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Schränken und Prachtwerke aller Art. Und der Arbeitsraum seines Vaters genau hergerichtet, wie er immer gewesen war. Wie grundverschieden waren diese beide Frauen.
„Meine Gnädige — es sind zwei ganz ungleiche Welten, in der Sie Beide leben — wenn meine Mutter Sie genau kennen würde, so müßte sie Sie gewiß lieb gewinnen. Sie schätzt Klugheit und Güte —" er lächelte. „Diese letztere durfte ich ja entdecken."
Sie ballte ihr Spitzentaschentuch.zusammen. „Ehrlich — sind Sie! Ich danke Ihnen, daß Sie mich mit keiner Phrase abfanden. Also — im Anfang würde sie mich wohl mißtrauisch betrachten — „die Weltliche", die „Oberflächliche." Sie reckte plötzlich ihre Arme aus, als fasse sie nach etwas in der leeren Luft. „Aber sehen Sie, ich würde um Ihre Liebe betteln und werben, bis sie mir gut würde. Ja, das wollte ich — und — ich, ich würde siegen." Dann sprang sie auf. „Lassen Sie sie kommen, machen wir die Probe."
Sie hielt ihm die Hand entgegen, als solle er gleich einschlagen. Er schüttelte aber den Kopf.
„Gnädige Frau, meine Mutter würde das kaum thun, sie haßt das Brausen der Weltstadt, sie giebt ihre Beschaulichkeit nur einer zwingenden Nothwendigkeit halber auf."
Ebbas Blicke suchten den sinkenden Tag draußen. „Wenn die sich einmal einstellte, dann also —" sagte sie, wie traumverloren.
Ihn überkam ein tiefes Mitleid mit ihr, sie war eine arme „reiche Frau".
Und sonderbar, wie wenig sie die eigenen Kinder ausfüllten, sie liebte den Vater derselben nicht.
„Nun," sagte sie plötzlich, sich zu ihm zurückwendend, „kommen wir zu dem anderen Capitel, nach der Kindheit die Studien. Das kann ich ganz allein durchblättern. Sie waren natürlich der fleißigste Student, Sie machten ein glänzendes Examen, denn Sie sind ein ganzer Mensch und können nichts Halbes thun."
„Frau Lund —"
„Sehen Sie, da ist auch nicht eine Correctur." Das Tuch wurde wieder spielend auf ihrem Schooß geglättet, die kleinen unruhigen Finger mußten immer etwas zu thun haben. „Und nun sind Sie wieder dran — die Liebe! Natürlich, die erste rührende und blödeste fällt in die Schuljahre — sie hieß?"
Er lachte. Wie gern sie ihn lachen hörte.
„Natürlich lvar's — Nachbars Käthchen. Nicht mal ein Honoratiorenkind, das blonde Töchterlein eines ehrsamen Schlossers, zwölf Jahre alt. Wir theilten uns Aepfel, pflückten heimlich aus den elterlichen Gärten die schönsten Blumen und versprachen einander feierlich, uns, wenn wir groß geworden, zu heirathen. Sie war die Treulose, denn während ich auf dem Gymnasium war, trat sie das Hausfrauenregiment im „Weißen Roß", dem ersten Gasthof des Städtchens an — kaum siebzehn alt. Sie hat mir später manchen Schoppen Bier eigenhändig kredenzt, die hübsche Wirthin und dann sprachen wir von der glücklichen Kindheit."
„Können wir nummernweis fortfahren?" fragte die schöne Frau.
„Ja — denn die ernste Arbeit ließ mich nicht viel an Allotria denken. Die zweite war eine Professorstochter, lichtbraun und überschlank, mit Rosen und Lilien auf Wangen und Teint — von der Schwindsucht gemalt. Sie starb als Braut eines Theologen und ich las die Gedichte Ernst Schultzes „An Cäcilie" und Höltys melancholische Lieder".
„Kenne ich nicht einmal," gestand Frau Ebba! „Himmel, welch ein modernes Geschöpf ich bin! Verachten Sie mich nicht und — werden Sie positiver, mein Herr Doctor."
„Werden Sie mich sehr verspotten," die Beichte, welche er dem reizend fragenden Gegenüber ablegte, amüsirte ihn nun selber, „wenn ich gestehe, daß mich für die ganze Zeit meines Studiums in München eine Neigung an ein Natur
kind, eine rothhaarige Kellnerin fesselte —" er seufzte leise. „Es war mir nicht leicht, von der armen, guten Toni zu scheiden — aber sie war geständig. Mir wars bange, als habe sich die Jugend mit ihrer Sorglosigkeit und Fröhlichkeit von mir gewendet — damals. — Und," nach einer Pause, „das wäre Alles, gnädige Frau, für das betreffende Capitel."
„Ah —" sie sah zur Decke empor.
„Sie sind ein ganz verständiger Mensch gewesen, Herr Doctor! Nun, wer "weiß, ob sich das nicht rächt, wenn erst einmal die „große Liebe" kommt. Es soll nämlich Leute geben, die daran glauben."
„Sie auch — gnädige Frau?" Sie schien diese Frage nicht beachtet zu haben. „Eines ist mir aufgefallen, Herr Doctor, Sie haben sich immer in ltchten Nüancen bewegt, nicht einmal sprachen Sie von einer Braunen. Das ist nichts, als eine statistische Wahrnehmung."
Er machte eine rasche Bewegung, seine Gesichtsfarbe erhöhte sich. „Ah, nein, ich war ungenau — nur einmal, hi.r in Berlin, faßte ich ein kurzes, aber sehr lebendiges Interesse für ein schönes, schwarzhaariges Mädchen — sie erinnerte an eine belebte Statue — aber, Sie sehen, sie ist fast ganz vergessen gewesen, sie war nur kurze Zeit in meiner Praxis aufgetaucht, ich behandelte einen Angehörigen von ihr. Ueber das „guten Tag" sagen ist es nicht hinausgekommen, auch war das Interesse nur auf meiner Seite."
Sie spielte mit einem Kaminfächer, einem kleinen Meisterwerk der Miniaturmalerei, unter dem ein berühmter Name stand.
„Und nun gehört Ihr Herz der Wissenschaft, den Kranken, der ganzen Menschheit —"
„So sollte es eigentlich sein," meinte er, aufstehend. Die Uhr zeigte seine herannahende Sprechstunde.
Ihre Finger waren kalt, als sie dieselben in die seinen legte.
„Grüßen Sie mir Ihre Mutter, obwohl wir so verschieden sind. Es wird schon irgend etwas geben, wo unsere Meinungen sich begegnen — irgend ein Gebiet oder eine Ansicht- zum Beispiel bei der, daß Sie ein sehr verständiger Mensch sind."
„Das unterschreibt Frau Anna Hallsberg nicht bedingungslos," erwiderte er.
Als sich die Thür hinter ihm geschlossen, ließ sie den Fächer achtlos aus den Händen gleiten. Wie sonderbar er gefragt hatte, ob sie an die große Liebe glaube! Bah — das Märchen, der Kinderglaube!
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Als die Kubaitz, den Federhut auf, ein dreieckiges Tuch umgeschlagen, die Finger in Handschuhen, die sie nur zu seltenen Gelegenheiten aus der Commode nahm, durch den großen Garten schritt, welcher die Lundsche Billa umgab, schüttelte sie mißbilligend den Kopf.
„Nee, solch ein Reichthum! Das ist garnicht möglich, daß den ein Mensch allein bewegen kann. Was blos man das Grundstück kosten muß."
Als sie die Klingel zog, dachte sie wieder an einen Ausspruch ihres Seligen. „Das Eisen schmieden, so lang es heiß ist! Die Pfoten kann man sich ja freilich dabei wohl verbrennen, aber, das heilt wieder."
Ja, in der Flottwellstraße schmiedeten sie ihr das Eisen lange nicht heiß genug. Sie hatte gegen die Schwester ihre größte Mißbilligung aussprechen müssen, als sie gestern gekommen war, um zu hören, was die gehört und gesehen.
„Gar nichts," hatte die Henzen gestehen müssen, ganz flüchtig war nur der Doctor dagewesen und hatte nach dem Jungen gesehen, Henzen aber, von dem war zu erzählen. Der' machte sich einen guten Tag und saß meistens vorn in der Destille und hatte, als er betrunken nach Hause kam, behauptet, solch ein wundervolles Frauenzimmer, wie die Ida, die dort hinter dem Schreibtisch stehe, sei in ganz Berlin nicht zum zweiten Male. Die könnte auf einen rechten Witz eine rechte Antwort geben.


