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Der Fuchs des Waffers.
Ohne Jägerlatein geschildert von Dr. Fritz Skowronnek.
------- (Nachdruck verboten.)
Man sagt, daß jeder Vergleich mehr oder weniger hinkt. So will ich denn gleich von vornherein eingestehen, daß das Bild, das ich zur Schilderung eines Wasserwohners gewählt habe, auch nicht ganz paßt. Aber nicht etwa, weil der Hecht, den ich mit dem Fuchs vergleichen will, diesen Vergleich nicht aushielte, sondern weil Meister Reineke dabei als Ausbund von Verschlagenheit und Gewandtheit gelten soll. Ich befinde mich nämlich mit einer großen Zahl jüngerer Jäger und Naturforscher in Hellem Widerspruch zu der landläufigen Ansicht, die meiner Meinung nach von dem bekannten Thierepos Reineke de Voß' herrührt und dem Mäusevertilger ganz wunderbare Eigenschaften zuschreibt. Der Fuchs zeichnet sich weder durch Schärfe der Sinne aus — darin wird er von jedem Jagdhund übertroffen — noch durch besondere geistige Fähigkeiten. Ja, ich bin kühn genug, den Jägern, die noch immer in den Geschichten schwelgen, wie sie den Schlauberger überlistet, den Rath zu geben, weniger Jägerlatein zu reden. Denn bei näherer Prüfung könnte es sich doch Herausstellen, daß weniger die Schlauheit des Fuchses als die noch größere Schlauheit des Jägers ins rechte Licht gestellt werden soll.
Es könnte nun womöglich passiren, daß Jemand, der sich getroffen fühlt, mir mit gleicher Münze heimzahlt und behauptet, ich hätte auch keinen andern Grund, die Eigenschaften des Hechtes so hoch einzuschätzen, als die Beleuchtung meiner höchst eignen Schlauheit. Ich wäre bescheiden genug, diese Erwiderung für ein Compliment zu nehmen, dessen ich mich allerdings erst würdig zu zeigen hätte. Denn das, was ich berichten will, ist zwar zum großen Theil selbst erlebt, aber zu einem nicht geringen Theil beruht es auf ben Erfahrungen alter Fischer. Und dieser Beruf hat das Eigenthümliche an sich, daß er den Menschen schweigsam macht — während der Jäger gar nicht die Zeit erwarten kann, bis er in die Kneipe und unter Menschen kommt, denen er seine Erlebnisse oder die Producte seiner lebhaften Phantasie mittheilen darf. So darf ich denn mit etwas Selbstbewußtsein behaupten, daß diese anspruchslosen Plaudereien über die Bewohner des nassen Elementes manches Neue enthalten, was man selbst in umfangreichen Monographien vergeblich suchen dürfte.
Eine genaue Beschreibung des Hechtes kann ich mir wohl ersparen, denn es wird wenige Menschen geben, die diesen Fisch nicht schon erblickt oder gegessen haben. Nur auf eins will ich htnweisen, auf die langgestreckte scharfe Bauart seines Körpers, die starke Schwanzflosse und die mächtigen Rücken- und Bauchfloffen, die so weit hinten am Körper stehen, daß sie die Wirkung des Schwanzes unterstützen. Diese Körperconstruction macht den Hecht zum ge- fürchtetsten Räuber, denn sie befähigt ihn, mit einer Schnelligkeit, die nicht einmal der aus der Luft herabstoßende Habicht oder Falke erreicht, über sein Opfer her- zusallen. Und was er packt, das hält er fest! Im Unterkiefer stehen große, ungleiche, mit der Spitze nach hinten gerichtete, konische Fangzähne, alle übrigen Mundknochen tragen Hechelzähne von verschiedener Größe.
Der Hecht Pflegt am Tage möglichst gedeckt still zu stehen und seine Beute mit einem einzigen Sprung zu erhaschen. Er gleicht darin, wenn man überhaupt solche Vergleiche ziehen darf, dem Löwen, der sein Opfer nach dem ersten Fehlsprung unbehelligt weiter ziehen lassen soll. Der Barsch dagegen, ein plumper Gesell, ähnelt darin dem Tiger; er verfolgt seine Beute so lange, bis er sie ermüdet und eingeholt hat.
Wählerisch ist der Hecht nicht, er nimmt Frösche, Fische, Wasserratten, Enten, kurzum alles, was ihm vor die Schnauze kommt und was er bezwingt. Ich habe sogar schon zwei
Hechte angetroffen, wobei der kleinere den größeren querüber den Kopf gepackt hielt. Nur einen Fisch verschont er, den Stichling.
Dagegen ist es eine gut beglaubigte Thatsache, daß der unersättliche Räuber auch gegen badende Kinder Attentate versucht hnt. Damit habe ich gewiß die Frage rege gemacht, wie groß denn der Hecht überhaupt wird. Auf die alten Märchen von den moosbewachsenen Exemplaren, die auf Metallringen das Datum ihrer Geburt mit sich Herumtragen, lasse ich mich garnicht ein. Das ist eine Spezialität des Hochsommers, die in den Spalten der Tagesblätter genau so regelmäßig wiederkehrt, wie die uralte Frau, die noch Friedrich den Großen als Kind gesehen, oder der gewaltige Wels aus dem Schlachtensee, der alljährlich den staunenden Berlinern von dem verschmitzten Fi'cher gegen Entree gezeigt wird. Der Großstädter wird selten einen Hecht über zehn bis zwölf Pfund erblicken, da das Fleisch solcher großen Exemplare als nicht besonders schmackhaft gilt. Es giebt aber weitaus schwerere Hechte. Der größte, den ich mit meinen eignen Augen gesehen, wog rund 40 Pfund- doch sind im Spirding, in dem größten norddeutschen Binnensee, einige noch schwerere Hechte gefangen worden, von denen der größte etwas über 50 Pfund gewogen haben soll. Leider hat man versäumt, die genauen Maße dieser gewaltigen Burschen zu verzeichnen. Und da es unter den Hechten sowohl kurze, gedrungene, wie lange, dünne Gestalten giebt, so läßt sich nur ganz allgemein schätzen, daß solch ein alter Herr bis zu zwei Meter Länge gehabt haben muß.
Doch das sind seltene Ausnahmen, und es giebt nicht viel Menschen, die das Vergnügen genossen haben, ein solches Exemplar zu erbeuten. Mir war war es beschieden . . . . Eines Tages, im Hochsommer des Jahres 1876, kam unser alter Fischmeister in heller Aufregung auf den Hof gelaufen. Die Kinder hätten beim Baden einen gewaltigen Hecht gesehen. Das Unthier sei den Kindern kaum ausgewichen. Ich stürmte davon, um den Schlüssel zum Kahn zu holen, der Alte hatte inzwischen aus der Geschirrkammer ein Handruder und den Speer geholt. Während wir den Berg hinab zum See eilten, erklärte mir der alte Stomber, daß seiner Meinung nach der dreitägige Weststurm den Fisch auf dem flachen Ufer überrascht und durch den starken Wellenschlag so müde gemacht habe, daß er sich kaum von der Stelle rühren könne. Da er aus Erfahrung sprach, glaubte ich ihm, denn ich wußte keine andere Erklärung dafür. Am Ufer standen die Kinder und zeigten uns die Stelle, wo sie den Fisch gesehen. Ich schob den Kahn langsam vorwärts, da merke ich, wie Stomber vom Jagdfieber gefaßt wird. Er hebt den Speer- einen Augenblick spannen sich alle Sehnen, dann fährt die furchtbare Waffe mit scharfem Schlag ins Wasser. In demselben Moment läßt der Alte den Schaft aus der Hand schießen- blitzschnell fährt der Fisch mit dem Speer im Rücken zur Tiefe. In athemloser Spannung schauen wir auf die stille Wasserfläche. Lange kann auch der stärkste Fisch dem Auftrieb des Holzschaftes nicht widerstehen. Da, Zda, zwanzig Schritt von uns taucht die Spitze des Schaftes aus dem Wasser . . . Vergeblich dränge ich den Alten dazu, den Fisch am Speer aus dem Wasser zu ziehen. Noch ist die Zeit nicht gekommen. Noch mehrere Mal taucht der Schaft empor, immer kürzer werden die Zwischenräume . . . endlich schwimmen Fisch und Speer auf der Oberfläche. Vorsichtig schiebe ich den Kahn hinzu. Noch ein schwacher Versuch, hinabzutauchen . . . Dann greift Stomber zu, erfaßt das mächtige Thier in die Kiemenspalte, ich helfe am Speer, der bis zum Griff hineingedrungen war, nach. So hoben wir den gewaltigen Burschen, der rund vierzig Pfund wog, in den Kahn.
Das Stechen der Hechte mit dem Speer wird nur noch selten geübt, da es gesetzlich verboten ist. Vor zwanzig, dreißig Jahren jedoch wurde diese Kunst häufig angewendet. Sowie im Frühjahr das Eis an den Rändern aufgeht und das Thauwaffer die flachen Uferstellen überschwemmt, be-


