Ausgabe 
17.2.1898
 
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Kopfschüttelnd wandte er sich dann an seine Schwester: Sag' mir nur, Bertha, wie bist Du hinter diese Schliche gekommen?"

Mit überlegenem Lächeln entgegnete diese:Sehr einfach, mit Hilfe der uns Frauen angeborenen Schlauheit! Leontine war kaum ein Paar Tage bei mir, als sie eine nichtssagende Geschäfts-Reelame zugesandt bekam. Das machte mich stutzig: woher sollte ein Geschäft Leontinens gegenwärtige Adresse wiffen? Mein Argwohn wuchs, als wenige Tage später wieder eine Geschäftsofferte, dann einmal ein Zeitungsblatt, ein Buchhändlerkatalog, ein Preisverzeichniß u. s. w. ein­traf. Die Adreffe war immer von ein und derselben Hand geschrieben vermuthlich von Deinem Federfuchser. Nun hatte ich zufällig einmal in meiner Zeitung etwas von einer Briefmarkensprache gelesen ich beobachtete, daß die Marken auf den Couverts stets in einer von der gewöhnlichen ab­weichenden Stellung aufgeklebt waren, und kaufte mir im nächsten Bücherladen dies Büchlein hier. Und ich kann Dir sagen, es hat mir schon gute Dienste geleistet! Diese Stellung hier zum Beispiel besagt:Ich gehe ins Museum." Natürlich sorgte ich dafür, daß Leontine gerade an diesem Tage für mich eine Bestellung auf der entgegengesetzten Seite der Stadt auszurichten hatte. Mehrmals auch be­deutete die Markenstellung laut Briefmarkensprache:Ich habe heute keine Zeit!" Dann redete ich Leontine zu, gerade an diesem Tage spazieren zu gehen. Kurz, Dank diesem kleinen Büchlein hier bin ich in der Lage, Leontinens ge­heime Correspondenz zu controliren, ohne daß sie eine Ahnung davon hat. Uebrigens auch heute ist ein Brief eingetroffen- seine Markenstellung bedeutet:Ich gehe auf die Eisbahn." Da hab ich mir nun vorgenommen, zu er­fahren, ob der geheimnißvolle Correspondent wirklich der Federfuchser ist wenn Du Lust hast, Dich ebenfalls zu überzeugen, können wir uns ja heute Nachmittag an der Eisbahn treffen."

Herr Templer versprach zu kommen, und verabschiedete sich dann schnell, da ihn der Dienst rief.

Am Nachmittag desselben Tages, gleich nach dem Kaffee, rüstete sich die Frau Justizräthin zum Ausgehen. Leontine beschwor sie, daheim zu bleiben, der kalte Nordwind werde ihrer Gesundheit schaden. Allein die alte Dame hatte kein Gehör für Leontinens beschwörende Worte sie wußte ja genau, weshalb sie zu Hause bleiben sollte!

Etwa eine halbe Stunde, nachdem die Justizräthin ihr Heim verlassen, klingelte ein hübscher, junger Mann an ihrer Borsaalthür. Leontine ging selbst hochklopfenden Herzens hin, um zu öffnen, und stand im nächsten Augenblick ihrem geliebten Georg gegenüber sie hatte ja gewußt, daß er kommen wollte, um die Tante um ihren Beistand im Kampf wider Herrn Templers Abneigung gegen den Stand der Federfuchser zu bitten. Leontine wollte ihn, da sie allein war, erst nicht in die Wohnung hereinlassen. Auf sein stürmisches Bitten gab sie dann aber endlich nachauf einen Augenblick aber nur!" Aber aus dem Augenblick wurden dann mehrere, und schließlich vergingen unter Herzen und Kosen ein paar Stunden.

Unterdessen gingen die Tante und Leontinens Vater ver­zweifelt in der Nähe der Eisbahn auf und ab. Als die Erwarteten gar nicht kommen wollten, meinte schließlich Herr Templer:Weißt Du was, Bertha, jetzt dauerts mir zu lange mir springen die Zehen bald ab vor Kälte. Ich werde Dich heim begleiten, und Du braust mir zu Hause einen steifen Grog."

Die Frau Justizräthin war damit einverstanden, und so machten sie sich denn auf den Heimweg. Unterwegs meinte Herr Templer:Uebrigens so ganz erbärmlich, tote ich bisher immer geglaubt habe, ist das Loos solch eines Federfuchsers doch nicht. Wie ich heute im Büreau

i aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, hat der der na, Du weißt ja Leontinens Verehrer mit seinem letzten Romane mehr verdient, als ich in einem ganzen Jahre!"

Also wärest Du wohl, im Grunde genommen, gar nicht mehr durchaus gegen Leontinens Wahl?" fragte die Justizräthin.

Herr Templer brummte etwas in den Bart, was eben so gut ein Ja wie ein Nein bedeuten konnte. Dann sagte er laut:Gott sei Dank, daß wir endlich da sind 's ist wirklich eine höllische Kälte heute!"

Da die Frau Justizräthin ihre Nichte nicht zu Hause vermuthete, schloß sie, an der Wohnungsthür angelangt, diese selbst auf. Ihrem Bruder vorausschreitend, öffnete sie die Thür zum Wohnzimmer, blieb aber erschreckt auf der Schwelle stehen: Vor ihr, mitten im Zimmer, stand ein fescher, junger Mann, Leontine in seinen Armen haltend Georg, derFederfuchser."

Etwa eine Viertelstunde später hielt Georg Leontine als seine officielle Braut umschlungen- Herr Templer hatte sich erweichen lassen wozu die aus derzuverlässigen Quelle" stammende Nachricht nicht wenig beigetragen haben mochte.

Herr Templer bekam seinen Grog dann aber ward mit feurigem Burgunder auf das Wohl des jungen Braut­paares angestoßen.

Weshalb warst Du eigentlich heute nicht auf der Eis­bahn, Leontine?" fragte die Justizräthin im Laufe des Gesprächs unvermittelt.

Diese warf ihrem Bräutigam einen vielsagenden Blick zu, dann fragte sie harmlos dagegen:Ich auf der Eis­bahn? Wie kommst Du darauf?"

Da zog die Tante triumphirend dieBriefmarken­sprache" aus ihrer Tasche und sagte, Georg lächelnd mit dem Zeigefinger drohend:Sie glaubten wohl ganz besonders schlau zu sein wir Frauen sind aber doch noch schlauer. Hier ist der Schlüssel zu Ihrer geheimen Correspondenz."

Wieder wechselten die Brautleute einen schelmischen Blick. Dann sagte Leontine:Verzeih, liebes Tantchen, daß ich Dir eine Enttäuschung bereiten muß. Das Büchelchen, das Du in der Hand haft, enthält allerdings den Schlüssel zu unserer Correspondenz, aber anders, als Du denkst. Ich hatte ja bald gemerkt, daß Du Dir eine Briefmarkensprache angeschafft hattest, um mich zu eontrolliren. Deshalb verab­redeten wir zwei, daß für uns allemal die dritte Zeile vor der Bedeutung der von Georg angewandten Markenstellung gelten sollte."

So hieß das also gar nicht: Ich gehe auf die Eis­bahn?" fragte die Justizräthin enttäuscht.

Bewahre!" entgegnete Leontine lachend das hieß: //Ich spreche heute bei Dir vor!" Deshalb wollte ich ja auch, daß Du zu Hause bliebst, denn ich wußte ja, daß Georg Dich zu seiner Fürsprecherin beim Väterchen machen wollte!"

Und das hier", fragte die Justizräthin erregt, eines der Couverts aus dem Schreibtische herbeiholenddas hieß doch wohl:Ich kann heute nicht kommen?"

Nein,-nach unserer Verabredung hieß das:Komme zum Rendez-vous!"

Die Justizräthin war über diese Eröffnung ganz ge­knickt. Herr Templer aber lachte saut auf und meinte mit gutmüthigem Spotte:Ei, ei, liebe Schwester da scheint mir Leontine doch die Schlauere gewesen zu sein!" Und nachdenklich setzte er hinzu:Ja, ja Mädchenlist! Da­gegen komm' mal Einer auf!"*)

) EineBriefmarkensprache", wie sie in dieser Humoreske er­wähnt, ist im Verlag von Max Schildberger, Berlin W Schillstraße 3, erschienen. Preis 50 Pfennig.

«ctacttau K. Echeyda. Druck mb «erlag der Brühl'scheu «uiverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) i» Meßen.