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darf ihn mehr verdächtigen. Rein steht er da, makellos, und jedem Menschen kann er wieder frei in's Gesicht sehest. Allen ihnen, Allen kann er's beweisen, daß er unschuldig ist. Nun können sie nicht mehr zweifeln an ihm. Nun braucht er sich nicht mehr zu verstecken, nun braucht er nicht mehr zu zittern, bei jeder neuen Bekanntschaft. Niemand wird mehr scheu bei seiner Annäherung znrückweichen. Den kalten, eisigen Blick des Argwohnes, der Verachtung, er wird ihn nicht mehr sehen. Mr Allen, Allen steht er gereinigt da: vor seinem Vater, vor seiner Mutter und vor Helene. Ja, wer weiß es denn, ob sie nicht auch schon im Stillen in der Tiefe ihrer Brust an ihm gezweifelt hat? Furchtbar, furchtbar!
Und sein Sohn, sein einziges Kind! Die Gefahr, daß auch in der empfänglichen Kindesseele dereinst der Samen des Zweifels aufgehen könnte, diese furchtbare Gefahr ist für immer vorbei. Noch zur rechten Zeit stellt sich seine völlige Schuldlosigkeit überzeugend, unwiderleglich heraus. Sein Sohn wird ihn lieben, sein Sohn wird ihn achten, sem Sohn wird ihn verehren, rückhaltlos immer . . . immerdar! O welch ein Glück, welch ein ungeheures Glück !
Ein dumpfer, ächzender Laut, der durch das Zimmer klingt, weckt ihn aus seinem Freudentaumel. Wirr steht er sich um. Wo ist er denn? Warum eilt er nicht zu Frau und Kind. Sein Blick fällt auf Otto. Im Nu verzerrt sich sein Gesicht zu einer Grimasse der Wuth, und das Glücksgefühl, das ihn noch soeben durchglüht hat, schlägt mit Secundenschnelle in Zorn und Haß um.
„Pfui!" !ruft er und stürzt auf's Neue zu Otto hin. „Pfui! Wie erbärmlich, wie gemein! Mitleid und Liebe hast Du mir geheuchelt, während Du mich grausam in's Gefängniß stießest für das, was Du selbst begangen. In Schmach und Schande hast Du mich gestürzt, Helene und mich. Wochenlang hat sie keinen ruhigen Schlaf gehabt und ganze Tage und Nächte hat sie durchweint in Kummer und Angst. Und Du ... Du hättest nur ein Wort zu sagen brauchen. Aber Du hast geschwiegen, Du feiger, ehrloser Mensch! Du hast wohlweislich geschwiegen und hast ruhig zugesehen, wie sie mir als gemeinem Dieb den Prozeß machten. Dir war's ja recht, daß ich auf die Anklagebank kam. Nun warst Du ja sicher, Du . . . Du . . . Du . . .!"
Er findet kein Wort, um den flammenden Haß, die unsägliche Verachtung, die ihn in diesem Augenblick in jedem Blutstropfen, in jeder Fieber erfüllt, zu kennzeichnen. Im Uebermaß seiner Empörung speit er vor dem Zusammenschauernden aus. Dann reißt er seinen Hut von dem Stuhl, auf den er ihn geworfen hat, und stürzt hinaus. Draußen stürmt er im Geschwindschritt vorwärts, so daß Pech die Leute auf der Straße umsehen. Der Schweiß läuft ihm in Strömen über das Gesicht. Er springt in eine Droschke, die seinen Weg kreuzt, er, der vielleicht dreimal sich diesen verhältnißmäßig kostspieligen Luxus gegönnt hat. Unterwegs treibt er fortwährend den Kutscher zur Eile an. Drei Jahre, drei lange Jahre ruhte der Verdacht des Diebstahls auf ihm. Kein Wunder, daß er danach fiebert, endlich als völlig makellos dazustehen, zunächst vor Helene, seinem geliebten Weibe.
In Folge des schnellen Laufens klopft sein Herz stürmischer als zuvor. Unwillkürlich fährt er mit der Hand nach der linken Seite, als wollte er den rasend schnellen Schlag aufhalten. Eine plötzliche Angst befällt ihn. Wenn ihn nun ein Herzschlag träfe, wenn ihn die Aufregung tödtete? Dann müßte er sein Geheimniß mit in's Grab nehmen, Otto würde weiter schweigen und als Ehrenmann gelten, während sein Andenken für immer gebrandmarkt wäre!
In furchtbarer Aufregung langte er endlich zu Hause an. Zum Glück findet er Helene allein im Wohnzimmer. Er stürzt ihr mit ansgebreiteten Armen entgegen.
„Helene!" schreit er und kann kein Wort weiter hervorbringen. Sein Gesicht zuckt vor tiefster seelischer Erregung, seine Augen strömen über und laut aufschluchzend
stürzt er vor Helene in die Kniee. Er drückt sein thränen- überströmtes Gesicht in Helenens Kleiderfalten und weint wie ein Kjnd.
„Helene!" ruft er, gleich darauf wieder sein Antlitz erhebend. ,)Jch bin ja unschuldig, ich kann's ja nun endlich beweisen, daß ich unschuldig bin. Es ist heraus. Otto ... Otto war's!"
Sie versteht ihn nur halb und möchte gern das Weitere wissen. Aber sie wartet geduldig, bis er sich soweit beruhigt hat, um ihr endlich mittheilen zu können, was geschehen ist.
Carl ist wieder auf seine Füße gesprungen. Die immer noch in ihm tobende Erregung treibt ihn im Zimmer auf und ab. Hin und wieder bleibt er stehen, preßt die Hand gegen die Stirn und wirft einen strahlenden Blick zu Helene hinüber und athmet aus tiefster Brust auf.
„O Helene, Helene, Helene!"
Endlich hat er sich soweit gefaßt, daß er zusammenhängend zu erzählen vermag. Aber bevor er seinen Bericht beginnt, giebt er seinem Entzücken in den Jubelworten Ausdruck: „Daß ich das noch erlebt habe! O mein Gott, mein Gott! Du weißt ja nicht, wie mir zu Muthe ist! . . . Gott sei Dank! Gott sei Dank!"
Dann erzählt er in hastigen, einander überstürzenden Worten. Auch Helene ergreift ein Freudentaumel und sie wirft sich ihm weinend und lachend an die Brust. Eine ganze Weile halten sie sich umschlungen und sehen einander tief und bewegt in die Augen und küssen sich in dem be- seeligenden Gefühl, daß ihnen ein großes, großes, unverhofftes Glück widerfahren ist, das größte, das ihnen hätte bescheert werden können.
Endlich setzen sie sich nebeneinander und, während sie einander an den Händen halten wie ein junges Liebespaar, besprechen sie etwas ruhiger, was zunächst zu geschehen habe.
Der grelle Ton der Flurklingel unterbricht ihren Gedankenaustausch. Helene eilt hinaus, um zu öffnen. Die Mutter steht vor ihr und hinter derselben ... es geht wie ein electrischer Schlag durch ihren Körper . . . erblickt sie ihren Schwager Otto.
Die Mutter heftet einen raschen, ängstlichen Blick auf sie.
„Ist er zu Hause?" flüstert sie.
Helene nickt und läßt die Eintretenden an sich vorbei. Im Zimmer schreitet die Mutter langsam auf Carl zu, während Otto an der Thür stehen bleibt, das Gesicht zu Boden gekehrt, seinen Hut in den Händen, wie ein armer Bittsteller. Helene ... die zuletzt in's Zimmer getreten ist, schließt die Thür hinter sich. Carl zuckt heftig zusammen, als seine Blicke den Bruder treffen.
Frau Köster hat sich ihrem ältesten Sohn mit müden, schleppenden Schritten genähert. Noch nie haben sich die Furchen in ihrem Gesicht so tief und sichtbar ausgeprägt wie heute.
„Otto hat mir Alles erzählt," beginnt sie mit schwacher Stimme, „aus Furcht vor Vatern hat er es damals gethan. Das Messer saß ihm an der Kehle. Es war dicht vor dem Affessorexamen. Er wußte keinen Rath, keine Hilfe mehr und in einem Anfall von Verzweiflung ließ er sich dazu hinreißen. Furchtbar hat er gelitten darum, furchtbar!"
Carl läßt ein bitteres, grelles Auflachen hören.
„Er hat gelitten," ruft er mit heftigem Ungestüm, „er?" Was hat er denn gelitten? Er, der frei umherging, den Niemand verdächtigte, der für Alle der anständige, ehrenhafte Mann war, den man bedauerte, daß er einen so ungerathenen Bruder besaß, wie ich einer war, ich, den man in's Gefängniß steckte und auf den man mit Fingern wies und dem man auch noch heute nicht traut . . . .! Er hat gelitten, sagst Du, er?!"
Er sieht seiner Mutter zornig ins Gesicht. Die alte Frau legt ihre zitternde Hand auf den Arm des Wüthenden und sieht ihm mit einem bittenden Blick ins Auge.


