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„Du warst unschuldig," erwiderte sie, „Du hattest ein | gutes Gewissen und wußtest, daß Dir nichts geschehen konnte und daß sich Deine Unschuld Herausstellen würde. Aber er, mit der schweren Last auf der Seele, er hat ja keine ruhige Minute gehabt. Jeden Augenblick mußte er zittern vor der Entdeckung. Du weißt ja nicht, was er ausgestanden hat, wie er sich in Gewissensbissen verzehrt hat. Und als sie dann den Verdacht auf Dich warfen, da hat er Höllenqualen erduldet und hat . . ."
„Und hat," unterbricht sie Carl heftig, mit bitterem Hohn, „hat mich ruhig im Gefängniß sitzen lassen wochenlang. Und er hat auch nicht die Hand gerührt, als er sah, daß der Verdacht immer noch auf mir lastete, trotzdem ich längst fretgesprochen war. Er hat ruhig mit angesehen, daß sie mich noch immer für den Dieb hielten, mein eigener Vater sogar, und er hat nichts gethan, um den Verdacht von mir zu nehmen, der mein Leben vergiftet hat. Keine freudige Minute habe ich mehr seitdem gehobt und zu Grunde gegangen bin ich saft daran. Seit drei Jahren gehe ich herum tote ein Verdammter, keinem Menschen wage ich mehr ins Gesicht zu sehen. Und zuletzt bin ich mir schon selbst vorgekommen tote ein Ausgestoßener, tote ein Verbrecher. Und manchmal habe ich schon geglaubt, ich hätte den Verstand verloren und hätt's wirklich gethan. Und er hat derweilen in Wohlleben geschwelgt und Ihr Alle habt ihn geachtet und geehrt und mich über die Achsel angesehen. Und er hat kein Erbarmen gehabt mit mir, er hat nichts gethan, um die Schande von mir zu nehmen, von mir und den Meinen. Das vergesse ich ihm nicht und wenn ich hundert Jahre alt werde ... das vergesse ich ihm in meinem ganzen Leben nicht!"
Das Bewußtsein dessen, was er in all ver schweren Zeit durchlitten, ist so lebhaft in dem Sprechenden, daß sich seine Fäuste unwillkürlich ballen und daß er mit zornsprühenden Augen zu dem Schuldigen hinüberblickt. Seine Zähne Pressen sich so fest aufeinander, daß ein knirschender Ton durch's Zimmer dringt.
Otto schreckt bei dem nervenfolternden Laut zusammen und sein Hut entfällt den zitternden Händen und schlägt dumpf auf den Boden auf. Sein erbarmungswürdiger Anblick, wie er völlig vernichtet dasteht als ein Schuldiger, der von seinem unerbittlichen Richter den Urtheilsspruch erwartet, schneidet ihr in die Seele, und der Drang, ihm zu helfen, ihn zu retten, begabt sie mit neuer Kraft. Zu viel ist heute auf sie eingestürmt, ohne alle Vorbereitung, Plötzlich, aus heiterem Himmel, und die Knie zittern unter ihr und mit Mühe erhält sie sich aufrecht. Aber sie hat keine Zeit, schwach zu sein. Es gilt, die Zukunft, das Leben ihres Lieblings zu retten.
Wieder wendet sie sich mit flehender Geberde an ihren Stiefsohn.
„Du bist doch sein Bruder," sagte sie, „und als solcher kannst Du ihm doch verzeihen, wenn er als ein Bittender zu Dir kommt und feine schwere Versündigung einsieht . .."
„Sieht er?" lachte Carl bitter und höhnisch auf, „sieht er's jetzt ein . . . jetzt, wo ich ihn ertappt habe, wo ich ihn entlarvt habe, wo er's nicht mehr leugnen kann?! Ein rechtes Kunststück, sein Verbrechen einzusehen, wenn man überführt ist! Aber damals ... da hat er sich wohlweislich gehütet, da hat er schön still geschwiegen und hat seinen Bruder einstecken lassen, anstatt zu sagen, daß er dör Dieb war und nicht ich"
„Das wollte er ja auch, hundert Mal ist er auf dem Wege gewesen. Aber mein Gott, er ist ja doch auch nur ein schwacher Mensch. Von Tag zu Tag hat er ja doch gehofft, sie würden Dich auch ohnedies freilassen. Und dann wurde er krank vor lauter Angst und Gewissensbissen und wußte von nichts. Und dann kam die Verhandlung und Du wurdest freigesprochen und dann war's ja doch nicht mehr nöthig ..."
„Nicht mehr nöthig," fährt Carl wüthend auf, „nicht mehr nöthig j Und daß der Verdacht noch immer auf mir lag, noch heute auf mir liegt, das kümmert Dich nicht . . . das kümmert Deinen Goldsohn nicht. Aber Gott sei Dank! jetzt ist es endlich heraus und jetzt endlich wird die Welt erfahren, daß ich's nicht war, daß ich nie meine Hand nach fremdem Gut ausgestreckt habe, daß es mein Bruder war, mein eigener Bruder!"
(Fortsetzung folgt.)
Mädchenlist.
Humoreske von B. Anders.
------- (Nachdruck verboten.)
„Wie gesagt — Du hättest gar nichts Gescheiteres thun können, als Leontine in meine Obhut zu geben." Mit diesen Worten schloß die verwittwete Frau Justizräthin Baumgart eine längere Rede, die an die Adresse ihres Bruders gerichtet war. Dieser, Herr Templer, ein höherer Postbeamter, ebenfalls verwittwet, ging, die Hände vergnügt reibend, im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor seiner Schwester stehen, legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte: „Du hast Recht, liebe Bertha, — ich sehe es immer mehr ein, daß es gut war, Deinem Rathe zu folgen. Ich selbst konnte ja Leontinen nicht die nöthige Aufmerksamkeit zuwenden — dann ließ mir der Dienst zu wenig Zeit, und die Liebschaft ° mit dem Federfuchser wurde mir doch zu bedenklich. Also Du bist fest überzeugt, daß die Beiden sich nicht wieder gesehen haben?"
„Seitdem Leontine in meinem Hause ist, sicher nicht."
„Ich kann mir aber auch wieder nicht gut denken, daß sie gar keinen Versuch machen sollten, sich miteinander irgendwie zu verständigen."
„Thun sie auch nicht — im Gegentheil, sie correspon- diren fleißig miteinander."
„Und das läßt Du so ruhig geschehen?"
„Warum denn nicht? In Liebessachen muß man zart vorgehen. Laß mich nur machen — ich werde schon meinem Cerberus-Posten Ehre machen. Uebrigens — Dir als dem Vater Leontinens muß ich wohl Einsicht in die Corresondenz der beiden Liebesleute gewähren."
Bei diesen Worten erhob sich die alte Dame, ging an den Schreibtisch, entnahm diesem ein Päckchen Papiere und legte diese mit einem sonderbaren Lächeln vor ihrem Bruder auf den Tisch.
„Da", sagte sie dabei — „das ist die Correspondenz."
Herr Templer blickte überrascht bald seine Schwester, bald die Papiere an. Dann fragte er zweifelnd. „Das — das soll die Correspondenz sein? Das sind ja nur leere Couverts?"
Die Justizräthin nickte überlegen mit dem Kopfe. „Allerdings" sagte sie dann nach einer Weile — „nur leere Couverts, und doch die Correspondenz!" Und fragend fetzte sie hinzu: „Hast Du als Postmensch denn noch nie etwas von der Briefmarkensprache gehört?"
Herr Templer wiegte nachdenklich den Kopf. „Gehört wohl", sagte er dann, „aber offen gestanden, noch nicht darum gekümmert hab ich mich!"
„Nun denn, so paß auf!" Die Justizräthin nahm die Couverts, breitete sie nebeneinander auf dem Tisch aus und deutete auf die Marken, die sich auf den Briefumschlägen befanden. „Jede Marke hat eine andere Stellung auf dem Couvert — das siehst Du doch!?
Herr Templer nickte.
„Und jede Markenstellung hat ihre besondere Bedeutung/ den Schlüssel dazu habe ich hier in der Tasche!" fuhr die Justizräthin fort. Dabei entnahm sie ihrer Kleidertasche ein zierliches Büchlein, auf dem Herr Templer mit wachsendem Staunen die Aufschrift „Briefmarkensprache" las.


