430
zu Mützen, deren Falter Papa für seine SamMungen abfange und in möglichst natürlicher Freiheit sich entwickeln lasse, erklärte Hilde.
Heinrich bog eine solche Zweigspitze herunter und betrachtete sie voll Interesse,- doch sah er schneller nach Hilde, als sie wohl angenommen hatte, denn er begegnete einem dunkel forschenden Blick. Sie jedoch wandte den Kopf und sprach weiter wie bisher.
„Unsere Sammlungen sind hübsch und reichhaltig, hätten Sie Interesse dafür? Ich sehe sie ganz gern, habe aber kein Geschick, sie anzulegen- hierbei'war meine ver- heirathete Schwester viel mehr Papas rechte Hand."
„Sie sehen eigentlich nicht so ungeduldig aus," antwortete er.
„Ungeduldig? Daran liegt es kaum. Nur die Laune, all dieses tobte Zeug aufzusparen geht mir ab, mich drängt, es eher, zu gestalten, neu zu schaffen."
Sie setzte sich auf eine niedrige Bank, nahm ihr Kleid an sich und sah mit einem kindlich gütigen Lächeln einladend zu ihm auf. Es zog ihn neben sie. Mit ihrem Schirm malte sie gedankenverloren allerlei Figuren in den Kies, wischte sie mit der schmalen Fußspitze aus und kritzelte von Neuem, bis er fragte: „Was thun Sie da?"
„Nichts," antwortete sie hastig und unterließ die Spielerei.
Er aber fragte weiter: „Sie folgen diesem Triebe zu gestalten, neu zu schaffen?"
„So schwach ist er nicht, daß er sich unterdrücken oder abweisen ließe, zumal wir einsam oder doch einfömig leben," lenkte sie schnell ab.
„Aber Sie sind so lange Jahre am Ort, Sie müßten bekannt und umdrängt sein, Fräulein Hilde/,
„Papas Ueberdruß an den Menschen rächt sich an uns noch."
„Ihre Schulzeit spielte sich sogar hier ab, Damen^halten auch nach ihr zusammen."
„Ach, meine Schulzeit! Zwei Mal gelang es mir, Freundschaft zu schließen — aber das kann Sie ja nur langweilen."
Heinrich sah sie voll Interesse an. „Das glauben Sie selbst nicht! Zwei Mal also? Und beide Freundschaften endigten bereits?"
„Ach," sagte sie und sah zur Seite, als erhoffe sie von außen her recht sehnsüchtig eine Störung.
„Es ging mir ähnlich," fuhr er nun dringend fort, „und Sie scheinen mich ebenfalls meiden zu wollen."
„Nein," rief sie auffahrend, „das thu' ich gewiß nicht. „Wenn Sie es denn hären wollen: Eine der thörichten Seelen, die sich mir einmal näherten, war die Tochter einer sehr reichen Gemüsehändlerin. Sie wollte ihrem einzigen Kinde zukommen lassen, was sie selbst entbehren mußte: Bildung. Ich habe das Mädchen niemals lachen sehen,- obwohl gut veranlagt, studirte sie förmlich, vergrub sich in ihre Bücher und litt Höllenqualen unter den Tactlosigkeiten ihrer rohen Familie."
„Ich war die Einzige, zu der sie darüber sprach, und ich tröstete sie ganz nach der Schablone, daß es doch immer die Ihrigen seien, brave, rechtliche Menschen dazu, die äußerlichen Formalitäten seien wahrlich keine Thräne werth. Auf diese Rede hin verließ sie mich und nichts konnte sie bewegen, mir jemals wieder zu kommen. Sie starb in ihrem achtzehnten Jahre, ihre Mutter ließ ihr ein herrliches Denkmal, eine trauernde Jugend am Grabe errichten."
„Und die zweite Freundin?" fragte er nachdenklich.
„Meine zweite Freundin kam als Waise hierher. Ihre Eltern waren kurz hintereinander gestorben — ich glaube in drei Tagen. Verwandte theilten sich in die Aufnahme der drei Kinder.
Die Aelteste kam zu einem Prediger, von dem aus sie sich der Krankenpflege zuwandte. Der Zweite, ein Sohn, bildete sich in Kiel zum Maschinenbaufach aus, und die
Dritte, ein keckes Ding wie ich, lernbegierig und unW frieden mit unser weichlichen Weiblichkeit, gleich mir, hungerte sich hier bei einem Onkel durch.
,/Jch sehe sie noch vor mir. Einmal riß sie, wüthend über unser zimperliches Mädchendasein, ein altes Rappier von der Wand-Decoration ihres Onkels, fuchtelte damit umher, und schwur, sie würde als Junge sich eine Welt unterworfen haben. Ich sah sie dabei ebenso zustimmend an, denn mit vierzehn Jahren ist man noch gläubig und unzufrieden mit der stillen Mädchenhaftigkeit."
„Unzufrieden mit Ihrer Weiblichkeit?" betonte Heinrich erstaunt.
Scheu wich sie ihm aus und erzählte desto eifriger weiter: „Bald darauf wurde meine liebe wilde Hummel ebenfalls zu ihrem Onkel Prediger hin verlangt,- von da an änderten ihre Briefe sich zusehends. Eines Tages schrieb sie mir ausführlich über die Entdeckung ihrer theuren Pfleger kurz vor ihrer Einsegnung. Danach hatten ihre freisinnigen Eltern die Kinder nicht taufen lassen, deshalb seien sie, die Schwester von achtzehn, sie von fünfzehn Jahren, nun erst getauft worden; sie hätten einen sehr feierlichen Act gehabt, zu dem sie ihre schwarzen Einsegnungskleider, mit Schleifen geziert, getragen."
„Ich antwortete entrüstet, ob sie während des feierlichen Actes einmal an ihre Heimgegangenen Eltern und deren Wünsche gedacht hätte."
„Von einem unreifen Ding wie ich war, mochten solche Worte höchst vermessen klingen, aber ich konnte nun einmal nicht anders. Nie wieder erhielt ich eine Nachricht von ihr."
„Seitdem hat es Keine mehr mit meiner Freundschaft versuchen wollen."
„Sie vermißten das auch nicht?"
„Oh doch. „Aber es giebt so viel Sehnsüchten im Leben, da behält man auch diese."
Hildes Blick streifte ihn gedankenvoll.
„Eigentümlich, daß ich Ihnen dies Alles erzähle. Wie sind wir da nur hinein gerathen?"
„Das ist für mich ebenfalls wunderbar und weist entschieden auf einige Freundlichkeit, nein, sagen wir nur Freundschaft, hin. Oder könnte Sie irgend etwas davon zurückschrecken?"
„Bewahre," sagte sie selbstvergessen.
„Dann würden Sie mir auch von Ihrem Schaffen erzählen?"
Erstaunt sah Hilde ihn an, ein Ausdruck erhellte ihre Züge, als lächele sie im Leben zum ersten Mal.
„Das behielten Sie? Richtig, unser Gespräch ging davon aus. Immer von mir selbst erzählen? Nein, Sie müssen es errathen."
„Abgemacht," erwiderte er nur und folgte ihr ins HauS, denn Papa werde ausgewacht sein, da müßten sie sich rüsten, Irmgard zu besuchen, sonst fühle sie sich wieder einmal vernachlässigt.
Irmgard, richtig, das war die Aelteste. Sie mochte seit ungefähr neun Jahren verheirathet sein mit einem Philologen, er entsann sich, daß seine Mutter zur Hochzeit hierher reiste, indeß er in der Abiturientenprüfung steckte.
//Ist sie glücklich verheirathet?" fragte er aus diesem Nachdenken heraus.
„Selbst sehen," antwortete sie.
Eben trat Tauchlitz in die Glasthür, die nach dem Garten hinein über einen kleinen Altan fortführte und durch die Hilde gleich darauf merklich erleichtert verschwand, während ihr Vater Heinrich auredete.
„Nimmst Du den Garten auch nicht zu sehr unter Deine landwirthschaftliche Kritik, Heinrich? Ich bin kein strenger Erzieher- Natur hilf, ist mein erster Grundsatz bei den Bäumen wie bei den Menschen, ja, ich bin empört über jede Hand, die niederhält. Maß halten sollten unsere Gärtner wie unsere Erzieher mit ihren eigenen Absichten, dann brauchten sie nicht so viel zu klagen."


