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strömenden Freude gegenüber doch gar zu verständig und hausbacken erschienen und am wenigsten hatte ihm die Aufnahme gefallen, welche das sonderbare Verlangen seines 1 Vaters, ihr Leben zu versichern, bei ihr gefunden. Elgent- ) lich hätte er ihr dankbar sein müssen für die gute Art, wte .
sie es auffaßte, aber das Gegentheit war der Fall, es hatte I
darin etwas gelegen, wodurch sein Feingefühl verletzt worden war und worüber er nicht ganz hinauskommen konnte.
Adolf hatte diese Empfindung niedergekämpft, aber er fühlte sie wieder und in verstärktem Maße in sich aufsteigen, als er Anna in die erleuchtete Wohnstube folgte, wo sie seiner Mutter mit dem Ernst und der Wichtigkeit, die einem solchen Ereigniß in der Landwirthschaft gebührt, von den Ergebnissen des heutigen Schlachtfestes berichtete.
Sie war dabei hold und lieb wie immer und er hatte sie ost genug gerade durch dieses gänzliche Aufgehen in die häuslichen Geschäfte, reizend und begehrenswerth gefunden. Heute aber hatte er einen anderen Klangin Ohr und Herzen- mit einem leifen Schauer gestand er sich die Beschränktheit ihres Blickes, die Gebundenheit ihrer Anschauungen ein.
Auch früher war er dafür nicht blind gewesen, da war aber die Weltfremdheit und Unwsisenheit des jungen Geschöpfes nur ein Reiz mehr, und wahrlich nicht der geringste, in seinen Augen geworden. Er hatte sich ausgemalt, wie er ihren Gesichtskreis erweitern, ihren Geschmack bilden, ihren Sinne erschließen wolle für all das Schöne und Erhabene, was die Welt zu bieten hat. Er hatte ihr Bücher gebracht, in denen sie in jeder Mußestunde las und über welche er mit ihr sprach und er hatte sich eingebildet, schon Fortschritte an ihr zu bemerken. Jetzt überkam ihn plötzlich eine große Muthlosigkeit. Es wollte ihn bedünken, als sei jede Mühe vergeblich, lange Versäumtes nachzuholen- ja er fragte sich, ob bei Anna die Vorbedingungen vorhanden, welche für das Gelingen eines solchen Bildungswerkes doch unerläßlich sind.
Nicht an jenem Tage waren ihm alle drese Zweifel gekommen, sondern langsam, allmälich und sie hatten sich verstärkt nach jeder Begegnung mit Anna, nach jedem Wiedersehen mit Carola Münter. Je näher er die Letztere kennen lernte, desto ungünstiger fiel der Vergleich für, Anna aus, und er hatte sie während der letzten Monate ziemlich oft gesehen. .
Der Amtsrath Wenzel hatte nicht den Wunsch, wahrend der Abwesenheit seiner Tochter eine lebhafte Geselligkeit zu pflegen und seine Cousine, wie Carola stimmten ihm darin vollkommen bei, er war jedoch zu billig denkend, um dem jungen Mädchen jeden Verkehr mit Altersgenossen abschneiden zu wollen und hatte deshalb Adolf Göbener dringend eingeladen, so oft es seine Zeit erlaube, nach Waldhof zu kommen.
Der Letztere hatte bei jenem Abschiedsbesuch, den er Meta gemacht, seinen besonders guten Tag gehabt und Allen gefallen, besonders aber Carola. Dem Amtsrath, der, wenn er wollte, ein recht feiner Beobachter sein konnte, war dies ebenso wenig entgangen, wie daß der Eindruck ein gegenseitiger und bei Adolf wohl noch ein viel stärkerer sei, und merkwürdigerweise war ihm die Lust gekommen, hier ein wenig Vorsehung zu spielen.
Er hatte gegen Adolfs Persönlichkeit durchauv nichts einzuwenden, man nannte ihn tüchtig in seinem Fache und als Sohn eines anerkannt reichen Mannes mußte ihm früh oder spät ein ansehnliches Vermögen zufallen, er konnte seiner zukünftigen Gattin eine nach allen Seiten gesicherte und angenehme Stellung bieten. Die Bedenken wegen der nahen Verwandtschaft mit dem alten Göbener, die er im Falle der Heirath seiner eigenen Tochter mit Adolf gehabt hätte, fielen bet Carola weg, und zu alledem kam, daß er sich dem jungen Mann gegenüber ein wenig wie ein Schuldiger vorkam. Man hatte ihn doch lange in der Hoffnung gewiegt, daß er Metas Hand erhalten sollte und war ihm einen Ersatz schuldig, schon wegen der guten Art, mit welcher er die Sinnesänderung der jungen Dame hingenommen hatte.
Amtsrath Wenzel war weit entfernt davon, zu ahnen, daß und bei wem Adolf diesen Ersatz schon längst gefunden hatte. Hätte ihn selbst Jemand darüber aufgeklärt, so würde er ungläubig den Kopf geschüttelt haben, denn Anna Holten wäre ihm, nach Allem, was er von ihr kennen gelernt, durchaus nicht als das Mädchen erschienen, zu welchem Adolf eine so tiefe Liebe fassen könne, um es ihretwillen auf einen Eonflict mit dem Vater ankommen zu lassen.
Viel stärkeren Zweifeln wäre -allerdings noch die Mittheilung begegnet, der alte Göbener hätte seinem Sohn erlaubt, das arme, nach seiner Auffassung bei ihm das Gnaden- brod essende Mädchen zu heirathen. Befürchtete er jedoch, falls sein Plan mit Carola greifbare Gestalt annehmen sollte, ihrer Vermögenslosigkeit halber den Widerstand des Alten, dem er nur durch eine angemessene Aussteuer zu begegnen hoffte.
Es kam jedoch Niemand, welcher den Bewohnern von Waldhof eine solche Kunde gebracht hätte, und so überließ sich der Amtsrath seinen Zukunftsplänen und Carola gab sich ohne solche practische Erwägungen ganz einfach und naturgemäß dem Wohlgefallen hm, das Adolf ihr einflößte.
Das Geheimniß wurde gewahrt, obwohl Adolfs Geschwister doch darin eingeweiht worden waren. Das Ueber- aewicht des Alten war viel zu stark, als daß Jemand gewagt hätte, seinem bestimmt ausgesprochenen Willen entgegen zu handeln, zumal man fürchten mußte, ihn dadurch zu veranlassen, die gegebene Erlaubniß zurückzunehmen. Man traute in dieser Beziehung dem Frieden ohnehin nicht, da Goebeners Handlungsweise gar nicht recht mit seinem sonstigen Character in Einklang zu bringen war.
Auch Doctor Holten wußte oder ahnte vielmehr rote Die Dinge lagen, abgesehen davon, daß er der Letzte gewesen wäre, durch welchen der Amtsrath hätte davon erfahren können, war er viel zu stolz und fühlte er sich viel zu tief verletzt, um sich den Anschein zu geben, als sei er von einer Angelegenheit unterrichtet, die ihn so nahe anging und in die man ihn doch nicht eingeweiht hatte. Da er nicht mehr nach Rapshagen kam, hatte er die Schwester seit Monaten nicht gesehen- sie wagte, eingeschüchtert durch den Alten, ihm kaum einen Gruß oder ein Paar Zeilen zu senden und so war eine leichte Entfremdung zwischen den Geschwistern eingetreten. , , ra
Am strengsten wurde jedoch seit einiger Zeit das Ge- heimniß von Adolf Göbener selbst gewahrt — so streng, daß er am liebsten für sich selbst ein solches daraus gemacht hätte, und nicht ohne Bangen dachte er der Möglichkeit, sein Vater könne plötzlich anderen Sinnes werden und die Verlobung veröffentlichen wollen.
Amtmann Göbener konnte sich jetzt nicht mehr darüber beklagen, daß sein Sohn allzuhäufig Gast in Rapshagen sei. Dringende Arbeiten vorschützend, lleß er sich nur selten und auf kurze Zeit int Elternhaufe sehen und war, wenn er sich dort aufhielt, von so wechselnder, ungleicher Stimmung, daß es seiner Mutter bald ausfiel und sie sich und ihn mit der Besorgniß quälte, es möchte mit seiner Gesundheit nicht gut bestellt sein. „ .
Sie wäre nie auf die Ursache für sein verändertes Weisen gekommen. Wie hätte die gute, ehrliche Frau den Gedanken saffen können, ihr vergötterter Sohn habe dem Mädchen, das sie tote ihre leibliche Tochter liebte, um dessen Besitz er mit allen Kräften gerungen, bereits wieder tm Herzen die Treue gebrochen. „ .
Fndeß „was kein Verstand der Verstandtgen dem ; einfachen, kindlichen Gemiithe Annas war der wahre Zustand ihres Verlobten nicht ein solches Buch mit sieben Siegeln : geblieben. Hatte sie seinem Liebeswerben doch nnr sehr : langsam und zagend Gehör gegeben, nicht nur aus Furcht , vor dem alten Göbener, sondern im Gefühl der eigenen . Nun sie ihm aber einmal ihr Herz geschenkt hatte, h:ng . es an ihm mit unzerreißbaren Banden und je weniger sie


