferien aber bessern sie sich rasch und verschwinden bei längerer Dauer dieser manchmal gänzlich, so daß die Kinder beim Wiederbeginn des Unter­richts frisch, neu aufgelebt sind, nur aber, um durch diesen allmählich von Neuem in den alten Jammer zu gerathen. Am leichtesten verfallen Mädchen solchen Zuständen, zumal in den Jahren der herannahenden Entwicklung, aber auch Knaben und zwar am frühesten die fleißigen und begabten. In einzelnen Fällen, besonders in solchen, bei denen erbliche Belastung mit Nervenschwäche vorhanden ist, entstehen schwere Leiden, Neurasthenie, Hysterie, selbst Geistesstörungen. Die Mehrzahl der Eltern beachtet die Anfänge aller dieser Leiden zu wenig, oder, wenn dies der Fall ist, medtciniren sie Anfangs mit Hausmitteln und wandern schließlich von einem Arzt zum andern, um den zu finden, derdas richtige Mittel trifftaber zu dem einen, was Noth thut und wozu ihnen in der Regel der erstgefragte Arzt schon gerathen hatte, die Kinder längere Zeit aus der Schule zu laffen, dazu ent­schließen sie sich meist nur, wenn einNervenspecialist" am Ende dasselbe kategorisch verlangt, was der Hausarzt bloß schüchtern angerathen hatte. Solche Patienten, die in der Mehrzahl von Hause aus schwächlich oder verweichlicht oder überreizt durch allerlei gesellige Unsitten, wie Kinder-