Ausgabe 
16.7.1898
 
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Worüber, Snkel?" fragte Heinrich.

Ueber Euren stetigen landwirthschaftlichen Rückgang, der gar nicht vorhanden wäre, verlanget Ihr nicht Un­vernünftiges von der immer mehr bedrängten Natur. Genau wie bei der Erziehung über das Schwinden aller Ideale gejammert wird. Wer läßt die heutige Jugend sich so weit durchringen, eigene Ideale zu erlangen? Kein ge­wissenhafter Erzieher und keine Erziehung.

Die Leutchen sind von allem Aufgedrungenen so matt, daß sie ihre Studienzeit für den einzigen Aufschwung ihres Lebens betrachteten. Und die Mädchen, die Frauen? Ich empfinde Mitleid mit der Welt, Heinrich/'

Der sah sinnend auf den grauhaarigen Mann, mit dem die Welt jedenfalls Mitleid haben würde.

Wurdest Du glücklich nach Deiner Auffassung, Onkel?"

Dabei betraten sie das Eßzimmer wieder und setzten sich einander gegenüber.

Glücklich? Mit solchen Voraussetzungen habe ich abgeschlossen."

Zogen Deine Kinder Dich nicht von Deinem Unglück ab?"

Kinder! Die haben ihre eigene Art und wachsen in ihr eigenes Leben hinein. Allerdings vergaß ich unter ihrem zärtlichem Schmiegen für eine Stunde mitunter den Schmerz."

Wir gehen nachher zu Irmgard, Du wirst sie begrüßen wollen, nicht wahr? Mache Dich auf einen neuen Eindruck gefaßt,- in nichts gleicht sie der verschlossenen Hilde, und ich bin stolz auf diese Verschiedenheit, die mir eine von mir un­beeinflußte Entwickelung angekündigt."

Den Töchtern mag Deine Ansicht segensreich gewesen sein," erwog Heinrich,denn von außen her ist das Weib freier, als wir, weder die Schablone unserer Schulen noch Beruf oder Kameradschaft zwängen ihre Persönlichkeit ein." (Fortsetzung folgt.)

Was ist Gehirn- und Herzschlag?

Von Dr. Robert Schultze.

------- (Nachdruck verboten.)

Eine der häufigsten Ursachen des unerwarteten Todes ist der sogenannte blutige Hirnschlagfluß oder die Apoplexie. Man versteht darunter den Tod, welcher durch Blutaustritt in die Schädelhöhle in Folge von Berstung eines Blutgefäßes bewirkt wird. Es ist dies eine Todesart, die vorzugsweise im vorgerückteren Alter vorkommt und mit den Jahren an Häufigkeit zunimmt.

Man unterscheidet zwei Formen des blutigen Hirnschlag­flusses, je nachdem die Berstung des betreffenden Blutgefäßes außerhalb des Gehirns, nämlich in den Hirnhäuten, oder im Gehirne selbst erfolgt. Im ersteren Falle ergießt sich das austretende Blut zwischen die das Gehirn einhüllenden Hirn­häute. Dadurch wird dieses von der Oberfläche aus zu­sammengepreßt, und es werden bei seiner Weichheit und zarten Struetur seine Functionen natürlich um so rascher beeinträchtigt und schließlich aufgehoben, je größer das Gesäß war, aus welchem sich das Blut entleerte. Auch der Um­stand ist von wesentlichem Einfluß, ob eine Vene oder eine Arterie geborsten war, da im letzten Falle das Blut unter einem viel größeren Drucke ausströmt und mit jedem Herz­schlage sich stoßweise entleert.

Die Ursache der Berstung liegt in einzelnen Fällen in einer Geburt aus bestehenben abnormen Zartheit und Dünn- wandigkeit der betreffenden Blutgefäße,- dann kann der Tod schon in jungen Jahren erfolgen, indem ein solches Gefäß dem z. B. während eines Hustenanfalles oder während einer Körperanstrengung vermehrten Blutdrucke nicht mehr zu wider­stehen vermag und einreißt. In der Regel liegt aber der Berstung eine erworbene Erkrankung der Gefäße zu Grunde, wodurch eine abnorme Brüchigkeit ihrer Wände bedingt wird.

Bei dieser Art des Gehirnschlagflusscs tritt der Tod meist in wenigen Augenblicken ein, selten erst nach längerer Zeit. Letztere Fälle sind es dann, die mitunter für Ver­giftungen, besonders mit narkotischen Stoffen, z. B. Opium oder Morphium, gehalten werden, weil keine einseitigen Lähmungserscheinungen vorhanden sind, wie dieses beim ge­wöhnlichen Schlagfluß fast immer der Fall ist, und weil dabei Erscheinungen eintreten, die jener Betäubung sehr ähnlich sind, welche die Vergiftung mit narkotischen Stoffen characterisirt.

Bet der zweiten, ungleich häufigeren Form des blutigen Hirnschlagflusses, erfolgt die Berstung eines Blutgefäßes im Gehirne selbst. In der Regel liegt dieselbe Erkrankung der Gefäßwände zu Grunde wie bei der anderen Art, insbe­sondere tritt sehr häufig eine Bildung winziger Ausweitungen an den die Hirnsubstanz ernährenden Arterienästchen ein. Das Blut dringt aus dem geborstenen Gefäßrohr mit der Kraft des vollen Blutdruckes stoßweise hervor, zertrümmert ausgedehnte Gebiete der Hirnsubstanz, wodurch eine mitunter faustgroße Höhle in letzterer sich bildet, die mit ausgetretenem, rasch gerinnendem Blute gefüllt ist und deren Wandungen aus zerwühltem Hirngewebe bestehen.

Der häufigste Sitz des Blutergusses ist die eine oder andere Großhirnhälfte, aus welcher die wichtigsten, unsere Muskelbewegung vermittelnden Nervenzüge entspringen. Daher ist Lähmung eine der ersten Erscheinungen bei diesem ge­wöhnlichen Hirnschlagfluß, und zwar betrifft sie stets die der blutenden Gehirnhälfte entgegengesetzte Körperseite, weil die genannten Nervenzüge, bevor sie ins Rückenmark und von dort zu den Gliedmaßen übergehen, im sogenannten Hirn­knoten eine Kreuzung erfahren. Da nun durch die Masse des ausgetretenen Blutes gleichzeitig auch die unverletzt ge­bliebenen Partien des Gehirns zusammengepreßt werden und dadurch in demselben eine plötzliche Kreislaufsstörung bedingt wird, so pflegen noch viele andere, denSchlaganfall" zu­sammensetzenden Erscheinungen, insbesondere Bewußtlosigkeit, einzutreten.

Ganz besonders schnell erfolgt der Tod, wenn der vorhin erwähnte fHirnknoten Sitz des Blutergusses bildet, weil in die'em Gebilde die Centren der lebenswichtigsten Nervenapparate, nämlich für die Athembewegungen und den Blutkreislauf enthalten sind, weshalb dasselbe von FlourenS sehr bezeichnend Noeud vital oderLebensknoten" genannt worden ist.

Eine dritte Form des Hirnschlagfluffes ist folgende: Bei Entzündungen der Herzklappen wird bisweilen daselbst ein Gerinnsel oder Gewebsstückchen abgelöst, vom Blutstrome mit fortgerissen, und setzt sich dann in einer Hirnarterie fest, wodurch diese plötzlich verstopft wird. Geschieht dies in dem­jenigen Hirntheile, von welchem die Bewegungsnerven der entgegengesetzten Körperhälfte ausgehen, so werden die gleichen Lähmungserscheinungen eiNtreten wie im vorigen Falle, da­gegen jene Erscheinungen, welche von der Zusammenpressung des Gehirns herrühren, werden nicht entwickelt sein. Des­halb gehen solche Schlaganfälle verhältnißmäßig bester vorüber als die gewöhnlichen, so daß manche Personen innerhalb weniger Jahre wiederholtvom Schlage getroffen werden" und sich doch immer wieder erholen.

Die bei Weitem häufigste Ursache des plötzlichen TodeS ist die Herzlähmung, b. h. der mehr oder weniger plötzliche Stillstand des Herzens. Diese wird meist herbeigeführt durch krankhafte Veränderungen der Herzwände und durch Klappen­fehler. Aber auch abnorme Fettbildung am Herzen behindert theils mechanisch die Herzbewegung, theils führt dieselbe, da das Fett auch zwischen den Muskelfasern sich entwickelt, zu einer Compression und zu allmählichem Schwunde derselben, wodurch dann Unregelmäßigkeit der Herzbewegung, Herzklopfen, Kurzathmigkeit u. s. w. zu Stande kommen und schließlich auch plötzlicher Herzstillstand herbeigeführt werden kann. Bei sehr vielen Erwachsenen bildet sich dadurch einHerzfehler" aus, daß die Arterien, welche das Herzfleisch mit Blut der-