228 -

angenehm auf ihrem Katheder. Ihr Geschäft ist einförmig, daher geiftiödtend. Sie hat nicht viel mehr zu thun, als nach dargereichten Zetteln Geld entgegenzunehmen. Scheinbar besser ist die Cassirerin eines Caffeehauses daran. Sie ist umgeben von zierlichen Tellerchcn mit Zucker, von Liqueur- flaschen und kleinen Gläsern, und wenn auch ihr Berufs ein verantwortlicher ist, könnte man sie doch glücklich schätzen wegen des Verkehres mit den interessanten Persönlichkeiten, die das Eafö besuchen, wäre unter ihnen nur nicht so mancher unausstehliche Geck, der sich vor ihr aufstellt und sie mit süßen Worten ansäuselt. Dann auch der scharfe Tabaks­qualm. Nein, es ist ebenfalls nichts Gutes. Immer habe ich mir eingebildet, eine Probirmamsell müßte das beste Leben führen, denn ihre Pflicht beschränke sich nur darauf, auf ihrem tadellos geformten Körper den Damen schöne Kleider plausibel zu machen. Doch habe ich nie in meinem Leben mit einer Probirmamsel gesprochen, daher auch keine Gelegenheit gehabt, mich nach ihren Freuden und Leiden zu erkundigen.

Es ist wahrscheinlich, daß unter allen weiblichen Erwerb- sichenden die gewöhnlichen Dienstboten sich am besten be­finden. Aber es gehört zweierlei dazu: eine gutgeartete Hausfrau und gutgeartete Mädchen. Beide sind selten. Nehmen wir die Gnädige, wie es sich ziemt, zuerst vor. Ich kenne drei sonst ganz liebenswürdige Damen, die ihre Dienstboten so behandeln, daß diese ihnen gleich wieder davonlaufen. Die Eine ist durch trübe Erfahrungen mit schlechten Dienstboten so verbittert und demoralisirt, daß sie die neuangeworbenen Mädchen sofort mit Sarkasmen be­handelt:Nicht wahr? Zu dieser Arbeit haben Sie wohl keine Lust?"Aber, gnädige Frau, ich habe nichts dagegen vorgebracht."Nicht wahr? Heute wollen Sie wohl zum Tanz?"Aber gnädige Frau, ich gehe niemals ..."Nicht wahr? Rebhühner mögen Sie, aber Rindfleisch nicht?" Und so geht es fort mit zer­fleischenden Stachelworten, und da die Dame eine Französin ist, kommt ihr Deutsch scharf und spitzig heraus, so daß die Mißhandelte sich ganz befremdet von ihr zurückzieht. Eine andere Dame, die sich selbst einegescheidte Frau" nennt und äußerst lebhaft ist, setzt bei neuen Dienstboten ganz außerordentliche Beschränktheit des Verstandes voraus. Jeden kleinen Fehler führt sie auf Dummheit zurück und dann ge­braucht sie in ihrer Lebhaftigkeit Ausdrücke, von denen dumme Gans" der mildeste,dummes Luder" der strengste ist. Allerdings sucht sie hinterdrein die Sache durch einen Scherz gut zu machen, aber dies hilft dann nichts mehr- die Mädchen haben genug und gehen fort. Man muß nach der Beschaffenheit der Ausdrücke nicht glauben, daß besagte Frau den unfeinen Ständen angehöre. Gott bewahre! Man kann sie sogar vornehm nennen, und dabei ist sie im höheren Sinne des Wortes musikalisch. Dies ist auch bei einer Dame der Fall, deren Fehler darin besteht, daß sie ihre Dienstboten im Voraus für falsch, schlau, diebisch und gefräßig hält. Sie zeigt ihnen das größte Mißtrauen und verwahrt alle Schränke und Kasten vor ihren räuberischen Eingriffen, und da sich zu dem Mißtrauen Geiz gesellt, giebt sie ihnen nur geringe Lebensmittel heraus und schließt dann sofort Alles wieder zu. Erbittert durch diese Maßregeln und Hunger geplagt, laufen sie nach wenigen Tagen wieder davon.

Ach, und dann die gutgearteteu Dienstboten! Daß sich Gott erbarm'! Ich habe es in Betrübniß miterlebt und kann einige Skizzen nach der Wirklichkeit liefern. Das erste Mäochen, das wir hatten, kam aus einem Dorfe und war ein ganz junges, hübsches Geschöpf mit schlichten Haaren. Kaum war sie eine Woche bei uns, da kam sie eines Morgens und machte mit zwei Fingern quer über die Stirn die Geberde des Haarschneidens und blickte dabei wehmüthig bittend aus den schönen treuen Augen. Diese Anstalten

sollten darthun, daß sie ihre Haare gern als Fransen zugt- stutzt haben möchte. Man konnte es ihr nicht abschlagen, denn es war schon seit langer Zeit die Mode so. Als sie ihren Wunsch erfüllt sah, setzte sie uns einige Tage darauf in Kenntwß, sich nun in den Strudel des Wiener Lebens stürzen zu wollen. Dies führte sie auch aus, besuchte mit Eifer die Tanzböden und kam Sonntags in der Nacht so spät heim, daß u. s. w. Die zweite war ein zartes, hell­blondes Mädchen aus Oberösterreich, das seine Kindheit in sehr armseligen Verhältnissen zugebracht hatte. Sie besaß eine Helle Gesichtsfarbe, war aber darauf erpicht, diese noch Heller zu machen, und bald darauf füllte sich ihr Zimmerchen mit Schminklöpfchen, deren Inhalt sie so ausschließlich be­schäftigte, daß sie alles Andere darüber vergaß. Dann kam die Dritte. Sie war nicht mehr jung, aber sehr eitel, und man konnte oft beobachten, wie sie vor einem Spiegel freundliche, ja berückende Gesichter schnitt, mit denen sie ihrem Herzliebsten aufwarten wollte. Um diesen heimlich empfangen zu können, ölte sie schon am ersten Tage ihrer Anwesenheit die Wohnungsthür unter dem Vorgeben, ihr sei das Kreischen der Angeln in der Seele zuwider. Ihr Ge­liebter kam jedoch niemals, denn er wollte eigentlich gar nichts von ihr wissen, und darüber war sie allmählich so empört, daß sie ihren Zorn an uns ausließ und uns grob behandelte, so daß man sich das Weitere denken kann. Darauf kam Eine, die es im Grunde nicht näthig hatte, denn sie war die Tochter wohlhabender Wirthsleute in einem Dorse jenseits der Donau. Sie betrachtete sich als Volontärin. In der Absicht, Wien kennen zu lernen, war sie herübergekommen. Doch lag ihr eigentlich nicht viel daran, denn diese Absicht zu betreiben, war sie zu bequem. Sie kannte nur eine Freude auf der Welt, nämlich das Verzehren von Kuchen. Dafür gab sie ihren ganzen Lohn hin, und da sie auch vom Elternyause immer frische Zufuhr süßer Eßwaaren erhielt, mußte sie zu deren Consum die Nacht zu Hilfe nehmen. In der That saß sie beim schwachen Licht der Lampe Nachts auf dem Bette und ohne Unterlaß Kuchen in sich hinein. Davon wurde sie feist und so mürrisch, daß sie uns in ihrer Uebersättigung übel behandelte. Wir ertrugen dies mit Geduld, die aber doch einmal ein Ende nehmen mußte. Ich könnte noch mehrere solcher Fälle an­führen, will aber nur kurz melden, daß wir in zwei Jahren nicht weniger als acht Mal die Dienstboten wechseln mußten, und doch haben sie es bei uns ganz gut, da wir nur zwei Personen, noch dazu freundliche Personen sind.

Nach den zweijährigen Kümmernissen kam ein Mädchen, das nun schon viele Jahre bei uns ist und auch in Zukunft bleiben wird. Wenn Eine guten Willen hat, dabei geschickt und treu ist, muß man sie auch danach halten. Thut man dies und ist sie nicht mit Arbeit überbürdet, so hat sie unter allen Erwerbsuchenden wohl das ruhigste und sorgenloseste Leben. Aber manche Frauen behandeln ihre Untergebenen in der That zu miserabel. Wackere Dienstboten bekommen eine Belohnung, wenn sie lange auf einem Platze bleiben. Vielleicht könnte man auch für wackere Hausfrauen, welche ihre Mädchen lange bei sich zu behalten wissen, eine Prämie stiften. Damit soll nicht gesagt sein, daß sie alsdann das Gute nur des Lohnes halber üben, sondern daß sie Angesichts des Kleinods vielleicht zu der Erkenntniß gelangen, man müsse auch gegen Dienstboten gerecht und liebreich sein. So aber wissen nervöse Damen oft nicht, was sie thun, und darum wird Gott ihnen möglicher Weise ihre Sünden vergeben. ____________

Humoristisches.

Scharfe Beobachtungsgabe.Du, mir scheint, mit dem Protzmaher gehts auch schon abwärts!" Woraus schließt Du dies?" Weil die Mädel Heuer auch | keine so weiten Aermel mehr haben wie voriges Jahr."

Redaction: I. B.: Hermann Llle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.