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Hebet „atme Mädchen"
plaudert Johannes Ziegler im „N. W. T." und was er von Wien, von Wiener Hausfrauen und Dienstmädchen sagt, das kann auch bei uns als im Ganzen zutreffend bezeichnet werden. Es heißt da:
Nothwendig ist es, aber empörend zugleich, daß jetzt so viele weibliche Wesen selbständig dem Erwerbe nachgehen müssen, statt von den Männern in der Ehe erhalten zu werden. Dies wird noch immer mehr zunehmen, und die Armen sind genöthigt, weit in das Gebiet hinüberzugreifen, das bisher den Männern allein Erwerbsquellen bot. Namentlich ist dies in England der Fall. Dort giebt es schon jetzt weibliche Geschäftsreisende, Schriftsetzer, Lithographen, Holzschnitzer, Vergolder, Uhrmacher, Gefängniß- beamte, Buchbinder, Gold- und Silberschmiede, Prediger, Handlungsgehilfen, Bürstenmacher, Buchdrucker, Polirer, Kunsthändler, ja in der letzten Zeit auch weibliche Droschenkutscher- dazu kommen noch die selbständigen Gärtnerinnen, Buchhändlerinnen, Verlegerinnen, Architectinnen, Redactricen, Aerztinnen, Kupferstecherinnen, Briesbotinnen, Musikalienhändlerinnen, Missionärinnen, Reporterinnen, Tapeziererinnen, Tischlerinnen und zahlreiche weibliche Beamte im städtischen Dienst.
In dieser langen Reihe fehlen noch immer die, welche auch bei uns dem Erwerbe nachgehen müssen, als da sind die Lehrerinnen der französischen Sprache, die Clavier- lehrerinnen, die Malerinnen und Coloristinnen, die Postfräulein, die Telephonistinnen, die Schneiderinnen und Näherinnen, die Probirmamsellen, die Buchhalterinnen, die Lehrerinnen, die Cassirerinnen und dann noch das ungeheuere Heer der eigentlich Dienenden, von der gräflichen Hofdame bis zum kleinsten Mädchen für Alles. Diese bleiben wenigstens innerhalb des weiblichen Gebietes- überall dagegen, wo die Erwerbsuchenden in das männliche Gebiet hinübergedrängt werden, gestaltet sich die Sache zweischneidig, denn in gleichem Maße, wie den Männern der Verdienst erschwert wird, sind sie gehindert, einen Hausstand zu gründen, zum Schirm und Schutz einer geliebten Gattin. Die Folge davon wird Abnahme der Bevölkerung sein. Freilich, ist darin einmal eine Grenze erreicht, ist Ebbe eingetreten, dann wird wohl der normale Zustand wieder erreicht, und dann brauchen die weiblichen Wesen nicht mehr in das Arbeitsfeld der Männer hinüberzugreifen, sondern werden wieder heirathen, bis abermalige Uebervölkerung eintritt. So werden in dieser Sache Ebbe und Fluth einander ablösen bis in die späteste Zeit.
Nach dem dreißigjährigen Kriege war Deutschland so entvölkert, daß Hungersnoth eintrat, weil nicht genug Mannschaft zur Bestellung des Ackers vorhanden war. Seitdem sind zwei und fast ein halbes Jahrhundert verflossen- die Fluthwelle ist also nach menschlichen Begriffen sehr lang, sehr hoch, sehr groß. Wie hat sich während der Zeit Alles langsam verändert! Vor hundert Jahren beispielsweise herrschten bei den großen vornehmen Kaufmannshäusern in Hamburg ganz andere Bräuche wie jetzt. Da waren die Handlungsdiener — heute Commis genannt — wie Kinder im Hause, aßen mit ihrem Herrn am selben Tisch, gingen Sonntags mit ihm und den Seinen in die Kirche, wurden in Zucht und Ordnung gehalten und mußten Abends zu rechter Zeit im Hause sein, denn dort wohnten sie. Damals hatte noch jeder Mensch einen Werth. Heute dagegen ist Hamburg förmlich von Handelsbefliffenen überschwemmt, die aus allen Gegenden Deutschlands dahin strömen, um dort eine Stelle zu finden. Nur ganz Wenigen gelingt dies. Die übrigen laufen herum; um sie kümmert sich Niemand. Aber auch um die, welche das Glück haben, ihre Füße täglich unter das Pult des Comptoirs stecken zu dürfen, kümmert sich ihr Principal nicht weiter, als sie ihre Pflicht thun- sie essen nicht mehr an seinem Tisch, sie gehen nicht mehr mit ihm in die Kirche, werden außerhalb des Geschäftes
i nicht mehr in Zucht und Ordnung gehalten und können schlafen wo sie wollen. Die Menschen sind eben wohlfeil geworden.
Unter meinen Fenstern auf der Straße, da geht sie jeden Tag vier Mal vorbei, mit ihren kleinen spitzen Füßchen, die abwechselnd so zierlich unter dem Saum des Kleides hervorblicken. Sie geht jahraus jahrein durch den Schmutz, sie geht durch den Schnee, sie geht durch den Staub in die nahe Schule, wo sie die Kinder unterrichtet. Sie unterrichtet sie jahraus jahrein in den gleichen Dingen und hat es so satt, so herzenssatt. Aber sie muß. Die Einförmigkeit hat ihr ein schweres Kopfleiden zuwege gebracht, aber sie muß weiterthun im ewigen Einerlei, denn sie hat wenigstens eine feste Anstellung. Andere müssen in der weiten Stadt Herumlaufen, um Unterricht in der französischen Sprache zu geben. Es sind ihrer so viele- daher wird es schlecht bezahlt. Im Sommer haben sie fast nichts zu thun. Manche ist froh, wenn sie von einer Familie mit auf's Land genommen wird, damit die Kinder während der Ferien nur nicht das kostbare Französisch verlernen. Sie gilt dann da draußen nicht viel höher als ein Dienstbote. Und wie viele Clavierlehrerinnen steigen nicht in Wien umher! Ich weiß von Einer, die es spottbillig thut und deshalb vom Morgen bis zum Abend Stunden hat. In Sturm und Regen rennt sie durch die Straßen und kommt bei Dunkelwerden heim, müde und mit nassen Kleidern. Wie lange sie es so treiben wird, mag Gott wissen. Und wenn sie in dieser aufreibenden Lebensart krank niederbricht, hilft ihr kein Mensch. Zuweilen sieht man in den Blättern Inserate, in denen Clavierlehrerinnen aufgefordert werden, ohne Entgelt Unterricht zu ertheilen. Lange konnte ich diese unverschämte Aufforderung nicht begreifen, und als ich mich erkundigte, welche Bewandlniß es damit habe, erfuhr ich, es gebe eine Vorschrift, nach welcher der Unterricht unausgesetzt fortgeführt werden muß, denn nach einer längeren Unterbrechung werde eine neue Prüfung verlangt. Darum ist eine Lehrerin oft froh, unbezahlte Stunden zu geben, wenn es ihr an bezahlten gebricht.
Es giebt so viele Maler und Malerinnen in Wien, daß nur die am meisten vom Glück Begünstigten sich über Wasser halten können, ohne in ihrem Fach hinabzugreifen. Die für illustrirte Blätter zeichnen, sind nicht so übel daran, aber sie müssen gar oft den Verdruß erleben, daß ihre sorgsam nusgeführten Originale bei der Wiedergabe im Druck kaum zu erkennnen sind, so grob ist sie bei den meisten dieser Blätter. Andere und dahin gehören vornehmlich die Malerinnen, coloriren die Photographien, welche, zumeist in München, nach Gemälden angefertigt werden, oder die mit Figuren geschmückten Festkarten. Im Preise unterbieten sie einander, um nur Beschäftigung zu erhalten. Der Unterricht im Malen und Zeichnen wird allerdings weit besser bezahlt, als der in Clavier und Französisch, doch dafür ist er weniger gesucht. Diese Erwerbsquellen sind auch schwankend und unsicher. Darum kann man sich nicht wundern, daß so viele Mädchen feste Stellen bei der Post und dem Telephon suchen. Haben sie solche erhalten, so sühlen sie sich bei der kargen Besoldung doch wenigstens sicher. Dies zeigt sich bald in ihrem ganzen Habitus. Es ist recht erfreulich, wenn man sieht, mit welcher schönen Gelassenheit und Ruhe ein Postfräulein, das Binocle auf der Nase, ihr Geschäft versieht und dabei noch immer Muße findet, ihre Meinungen mit den Colleginnen auszutauschen. Beim Telephon hat die Sache oft sogar einen Stich in's Uebermüthige. Manchmal — natürlich nicht in Wien — kommt es vor, daß die angestellten Damen, wenn sie hören, die anrufende Stimme komme von einem weiblichen Wesen, gar nicht weiter antworten, und der Anrufenden bleibt dann nur das Vergnügen, durch das Hörrohr die Conversation und das silberne Lachen der lieben Mädchen in der Contrale zu vernehmen.
Vielleicht sind sie die glücklichsten unter allen weiblichen Angestellten. Die Cassirerin in einem Laden hat es nicht so


