Ausgabe 
17.3.1898
 
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und doch hatte er dieser Schwäche noch nicht Herr zu werden vermocht. Er konnte sich von Carola nicht losreißen, er vermochte Anna nicht zu kränken, nicht seinen Eltern und Geschwistern des Eingeständniß seines grenzenlosen Wankel- muthes zu machen.

Er verlor Lust und Ausdauer an der Arbeit, der Schlaf floh seinen Nächten, eine peinvolle Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, und nirgends sah er einen Ausweg, denn zu dem einzigen, welcher seiner würdig gewesen wäre, der Wahrheit die Ehre zu geben, konnte er sich nicht aufraffen.

So war der Frühling herangekommen. Meta mußte jetzt bald in die Heimath zurückkehren und damit auch der Aufenthalt der Frau Professor Münter und Carolas in Waldhof ein Ende erreichen. Carola hatte sogar von einem Anerbieten erzählt, das ihr von einer in Paris lebenden russischen Familie zugegangen war, in ihrer Mitte eine Stellung anzunehmen, und hinzugefügt, daß dasselbe viel Verlockendes für sie habe. Es war dann nicht weiter die Rede davon gewesen, aber bei jedem Besuche, den er in Waldhof machte, erwartete er zu erfahren, sie habe zugesagt.

Auch heute hatte er mit dieser Befürchtung das Schloß betreten.

Es war Sonntag, Cantate, ein wonniger Frühlingstag schon in der Mitte des Mai, denn Ostern war in diesem Jahr spät gefallen. Aus dem blauen Saal, so genannt wegen seiner in dunkelblau gehaltenen Ausstattung, wo der sehr schöne Bechsteinsche Flügel, den der Amtsrath seiner Tochter erst zum letzten Geburtstag geschenkt, seinen Platz hatte, war Clavierspiel und Gesang ertönt und hatte ihm den Weg gezeigt. Den Diener, der ihn melden gewollt, mit einer Handbewegung zurückhaltend, hatte er geräuschlos die Thür geöffnet, sich mit Frau Münter durch ein stummes Neigen des Kopfes begrüßt und war dann, den Athem an­haltend, lauschend stehen geblieben, bis Carola daS Lied, das sie soeben gesungen, beendet hatte.

Nun wandte sie sich um, erblickte Adolf und ein Aus­druck freudiger Ueberraschung glitt über ihre Züge.

Ausstehend hatte sie ihm die Hand gereicht und er hatte sie nach kurzer Begrüßung gebeten, sich nicht stören zu lassen, sondern zu gestatten, daß er sich ihr zugeselle.

Länger als eine Stunde hatten sie bereits miternander musizirt und sich wieder einmal durch Spiel und Gesang gesagt, was die Sprache nicht ausdrücken durfte.

Der Eintritt des Amtsraths unterbrach sie. Er war im Reitanzuge und sah sehr frisch und vergnügt aus.

Oh!" rief er, auf der Stelle stehen bleibend,ich störe doch nicht etwa? Ich nahm mir, als ich die Musik hörte, gar nicht die Zeit, mich umzukleiden, sondern bin, wie ich vom Pferde gestiegen, hierher geeilt, und jetzt schließest Du den Flügel, Carola!"

Wenn Du befiehlst, lieber Onkel, so können wir sortfahren," erwiderte Carola, den Deckel des Flügels in der Hand haltend und Adolf mit einem fragenden Blick an­sehend, Frau Münter sagte aber:

Wenn Du gestattest, lieber Theodor, so machen wir jetzt eine Pause. Ich habe bestimmt, daß sogleich nach Deiner Rückkehr der Thee hierher gebracht wird, den wollen wir zunächst mit einander trinken, dann können unsere Musiker fortfahren. Ich denke, Herr Göbener schenkt uns den Abend."

Während Adolf sich zustimmend verbeugte, erschien schon der Diener, auf einer großen Platte das Theegeschirr aus geschackvoll bemaltem Berliner Porzellan tragend, das er auf einem im Hintergrunde^des Zimmers stehenden, bereits mit einer Damastserviette bedeckten Tisch ordnete. Der Amtsrath ließ sich recht behaglich in einem Lehnstuhl nieder und sagte schmunzelnd:

Auch gut, Cousine- ich gestehe, daß mtr nach meinem Ritt eine Tasse Thee sehr willkommen ist!"

Es war schön draußen?" fragte Carola, die zu dem Tisch getreten war, um den Thee zu bereiten, zu welchem

Zwecke ihr der Diener, nach wenigen Minuten zurückkommend, das in einem wie Gold glänzenden kupfernen Keffel über einer Spiritusflamme summende Wasser brachte.

Herrlich, entzückend!" rief der Amtsrath.Bin ein so alter Landwirth und habe so manchen Frühling auf der Scholle, d e ich bebaue, erlebt, aber jedesmal ist es mir doch wie eine neue Offenbarung, wenn ich das Treiben und Sprossen der jungen Saat sehe- ich meine, immer so wie Heuer, sei es noch nicht gewesen."

Sie waren auf dem Felde?" erkundigte sich Adolf, ohne ein Auge von Carola zu lassen.

Ja, das wundert Sie wohl?" entgegnete der Amtsrath. Sie meinen gewiß, ich hätte mich in der Woche dort genug zu tummeln und könnte mir Sonntags ein anderes Ziel für meine Spazierritte wählen."

Das sollte Dir nicht ganz leicht werden," bemerkte Frau Münter lächelnd. Nach welcher Richtung man sich auch wendet, überall stößt man auf Waldhof'sche Ländereien."

Ja, die Domaine ist sehr ausgedehnt und ich darf mir das Zeugniß geben, daß ich sie meinem Nachfolger in guten Zustande überliefere," entgegnete der Amtsrath, und ein Schatten flog über sein Gesicht, wie immer, wenn er daran dachte, daß das Gut, welches er mit so liebevoller Sorgfalt bewirthschaftet, in nicht zu ferner Zeit in fremde Hände übergehen müsse- schnell sich wieder erheiternd setzte er hinzu: .

Auch davon habe ich mich heute wieder mtt Genug- thuung überzeugt, doch das ist es nicht eigentlich, was ich bei einem Sonntagsritt über die Felder suche. Da bin ich gar nicht der Amtsrath, Pächter der königlichen Domaine Waldhof."

Was bist Du denn, Onkel!" fragte mit schelmischem Lächeln Carola, ihm die Tasse reichend, die sie für ihn ge­füllt hatte.

Ein Mensch!" antwortete mit besonderem Nachdruck der Amtsrath, indem er den Thee mit Sahne, Zucker und Rum versah,ein Mensch, der den alten Spruch beherzigt: O wunderschön ist Gottes Erde und werth darauf vergnügt 8U ^Sehen Sie," fuhr er, die Tasse in der Hand haltend, zu Adolf gewendet fort, den Carola jetzt ebenfalls mit Thee versah:reite ich in der Woche über die Felder, so sehe ich bald diese Unordnung, die mich verdrießt, bald jene Lodderei, die ich rügen muß. Da kommt der Inspektor mit einer Meldung, dort ersieht der Schäfer eine Gelegenheit, mich wegen einer neuen Anschaffung anzureden, vor allem Reden und Antwort geben, Befehlen und Anordnen, Tadeln und Zustimmen komme ich gar nicht zum reinen Genüsse der schönen Gotteserde. Besuche ich aber Sonntags die Felder, so herrscht Ruhe und Friede. Das Geräusch des Tage­werks schweigt, lauter und jubelnder klingen die Stimmen der Vögel, grüner und frischer erscheint mir die sprossende Saat. Begegnen mtr Leute, so sind sie Spazigergänger gleich mir und wie Gleich zum Gleichen spreche ich zu ihnen, und lobe mit ihnen gemeinsam den Schöpfer aller dieser guten Gaben inbrünstiger, als wir es am Morgen in der Kirche gethan."

Das ist wirklich Gottesdienst," sagce Carola leise.

Der Amtsrath nickte, nahm einen Schluck aus der Tasse und sprach weiter:

Heute habe ich meinen Ritt nicht bloß auf die Felder beschränkt, ich bin immer weiter fortgeritten, bis zum Meere, und wißt Ihr, was ich gedacht habe, als ich die weißen Schaumkämme gegen den Strand schlagen, den dunklen Wald jenseits des grünblauen Meeres sich erheben sah?

Was?" fragten alle drei gleichzeitig.

Daß wir doch eigentlich Thoren sind, diesen prächtigen Fleck Erde, wo es sich so wohlig lebt, zu verlassen und uns der großen Heerde zuzugesellen, die auf abgegrasten Weiden Erholung und Stärkung zu finden glaubt."

Aber, lieber Theodor, der Plan zu dieser Reise ist