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Als er nach einer Stunde nach Hause zurückkehrte, war Otto schon wieder fort.
VII.
In dieser Nacht kam wenig Schlaf in Carls Augen. Unaufhörlich legte er sich die Frage vor: „Was soll ich thun?" Es dünkte ihm unmöglich, es ruhig geschehen zu lassen, daß Helene Zimmermann sich in der Gesellschaft von Menschen amüsirte, deren wahrer Character der Unerfahrenen gewiß nicht im Entferntesten bekannt war. Ein unbestimmtes Gefühl von Angst, Eifersucht und Entsetzen schnürte ihm die Brust zusammen, wenn er sich Helene Zimmermann an der Seite des Referendars von Markwald, dieses geleckten, gezierten und eingebildeten Gecken vorstellte, der sicherlich nichts Ehrenhaftes bezweckte, wenn er einfachen Mädchen aus dem Volke seine Gesellschaft widmete. War es nicht Menschenpflicht, hier rettend einzuschreiten und die Arglose, die die Gefahren des Berliner Lebens nicht kannte, vor der Gesellschaft lockerer Lebemänner zu bewahren?
Aber wie? Welche Mittel standen ihm zu Gebote, seinen Zweck zu erreichen? Wie ein Fieber glühte die Aufregung in den Adern des ruhelos sich auf seinem Lager Wälzenden und der Angstschweiß brach ihm aus, während er rathlos hin und her sann.
Am anderen Morgen hatte sich seiner eine verzweifelte Stimmung bemächtigt. Wenn sich ihm denn absolut kein anderes Mal bot, so würde er mit Helene Zimmermann selbst sprechen. Die Zähne schlugen ihm vor Aufregung zusammen, während er mit sich zu Rathe ging, wie er es ihr sagen sollte. Was würde sie von ihm denken.
Als elf Uhr vorüber war, brach er von der Fabrik auf. Er wußte, daß Helene in der zwölften Stunde nach Hause ging. Richtig, an der Ecke, wo die Rügener- und Badstraße zusammentrafen, begegnete er ihr. Sie erwiderte seinen Gruß freundlich wie immer.
Das Blut schoß ihm glühend in Stirn und Wangen. Aber er raffte sich gewaltsam zusammen.
„Ich ... ich habe Sie erwartet, Fräulein Helene, ich möchte Ihnen etwas sagen," begann er zaghaft und unwillkürlich den Blick senkend —" „wenn Sie es mir erlauben ..."
Sie war stehen geblieben, während er sie begrüßt hatte. Jetzt setzte sie ihren Weg fort.
„Bitte!" sagte sie und sah ihn erstaunt von der Seite an.
Heiß und kalt durchschauerte es ihn. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Es war doch schwerer, als er es sich schon so vorgestellt hatte. Endlich faßte er sich ein Herz.
„Ich habe Sie gestern mit Otto gesehen," brachte er schüchtern heraus mit einer Miene, als ob er sich einer wer weiß welch großen Dreistigkeit schuldig gemacht habe.
Sie erröthete und erhob forschend und verwundert den Blick zu ihm.
„Ich habe Sie wirklich nicht bemerkt," erwiderte sie wie entschuldigend. „Warum sind Sie denn nicht herangekommen ?"
„O ... ich ... ich sah Sie ja ... ja nur von Weitem," stammelte er.
Sie schritten eine Weile schweigend nebeneinander, Beide besangen, Beide im Stillen nach einer passenden Fortsetzung des Gesprächs suchend. Er war es, der zuerst wieder das Wort nahm. Es kostete ihn eine gewaltige Anstrengung, als er jetzt mit der krampfhaften Entschlossenheit eines Menschen, der unter allen Umständen sprechen muß, die Bemerkung wagte: „Otto hat mir erzählt, daß Sie heute Abend mit ihm in den Circus Renz gehen wollen, mit ihm und den Anderen."
Sie erröthete wiederum. Aber ihre Verlegenheit war nur momentan. Ihren Blick wieder zu ihm erhebend, sagte sie schlicht, mit der Miene eines Menschen, der sich keines Unrechts bewußt ist: „Ja, Ihr Bruder war so liebenswürdig, mich einzuladen. Es ist sehr freundlich von ihm."
„Nein, es ist sehr unrecht von ihm und Sie sollten die Einladung nicht annehmen."
Es war ihm in seiner Aufregung fast rauh und heftig entfahren. Sie sah ihn erstaunt, erschreckt an.
„Unrecht?" fragte sie, und nicht nur in ihren Mienen, auch im Ton ihrer Stimme drückte sich Befremden und eine leise Nuance von Mißtrauen aus. „Wieso?" Ist Ihr Bruder denn nicht ein ehrenhafter Mann, dessen Schutz sich ein anständiges junges Mädchen anvertrauen darf?"
Wieder kam der junge Mann in's Stocken und eine rathlofe Verlegenheit malte sich in seinen zuckenden Mienen. Seine Lippen bewegten sich mechanisch, brachten aber kein lautes Wort hervor. Was sollte er ihr antworten? Sollte er seinen eigenen Bruder bei ihr anschwärzen! Sollte er ihr sagen: „Otto ist ein leichtsinniger Mensch, der es nicht ehrlich mit Ihnen meint. Hüten Sie sich vor ihm!"
Was würde sie von ihm denken? Würde sie seine Worte nicht für eine Verleumdung halten, die ihm sein Neid, seine Eifersucht eingegeben?
„Aber die Anderen," stieß er endlich krampfhaft hervor.
„Die Anderen? Die Freunde Ihres Bruders? Ja, wenn Herr Otto mit ihnen verkehrt, ist das nicht ein Beweis für die Ehrenhaftigkeit der Herren?"
Carl Köster starrte das junge, arglose Mädchen, das den reinen Sinn, der ihm selbst eigen, auch auf alle anderen Menschen zu übertragen schien, rathlos an. Endlich raffte er sich zu ein paar allgemeinen Worten auf:
„Ich bitte Sie, Fräulein Helene, gehen Sie nicht! Glauben Sie nur, es geschieht nur in Ihrem eigenen Interesse, daß ich Sie darum bitte. Es ist wirklich für ein junges Mädchen in Berlin nicht rathsam, sich von Herren in allerlei Vergnügungslocale führen zu lassen."
Er sah ihr dringlich in's Gesicht und er bemerkte, wie ein Schatten von Verstimmung sich über ihr freundliches, hübsches Gesicht verbreitete.
,,Jch begreife Sie nicht, Herr Köster," entgegnete sie gekränkt, empfindlich. „Ihr Bruder ist doch für mich kein fremder Mensch. Ich habe ihn doch fast tagtäglich wochenlang in der Wohnung seiner Eltern gesprochen und habe gesehen, daß er ein guter Sohn ist. Und Ihre Mutter hat mir so viel Gutes und Schönes von ihm erzählt. Soll ich ihm für seine Freundlichkeit danken, indem ich ihm erkläre: nein, ich kann Ihre Begleitung nicht annehmen, ich kenne Sie nicht genug, Sie sind mir zu fremd? Wie würden Sie es aufnehmen, wenn ich Ihnen nun sagte: Herr Köster, ich kann mit Ihnen hier auf offener Straße nicht gehen und sprechen, Sie sind ein Fremder für mich. Und von wem soll ich mich denn begleiten lassen, wenn ich mir mal eine Zerstreuung gönnen will? Mein Onkel und meine Tante, bei denen ich wohne, sind alte Leute, und von meinen jüngeren Verwandten hier fällt es Niemandem ein, mich einmal zu irgend einem Vergnügen einzuladen. Sie haben gut reden, Herr Köster, Sie sind ein junger Mann, Sie können hingehen und sich amüsiren, wo und wann es Ihnen beliebt. Glauben Sie, unsereins möchte nicht auch einmal etwas von den vielen Wunderdingen sehen, von denen man nun schon so viel gehört hat? Ich bin nun schon sechs Monate in Berlin und bin noch nirgend gewesen, in keinem Theater, in keinem Concert. Immer nur Arbeit und Arbeit. Man ist doch auch jung und möchte einmal ein Vergnügen haben. Warum gönnen Sie mir das nicht? Ich muß ja Ihrem Bruder noch dankbar sein, daß er sich meiner erbarmt und daß er so freundlich ist, mir seine Begleitung anzubieten, da ich doch als junges Mädchen allein nicht gehen kann."
Sie hatte das Alles in schnellen Flusse, in steigender Erregung gesprochen mit blitzenden Augen und rothen Wangen. Jedes ihrer Worte hallte im Innersten seines Herzens wieder. Ein tiefes Mitleid glühte in ihm auf mit dem armen jungen Mädchen an seiner Seite, mit seiner Verlassenheit, mit der Freudlosigkeit ihres Lebens, und zugleich erfaßte ihn ein rasender Zorn gegen sich selbst. (Forts, folgt.)


