Ausgabe 
15.5.1898
 
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Kubaitzen," hatte die Henzen wehmüthig geschlossen, er is nun all die vielen Jahre ordentlich und treu gewesen und die Tassen haben gehalten. Aber gestern, wie ich man blos die mit den Vergißmeinnicht in die Hand nehme und sie abputzeu will, da bricht der Henkel ab. Kubaitzen, das hat was zu bedeuten. Und ich bin 'ne unglückliche Frau und lege mich ins Bett, denn ich kriege meine Brustschmerzen wieder."

Leg Dich man hin, Henzen," hatte sie gerathen,und das Andere bringe ich in Ordnung, das laß man sein. Dein Dienstmann, ach Du mein Güte, der kriecht in ein Mauseloch vor mir. Laß ihn man Witze machen, ich kann auch welche. Und den hat das Mädchen zum Besten, das hat doch einen Bräutigam und wenn sie genug gespart hat, so heirathen sie sich auch. Die Ida macht Dir den alten Weltbürger nicht abspenstig, aber zu viel Geld soll er nicht aus dem Hause tragen, das ist der schlimmste Witz, das sage ich."

Auf das Zeichen, das sie kaum gegeben, flog die Thür der Villa auf.

Sie sah dem kleinen Groom mit den feinen Strümpfen über den prallen Waden freundlich ins Gesicht.

Ich will die Gnädige sprechen!"

Der Bursche veränderte keine Miene.

Ich weiß nicht ich glaube nicht"

Na ob," sagte sie und befreite ihre Arme von dem Tuch. Ich habe sie doch eben da hinter den geblümten Vorhängen stehen sehn! Man keine Flausen, ich kenne sie doch und sie kennt mich, ich heiße Kubaitzen."

Das ist noch kein Beweis, ob die Frau Consul," das Stümpfnäschen reckte sich bedeutend höher,zu sprechen ist."

I na, das kann ich ganz genau sagen, sie is es!" Damit löste sie auch die große Schutznadel, welche das schwarz und weiß karrirte Tuch über der Brust zusammen­hielt.Heben Sie man Ihre Beine auf und laufen Sie een Bischen, damit Sie nicht auf dem Fleck da anwachsen. Das könnte doch een Malheur geben. Für mich is sie zu sprechen, die gnädige Frau sagen Sie, die Kubaitz, her­geschickt vom Herrn Doctor Hallsberg."

Sie blickte so resolut, daß sich Toni, anschickte, ihren Wunsch zu erfüllen, auch schon deshalb, weil der laute, ordinäre Klang ihrer Stimme in diesem stillen Hause etwas Ungewöhnliches war. (Fortsetzung folgt.)

Der gute Geist.

Station Elbersburg, Wagenwechsel in der Richtung nach Langenau eine halbe Stunde Aufenthalt" riefen die Schaffner, und einem Abtheil erster Klasse entstieg ein älterer, hochgewachsener Herr, dem der lange, der starken Kälte wegen festzugeknöpste Pelzrock ein vornehmes Aussehen verlieh. Eine kleine, elegante Reisetasche behielt er, die Anerbieten der Pack­träger gemessen abweisend, in der Hand und drängte sich nicht ohne Mühe durch die Menge der zahlreich mit ihm ein­getroffenen Passagiere zum Restaurationssaal.

Dieser, nicht übermäßig groß, war schon ziemlich'gefüllt, es gelang dem Fremden kaum, noch einen kleinen Tisch in einer Ecke für sich zu erlangen, wo er sich alsbald behaglich einrichtete. Geschäftig liefen die Kellner hin und her, die ihre verschiedenartigsten Wünsche mehr oder weniger laut äußernde Menge zu befriedigen; endlich erfaßte der alte Herr einen der ihm nahekommenden dienstbaren Geister am Frackzipfel.

Was befehlen Euer Gnaden?"

Eine Tasse Bouillon, aber etwas plötzlich viel Zeit habe ich nicht."

Sollen sofort bedient werden" und der Eisenbahn­ganymed stürzte fort.

Nicht lange, so stand der dampfende Trank vor dem Gaste; mißtrauisch rührte der Herr in der dünnen Brühe, kostete davon einige Löffel und sagte:

Br, das ist ja klares Waffer. Wie können Sie mir nur so etwas vorsetzen. Miserable Bouillon, soll der Herr Wirth selber trinken ich nicht."

Verblüfft blieb der Kellner stehen.

Was stehen Sie denn da, als ob Sie angewachsen wären. Richten Sie, was ich gesagt, nur an Ihren Principal aus, haben Sie keine Angst. Verstanden?"

Der dienstbare Geist verschwand.

Ich hätte mir etwas Anderes bestellen sollen, murmelte der Fremde vielleicht ein Glas Port oder Xeres . . . wie schnell und gründlich man nur bei dem Wetter durch­kältet wird."

Er zog den Pelzrock fester zu und sah mißvergnügt vor sich hin.--

Mit zornigen Mienen schritt der Bahnhofwirth durch das Local.

Dieser Herr", sagte der Kellner, der ihm folgte und wies auf den Gast, seine Schadenfreude, daß der Fremde von der Mißbilligung des Gekränkten, die er bereits hatte durchkosten müssen, nun auch sein Antheil abbekäme, kaum verhehlend.

Mit einem effektvollen Bühnenschritte, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte in dem bis oben zugeknöpften Rocke verborgen, wie man es bet altmodischen Standbildern häufig sehen kann, trat er vor seinen Gast.

Unwillkürlich imponirte ihm dessen Erscheinung und das zwang ihn, seine Berserkerstimmung um einige Grad herabzu­mildern. Aber etwas mußte geschehen, er räusperte sich, setzte mehrere Male an und begann endlich:

Mein Herr . . ."

Was beliebt?" und dabei sah der Fremde den Zornigen ruhig an, sich lächelnd über den langen, grauen Bart streichend.

Mein Herr! Sie haben sich erlaubt, meine Frühstücks­bouillon schlecht zu finden. Ich muß Ihnen sagen, meine Bouillon ist gut und wenn Sie das Gegentheil behaupten, so find Sie . . ."

Nun was denn? Wenn ich bitten darf . . ."

Ein Mensch, der nichts versteht" platzte der Wirth heraus.

Ei ei, das ist ja amüsant."

Nichts da, amüsant, zum Donnerwetter."

Ruhig, nur ruhig, mein lieber Chef" und wieder strich der alte Herr den Bart und nickte dem Andern freundlich zu.

Der Tausend! daß ich Sie doch nicht gleich erkannte! Entschuldigen Sie, Herr Beckers aber wie konnte ich auch gerade an Sie denken."

Hat gar nichts zu sagen, Herr Jonas, oder, wie ich Sie wohl jetzt nennen muß, Herr College, da Sie sich selbst­ständig gemacht haben . . ."

Zuviel Ehre wehrte der Andere ab, Ihr großes Hotel und meine kleine Bahnhofrestauration . . ."

Ich habe noch kleiner angefangen und darauf bin ich stolz. Sie können es ebensoweit bringen, wenn Sie es beim richtigen Ohr anfassen und Sie haben das Zeug dazu."

Wie geht es Ihnen denn sonst?"

O danke, ich kann nicht klagen, es macht sich, freilich bis zu dem, was Sie geworden sind, habe ichs noch wett . . ."

Nur ruhig, mein lieber Chef, Sie sind ja noch jung; Eile mit Weile!"

Beide lachten in der Erinnerung an die Thätigkeit Jonas' als Chef in Beckers großem Gasthofe.

Nehmen Sie es nicht Übel, Sie sind doch noch immer der Alte und wie es Ihnen geht, brauche ich eigentlich gar nicht zu fragen, denn . . ."

Ja, jünger geworden bin ich in der Zeit just nicht, ich denke mich so langsam vom Geschäft zurückzuziehen, um es meinem Sohne zu übergeben. Es ging doch damals manchmal recht lustig zu. Die Krone Ihrer tollen Streiche ! aber war und bleibt, daß Sie einer Küchenelevin eine Liebes-